Fussball
Die Bayern – ein verschworener Haufen
Für den Henkelpott war der mit den größten Muckis zuständig. Leon Goretzka packte die 7,5 Kilogramm schwere Trophäe für den europäischen Champion ganz lässig mit einer Hand, als die Mannschaft des FC Bayern im Hotel außerhalb von Lissabon angekommen war. Scheinbar ohne Mühe hielt er sie die paar Meter zum Eingang vor der Brust. Thiago brauchte da später schon zwei Hände, als er sich später den Pokal auf den Kopf setzte. Der Spanier, der wohl seinen letzten Auftritt für die Münchner hatte – und beim 1:0-Finalsieg gegen Paris St. Germain bewies, dass er eben schon einer für die ganz großen Spiele ist, - schien sich niemals so bayerisch zu fühlen wie an diesem Abend in Portugal. Er grölte voller Inbrunst die Vereinshymne „Forever Number One“ und dirigierte seine Mannschaft auf der Bühne, so wie zuvor im Stadion. Nach seiner Auswechslung hatte Thiago von außen im Stile eines Trainers die Kollegen angefeuert und instruiert. Auf die Maske, die die Spieler auf den Plätzen hinter der Trainerbank eigentlich tragen sollten, pfiff er.
Lucas Hernández feiert kräftig mit
„Ich habe selten einen verschworeneren Haufen erlebt als diese Truppe“, sagte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge bei der Party nach dem sechsten Königsklassen-Sieg und dem zweiten Triple nach 2013, die anders als sonst im ganz kleinen Kreis stattfand. Im Moment des Erfolgs sind es oft Szenen am Rande, die zeigen, ob die Einheit tatsächlich so riesig wie beschrieben oder allein dem Sieg geschuldet ist. Wie sich jene Spieler zum Beispiel verhalten, die nicht so viel beitragen durften. Als erstes fällt einem bei Bayern Lucas Hernández ein, Rekordtransfer des vergangenen Jahres, aber nach ein paar Verletzungsproblemen in der Abwehrhierarchie weit zurückgefallen. Beim Champions-League-Turnier war er nur gegen Barcelona zu ein paar Spielminuten gekommen. Doch nach dem Schlusspfiff war der Franzose einer der ersten Spieler, der Hansi Flick in die Arme fiel. Und auch als die Spieler sowohl im Stadion als auch später bei der Party den Trainer in die Luft warfen, war Hernández ganz vorne mit dabei.
Elf Spiele, elf Siege
Elf Siege in elf Spielen, noch niemals zuvor hatte es eine Mannschaft geschafft, alle Champions-League-Spiele einer Saison zu gewinnen, ebenso ein Rekord sind die 43 Tore. Robert Lewandowski wurde außerdem Torschützenkönig mit 15 Treffern – und vielleicht gibt es für ihn am Ende des Jahres noch eine Trophäe. Rummenigge wird jedenfalls alles dafür tun, dass die Weltfußballer-Wahl stattfindet. Das Finale war das einzige Spiel der Königsklasse, bei dem er leer ausging. Verschmerzbar, dass Kingsley Coman das Tor des Tages erzielte, denn Lewandowski darf sich endlich als Vollendeter fühlen, sieben Jahre nachdem er mit Dortmund in Wembley das Endspiel gegen Bayern verloren hat.
Schon oft sind bei Bayern den großen Siegen große Enttäuschungen vorausgegangen: Dem Triumph 2001 die Last-Minute-Niederlage gegen Manchester United 1999, dem Triple 2013 das verlorene Finale dahoam ein Jahr zuvor. Dieses Mal war jetzt war es kein singuläres Ereignis, aus dem sich die Gier speiste, sondern eine „Talsohle“, wie Thomas Müller die schwierige Phase im Herbst bezeichnete, die in der Entlassung von Niko Kovac gipfelte. „Im November war zu lesen, dass man keine Angst, keinen Respekt mehr hat vor der Mannschaft und wie schlecht sie einfach ist“, sagte Flick. Das hat den Kampfgeist geweckt, diese Motivation gepaart mit einem Trainer, der es verstand, die in Schieflage geratenen Dinge zu ordnen, den Spielern ihr Selbstvertrauen zurückzugeben.
Routiniers und Talente
Da waren zum einen die Routinierten, die beweisen wollten, dass sie noch gut genug für Europas Spitze sind, und zum anderen die Jungen um Joshua Kimmich, Teil einer hochtalentierten Generation, die mächtig aufs Tempo drückten, um nicht wie die Generationen zuvor zwei Anläufe zum Champions-Titel-Titel zu benötigen. „Die Jungs“, sagt Müller, „sind bereit zu leiden.“ Und sie sind füreinander da. „Wir streiten uns darum, wer den Fehler des anderen ausbügeln darf.“
Diese Einstellung führte zu einem „Gefühl der Unschlagbarkeit“, wie es Kimmich beschreibt. Aber es ist nicht mehr als eine Momentaufnahme, wie Flick weiß: „Der Erfolg ist nur gemietet. Und die Miete ist jeden Tag fällig.“ Ein paar Tage Aufschub haben der Trainer und die Bayern jetzt allerdings, ehe sie wieder liefern müssen. Die neue Saison beginnt für den Triple-Sieger am 18. September gegen Schalke 04. Der Weg dieser Mannschaft ist noch nicht zu Ende.