Sport Die Debatte über den Adler
«Kaliningrad.» Ein Sieg gegen das bereits ausgeschiedene Costa Rica im letzten Gruppenspiel heute in Nischni Nowgorod und die „Nati“ könnte sogar als Gruppenerster vor Brasilien ins Achtelfinale kommen. Doch nach dem Sieg gegen Serbien am vergangenen Freitag steht nicht die sportliche Entwicklung des Teams von Trainer Vladimir Petkovic im Fokus. Noch immer beherrschen die Jubelgesten von Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri die Schlagzeilen. Beide sind kosovo-albanischer Abstammung, und beide kreuzten beim Torjubel ihre Arme vor der Brust als Symbol für den Doppeladler auf der albanischen Flagge – auch Stephan Lichtsteiner zeigte nach dem Siegtreffer diese Geste. Die Fifa verhängte gegen die Spieler eine Geldstrafe in Höhe von 25.000 Euro, die so relativ glimpflich davongekommen sind. In der Schweiz hatten viele mit einer Sperre gerechnet, da die Fifa politische Aktionen von Spielern während des Turniers untersagt. Der Verband wollte offenbar nicht zum Äußersten greifen, um die Situation zu entschärfen. Der Verlust ihrer drei besten Spieler im entscheidenden Gruppenspiel hätte die „Nati“ kaum kompensieren können. Alleine dass Lichtsteiner die Geste ebenfalls gemacht hat, zeigt, dass in der Mannschaft die Debatten längst überwunden sind, wie sie die Schweiz nach dem Serbien-Spiel über die sogenannten Secondos erneut führt. Die Schweizer nennen die Nachgeborenen ihrer Einwanderer Secondos. Im Team der Eidgenossen sind einige Spieler mit Wurzeln auf dem Balkan – nicht nur Shaqiri und Xhaka. Kapitän Lichtsteiner hatte vor drei Jahren eine Secondo-Debatte im Land losgetreten. Der in Adligenswill im Kanton Luzern geborene Profi sagte damals im Kontext von Nichtnominierungen der Spieler Pirmin Schwegler und Tranquillo Barnetta: „Es ist wichtig, dass wir auf unsere Identifikationsfiguren aufpassen. Mir geht’s nicht um richtige Schweizer und die anderen Schweizer, sondern darum, dass sich das Volk weiter mit der Nationalmannschaft identifizieren kann.“ Mittlerweile schwärmen die Spieler vom Klima in der Mannschaft, das die Schweiz erstmals seit 1954 über ein Achtelfinale bei einer WM hinaustragen könnte. Xhaka und Shaqiri sagten in Kaliningrad, ihre Gesten seien aus der Emotion herausgekommen. Die serbischen Fans hatten von der Tribüne geschrien: „Tötet die Albaner“. Wer die Familiengeschichten der beiden liest, kann Verständnis entwickeln. Trotzdem waren die Jubelgesten falsch. Sie tragen nicht zur Versöhnung bei nach den Kriegen auf dem Balkan und sie gefährden den sportlichen Erfolg. Dabei hatte Shaqiri nach dem starken Auftritt gegen Serbien konstatiert: Einen Rückstand in so einem Spiel aufgeholt zu haben, hätte die Elf vor einigen Jahren nicht geschafft. Nun regierte die Secondo-Debatte die Öffentlichkeit, rechte Politiker erklärten, sie könnten sich nicht über den Schweizer Sieg freuen: „Die beiden Goals sind nicht für die Schweiz gefallen, sondern für den Kosovo“, twitterte die SVP-Vertreterin Natali Rickli. Viele andere sehen die Torschützen als Schweizer. Die Tageswoche in Basel schreibt: „Doppelte Zugehörigkeit. Das passt schon.“ Gegen Costa Rica müssen die Spieler beweisen, dass sie sich durch die jüngsten Diskussionen nicht aus dem Konzept haben bringen lassen.