FCK RHEINPFALZ Plus Artikel „Die Beziehung hat sich verändert“: Fans der Roten Teufel blicken auf ihr Jahr

Ein seltenes Bild in dieser Saison: FCK-Fans in der Westkurve, hier beim Derby gegen Waldhof Mannheim. Den Anhängern fehlen die
Ein seltenes Bild in dieser Saison: FCK-Fans in der Westkurve, hier beim Derby gegen Waldhof Mannheim. Den Anhängern fehlen die Begegnungen, fehlt die Atmosphäre.

Es war in vielerlei Hinsicht ein außergewöhnliches Jahr für den Fußball-Drittligisten 1. FC Kaiserslautern. Und damit natürlich auch für dessen Fans. Wie haben diese Geisterspiele, Insolvenzverfahren und sportliche Enttäuschungen erlebt? Sorgen vor der Entfremdung treffen auf Hoffnung und einen außergewöhnlichen Wunsch.

Es sind Momente wie diese, in denen Mathias Schmitt einmal mehr klar wird, was ihm so fehlt. Mit den anderen Fans, mit seinen Kumpels in der Kurve stehen, danach noch das Bierchen am Kiosk. Plaudern. Mit Blick auf das Sportliche, auf nur 18 Punkte aus 17 Spielen, gesteht der 45-jährige Lehrer: „Nach dem 2:0-Sieg gegen Uerdingen habe ich mich dabei ertappt, wie ich mir die Tabelle angesehen und gerechnet habe. Aber wir sind so oft enttäuscht worden in den letzten Jahren. Wenn die Mannschaft wenigstens mal bis zum Schluss oben mitspielen würde ...“ Als coronabedingt zwar keine Zuschauer im Stadion zugelassen waren, aber zumindest Treffen nicht nur im engsten Kreis möglich waren, hat er sich die Spiele gemeinsam mit seinen FCK-Freunden angeschaut. In einer Gaststätte, die kaum mehr als einen Steinwurf vom Betzenberg entfernt liegt.

Schmitt ist Mitglied im Fanclub „Red Devils Overchurch“ in seinem saarländischen Heimatort Oberkirchen. Seit 30 Jahren hat er eine Dauerkarte in der Westkurve, ist FCK-Fan seit fast 40 Jahren. Sein Vater, der selbst knapp 50 Jahre lang Dauerkarteninhaber war, nahm ihn erstmals mit auf den „Betze“.

Wunsch: „Dass alle an einem Strang ziehen“

Hoffnungen setzt er in den angekündigten weiteren Entscheidungsträger im Bereich Profisport: „Eigentlich müsste er schon da sein, die Transfers in der Winterpause tätigen und den Kader für die Zukunft ausrichten.“ Sorgen bereiten ihm die mehr als fünf Millionen Euro Schulden, die auch nach Abschluss des Insolvenzverfahrens auf dem e. V. lasten. „Ich hoffe, dass die regionalen Investoren hier noch einmal den Geldbeutel aufmachen. Sie wollen sicher nicht ihr bereits investiertes Geld verbrannt wissen, sicher auch nicht, dass der Mutterverein finanziell vor die Hunde geht.“ Sein Wunsch für 2021: „Dass alle an einem Strang ziehen, unabhängig vom Sportlichen. Es wird so oft von der FCK-Familie gesprochen. Wir hatten in der Vergangenheit zu viele Grabenkämpfe, Eifersüchteleien, Selbstdarsteller. Dieser Ärger wirkt sich auch auf die Fanszene aus.“

Fan bleibt Fan

Thomas Iselborn ist seit fünf Jahren Vorsitzender des knapp 100 Mitglieder zählenden FCK-Fanclubs „Prinzengarde“ Rockenhausen. Seine sportliche Bilanz des Jahres: „Das war sehr enttäuschend. Trotz einer Mannschaft – sowohl in der Rückrunde als auch in der jetzigen Hinrunde –, die vom Budget her oben mitspielen sollte, trotz allen Bekundungen, welch gute Mannschaft es ist. Es wurden immer große Worte gemacht, aber auf dem Platz hat man viel zu selten etwas gesehen.“ Der 50-Jährige hat die Spiele am Fernsehen verfolgt. „Auch wenn man sich viel ärgert: Fan bleibt Fan. Man lässt ja seinen Verein nicht hängen und versucht wenigstens so zu unterstützen. Grundsätzlich ist seit Jahren der Wurm drin. Manager, Sportliche Leiter und Trainer werden permanent ausgetauscht. Dahingehend ist einfach zu viel Unruhe im Verein.“ Das Insolvenzverfahren in Eigenregie sei wohl der einzige Weg gewesen, um weiterzumachen – es bleibe aber ein bitterer Beigeschmack. Wenn der sportliche Erfolg, wenn der Aufstieg in die Zweite Liga ausbleibt, werde es in zwei, drei Jahren wieder ganz düster um den FCK aussehen, prognostiziert Iselborn.

Ähnlich wie Mathias Schmitt fehlt auch ihm als Fan so einiges in diesen Corona-Zeiten: „Die Abläufe bei den Heimspielen gehörten zu unserem Ritual: mit dem Zug in die Stadt, diverse Anlaufstellen, das Fachsimpeln, bevor es frohen Mutes auf den Betze in den Block 9 geht.“ Gleiches gelte auch für den Fanclub: keine Stammtische, keine gemeinsamen Auswärtsfahrten, kein Sommerfest, keine Herbstwanderung, keine Weihnachtsfeier. „Ich hoffe, im kommenden Jahr können wir unser 25-jähriges Jubiläum feiern.“

„Der Verein ist am Boden“

Zwölf Mitglieder zählt der FCK-Fanclub „Leiselsbachteufel“ in Albisheim im Zellertal. „Der Verein ist am Boden“, bilanziert Leander Schröder, seit 2007 Vorsitzender des Fanclubs. „Die letzten Jahre ist es doch immer das gleiche, da können noch so viele Trainer geholt werden. Entweder sind es Fehleinkäufe oder die Mannschaft passt nicht zusammen. Auf dem Feld agieren sie viel zu ängstlich und ohne Risiko. Wenn sie wenigstens in jedem Spiel kämpfen und laufen würden. Leider ist es nicht mehr der Betze von früher – traurig aber wahr. Aber wie sagt man so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Auch wirtschaftlich schaut der 59-Jährige mit Sorgen in Richtung Betzenberg: „Da ist ganz viel schiefgelaufen. Die Wahrheit bekommen wir eh nicht heraus. Ich frage mich, wie es nur möglich ist, einen Verein so derart herunterzuwirtschaften.“

„Resignation macht sich breit“

Günter Geiger aus dem südpfälzischen Oberhausen, Vorstand der SpVgg Oberhausen/Barbelroth, erzählt: „Ich schaue mir die FCK-Spiele nur noch ganz selten im Fernsehen, oder als es noch möglich war, im Stadion an. Es enttäuscht mich zu sehr. Ich lese aber Zeitung. Roter geht es nicht als in unserem Bekanntenkreis, aber es ist teilweise schon Resignation, die sich bei den Leuten breitmacht.“ Was die wirtschaftliche Situation betreffe, so sei es schwierig, wenn wenig Geld da ist, gute Spieler oder Trainer zu kriegen. „Viele gehen ja lieber woanders hin als zum FCK.“ Der Sieg vor Weihnachten gegen Uerdingen sei elementar wichtig gewesen. „Mit den vielen Unentschieden trittst du ja nur auf der Stelle. Und viele fragen sich: Warum sind dieselben Spieler bei anderen Klubs besser als beim FCK?“, sagt der 58-Jährige. Seine Hoffnung: dass der FCK auch mit Hilfe der Investoren die Kurve kriegt. „Aber der Profifußball generell wird es wegen der Pandemie schwerer haben mit der gesellschaftlichen Akzeptanz“, meint Geiger.

„Zu schnell zu kritisch“

Gunther Kraft aus Deidesheim, früher Landesliga-Fußballer unter anderem beim 1. FC 08 Haßloch, sagt: „Für mich als Fan waren viele FCK-Spiele in diesem Jahr grausam anzuschauen. Gleichzeitig hat die Insolvenz wie ein Damoklesschwert immer über allem geschwebt. Sportdirektor Notzon hat wie alle Verantwortlichen dort oben wirklich schwere Arbeit zu verrichten. Ich denke, er hat gute Leute geholt, aber was dabei rausgekommen ist, passt bisher halt wieder nicht.“ Für den 47-Jährigen sind auch die FCK-Fans ein Problem. „Sie sind teilweise zu schnell zu kritisch. Oder es gibt bei vielen nur himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt. Das letzte Spiel 2020 gegen Uerdingen war gut, da haben die Rädchen besser ineinandergegriffen. Hercher muss spielen, Sickinger muss man den Druck der Kapitänsbinde nehmen, dann kann er befreiter aufspielen. Ich glaube aber, es wird bis zum Schluss Abstiegskampf pur.“

„Wir sind der FCK“

Peter Hammerschmidt kann sich noch gut an den 7. März erinnern, an das 3:3 gegen den SV Meppen, als die Roten Teufel kurz vor Spielende eine 3:1-Führung aus der Hand gaben. „Mit hängenden Köpfen verließ ich zusammen mit all jenen, die seit Jahren Schmerz und Freude mit mir in Block 8 teilen, das Stadion in Richtung Innenstadt“, sagt der 34-jährige Lehrer. Auch wenn Corona da bereits Thema war: „Die Wucht der Pandemie und ihre Auswirkungen auf den Fußball konnte ich mir aber zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen.“ Neun Monate später: „Sportliche Tristesse im Niemandsland der Dritten Liga und die Frustration über vereinspolitische Entscheidungen bestimmen die Gedanken an meinen FCK. Und doch hat man viel stärker als vorher das Gefühl, nur Zaungast aktueller Entwicklungen zu sein und Entscheidungen oftmals ohnmächtig gegenüberzustehen“, sagt der Miesenbacher – und fügt an: „Wenn ich mit Weggefährten und Leidensgenossen heute über die Situation spreche, wird deutlich, dass sich die Beziehung zum FCK verändert hat. Bei vielen hat sich Resignation breit gemacht, viele sind müde.“

Bei ihm sei das jedoch anders. „Viele Freundschaften sind so eng mit diesem Berg und seinem Stadion verbunden. Mehr als vorher spüre ich, was den FCK wirklich auszeichnet: weit mehr als die elf Kicker auf dem Platz, deren Namen ohnehin jede Saison wechseln; weit mehr als Auf- oder Abstieg; weit mehr als ein Ergebnis. Es ist die vielbeschworene FCK-Familie, die sich nach dieser Pandemie wieder auf dem Betze treffen wird, ganz unabhängig von Tabellenstand, irgendwelchen Transfer-Flops oder Investoren-Geklüngel. Wir werden immer da sein. Denn wir sind der FCK, niemand sonst. Dieses Bewusstsein hat die Pandemie nur verstärkt!“

Heiratsantrag im Stadion?

So sieht es auch Mandy Stuke: „Es ist eine Familie, die man da hat, auf die man sich freut. Man geht in die Westkurve rein, da stehen 10.000 Leute, und man weiß: Ich gehöre dazu.“ Konnte die stellvertretende Vorsitzende des Fanclubs „Wir sind Betze“ zwischenzeitlich die Spiele zumindest mit weiteren Fanclub-Mitgliedern in einer Lauterer Sportsbar verfolgen, schaute sie zuletzt zu Hause in Kirn zusammen mit ihrer 90-jährigen Oma: „Man regt sich jedes Mal auf, fiebert dann aber dem nächsten Spiel entgegen“, sagt die 30-Jährige. Ein Lob gibt es von ihr wie auch von Mathias Schmitt für Trainer Jeff Saibene: „Ich finde ihn super. Er sagt klar, was er denkt. Ich hoffe, dass wir mit ihm langfristig Erfolg haben können.“

Intensiv verfolgt hat die medizinische Fachangestellte auch das Insolvenzverfahren. „Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen, dass sie das über die Bühne gebracht haben.“ Hängengeblieben sind bei Stuke aber auch die Querelen in dieser Zeit, die im Rücktritt von Jörg E. Wilhelm, dem Aufsichtsratsvorsitzenden der FCK-Kapitalgesellschaft, gipfelten. „Letztes Jahr bin ich voller Hoffnung aus der Jahreshauptversammlung, gerade nach den Worten von Markus Merk. Davon hat man dann bald nichts mehr gespürt. Es ist in diesem Jahr einiges schiefgelaufen. Ich habe aber das Gefühl, dass die Verantwortlichen langsam die Kurve kriegen.“ Die 30-Jährige spürt aber auch eine Entfremdung des Klubs zu seinen Fans. Das bereitet ihr Sorgen. „Ich bin FCK-Fan, seit ich denken kann, habe seit 18 Jahren eine Dauerkarte, mein Urlaub geht für Fahrten zu Auswärtsspielen drauf. Der FCK ist mein Leben.“

Und dann ist da noch ein ganz spezieller Wunsch für 2021: Ein Heiratsantrag ihres Lebensgefährten im Stadion. „Wir wollen dann auch im Stadion heiraten. Das Ja-Wort vor der Westkurve.“

Mathias Schmitt.
Mathias Schmitt.
Thomas Iselborn (rechts) mit dem FCK-Aufsichtsratsvorsitzenden Rainer Keßler.
Thomas Iselborn (rechts) mit dem FCK-Aufsichtsratsvorsitzenden Rainer Keßler.
Leander Schröder.
Leander Schröder.
Günter Geiger.
Günter Geiger.
Gunther Kraft.
Gunther Kraft.
Peter Hammerschmidt.
Peter Hammerschmidt.
Mandy Stuke.
Mandy Stuke.

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