Fussball RHEINPFALZ Plus Artikel DFB-Frauen vom EM-Finale: Auf dem Erfolgszug

Giulia Gwinn hat bei Instagram 366.000 Follower. Für sie bleiben die sozialen Medien dennoch Nebensache – auch wenn sie von Sara
Giulia Gwinn hat bei Instagram 366.000 Follower. Für sie bleiben die sozialen Medien dennoch Nebensache – auch wenn sie von Sara Doorsoun-Khajeh zum Selfie gebeten wird.

Eine neue Generation von deutschen Spielerinnen könnte zu Persönlichkeiten des deutschen Fußballs werden. Ihr Vermarktungspotenzial ist beileibe nicht ausgereizt.

Nichts scheint solch eine harte Währung bei den deutschen Fußballspielerinnen zu sein wie Abrufzahlen bei Instagram oder TikTok. Da wird gerne mal untereinander verglichen, wer was bei dieser Frauen-EM bewirken konnte. Laura Freigang, die vor dem Finale zwischen England und Deutschland (Sonntag, 18 Uhr, ARD) am seltensten eingesetzte deutsche Feldspielerin, aber trotzdem durch ihre offene Art öffentlich sehr präsent, hat verraten, wie wichtig die sozialen Medien geworden sind. „Wir kämpfen ja um Anerkennung und mehr Aufmerksamkeit. Mit diesen Clips kann ich ganz viele Leute auf einer lockeren Ebene abholen“, sagt die Stürmerin von Eintracht Frankfurt. Sie erstellt Videoclips, die plötzlich vier, fünf Millionen Abrufe hatten. „Damit erreiche ich junge Menschen, die Frauenfußball vielleicht gar nicht auf dem Schirm haben.“

Ganz am Anfang des Turniers erschien die 24-jährige Freigang zusammen mit Giulia Gwinn auf einer Pressekonferenz am Grand-Union-Kanal im Londoner Stadtteil Brentford. Die Stimmung war bestens, schon bevor die Siegesserie gegen Dänemark (4:0), Spanien (2:0), Finnland (3:0), Österreich (2:0) und Frankreich (2:1) überhaupt begonnen hatte, Auch die 23-jährige Rechtsverteidigerin Gwinn kann sich sehr gewinnbringend verkaufen. Kapitänin Alexandra Popp hat sie bei der WM 2019 „die Hübscheste“ genannt. Gwinn wehrt sich nicht gegen solche Attribute, will aber nicht auf ihr Aussehen reduziert werden. Ihre Popularität steigt gerade rasant. Ihre Follower-Zahl bei Instagram liegt jetzt bei 366.000. Zum Vergleich: Der Kanal der DFB-Frauen steht bei 243.000. Gwinn ist der Social-Media-Star des Teams, sie sagt dennoch: „Es bleibt für mich eine Nebensache, mit der ich aber einiges bewegen kann.“ Dass daraus mehr als ein netter Nebenverdienst resultiert, verneint sie nicht. Vielleicht ist sie bald in der Werbung noch eine viele größere Nummer.

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15 Spielerinnen studieren

Beraten wird Gwinn von Felix Seidel. Mit seiner Agentur betreut er 40 Profi-Fußballerinnen, auch Gwinns Klubkollegin beim FC Bayern, Sydney Lohmann, gehört dazu. Seine Akteure, schreibt Seidel auf seiner Homepage, sollen ohne Größenwahn bekannt werden. Natürlich war auch der 40-Jährige in England vor Ort, ihn hat das Turnier gefesselt: „Taktik, Technik, Tempo – die Spielqualität ist so hoch wie nie. Dass sich der Frauenfußball in den vergangenen Jahren stetig weiterentwickelt hat, wird nun auf großer Bühne sichtbar.“ Ihm imponiert, wie dankbar die Spielerinnen für jede Form von Unterstützung sind – und dass sie alle schon einen Plan für die Karriere danach im Kopf haben. Freigang (Sportwissenschaften) und Gwinn (Sportmanagement) zählen zu den 15 EM-Spielerinnen, die ein Studium absolvieren. Seidel weiß aber auch: „Nach wie vor gibt es Spielerinnen, die in der Bundesliga auflaufen und von ihrem Gehalt nicht mal ihren Lebensunterhalt finanzieren können.“

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Topspielerin Gwinn gehört nicht dazu. Doch auch sie ist von den Millionengagen der Männer weit entfernt. Die besten deutschen Spielerinnen vom VfL Wolfsburg und FC Bayern sollen bei Monatsgehältern zwischen 10.000 und 15.000 Euro brutto liegen. Darüber lächeln manche Drittligakicker. Mehr denn je kann jetzt darüber debattiert werden, ob das gerecht ist, wenn die deutschen Frauen jetzt ein Endspiel gegen England bestreiten, dass in Wembley rund 87.000 Fans im Stadion und in beiden Ländern wohl 13, 14 Millionen Zuschauer an den Fernsehschirmen sehen. DFB-Präsident Bernd Neuendorf sagt: „Eine größere Sichtbarkeit als das EM-Finale in Wembley gibt es nicht.“ Rätselhaft nur, warum der Verband parallel zum Endspiel drei DFB-Pokalspiele der Männer angesetzt hat.

Lena Lattwein hat Bundeskanzler Olaf Scholz für dessen Aussage in der Prämiendiskussion kritisiert. Für das EM-Finale gegen Engl
Lena Lattwein hat Bundeskanzler Olaf Scholz für dessen Aussage in der Prämiendiskussion kritisiert. Für das EM-Finale gegen England (Sonntag, 18 Uhr) hat sich der Regierungschef angekündigt.

Der Rekord soll fallen

Spätestens ab dem ersten August-Wochenende, wenn in der Bundesliga wieder der Ball rollt, verlagert sich das Interesse ohnehin zu den Männern. Doch die Frauen tun jetzt etwas dagegen, um nicht ganz im Schatten zu verschwinden. Eintracht Frankfurt gegen Bayern München heißt erstmalig die Konstellation fürs Bundesliga-Eröffnungsspiel bei beiden Geschlechtern. Die einen machen am 5. August den Anfang, die anderen ziehen am 16. September nach. Jeweils ein Freitagabend, jeweils ist die Frankfurter Arena der Schauplatz. Ausverkauftes Haus bei den Männern, das ist klar. Und bei den Frauen dann 20.000, vielleicht 30.000 Besucher? Siegfried Dietrich, der Sportdirektor der Frankfurter Frauen, warnt vor überzogenen Erwartungen, aber der Zuschauerrekord aus dem Jahr 2014 (12.464 beim VfL Wolfsburg) soll auf jeden Fall geknackt werden.

Dietrich findet, dass die EM mit sich bringe, „manche Negativschlagzeilen der Vergangenheit als gesammelte Erfahrung abzuhaken“. Der Rückenwind werde diesmal nicht mit dem Abpfiff des Endspiels abflauen, beteuert der 65-Jährige, der eng mit den DFB-Granden in Kontakt ist. „Wir wollen nach der erfolgreichen EM mit allen Verantwortlichen der Liga und dem DFB ein neues Wahrnehmungszeitalter der Frauen-Bundesliga einläuten.“ Schon oft hat er das Vermarktungspotenzial herausgestellt – jetzt scheint es tatsächlich vorangehen zu können. Gerade sind die TV-Rechte neu ausgeschrieben worden. Der Bezahlsender Sky hat großes Interesse

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Der Kanzler kommt

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg wird ohnehin nicht müde, ihre „tollen Mädels“ zu loben. Die 54-Jährige erzählt immer gerne von „besonderen Persönlichkeiten mit tollen Geschichten“, die tatsächlich fast allesamt herrlich bodenständig, höflich, respektvoll und dankbar sind, neben wie auf dem Platz. Keine, die stehen bleibt, abwinkt oder den Kopf schüttelt. Die Bundestrainerin hat viele im Kader, denen die Zukunft gehört.

Lena Oberdorf, zum Beispiel. Gerade mal 20, aber schon Weltklasse. Ihre Robustheit und Widerstandskraft waren für die deutsche EM-Mission Gold wert. Packte Grätschen aus, die an Sergio Ramos erinnern. Hat sie sich wirklich bei Youtube abgeschaut. Oder Lena Lattwein. Gerade mal 22, aber schon so reif. Traumabi. Belegt Online-Kurse, um an der Uni Mannheim ihren Master in Wirtschaftsmathematik zu machen. Sie hat sogleich den unqualifizierten Tweet von Bundeskanzler Olaf Scholz zum Thema Equal Pay enttarnt. „Es ist immer einfach, so was zu sagen, ohne die Einblicke zu haben, wie die Bezahlungen zustande kommen.“ Mutig.

Laura Freigang ist bei der EM die am seltensten eingesetzte deutsche Feldspielerin. Ihre Online-Videos kommen aber trotzdem sehr
Laura Freigang ist bei der EM die am seltensten eingesetzte deutsche Feldspielerin. Ihre Online-Videos kommen aber trotzdem sehr gut an. Sie haben mehrere Millionen Abrufe.

Dass Politiker gerne auf einen Erfolgszug springen, ist bekannt. Fürs Finale hat Kanzler Scholz umgehend seinen ersten Besuch angekündigt. Englands Prinz William hat bereits im Trainingslager seine Frauen-Nationalmannschaft besucht. DFB-Boss Neuendorf ist derweil anzumerken, dass die vom deutschen Regierungschef befeuerte Debatte um eine angemessene Prämie nicht ausgestanden ist. Einerseits schwärmt er von der „tollen Vorbildfunktion“, andererseits erstickt er jegliche Diskussion, ob die vereinbarten Erfolgszahlungen – 60.000 Euro für den Sieg, 30.000 Euro als Zweiter – vielleicht noch erhöht werden könnten. Die Männer hätten 400.000 Euro für den EM-Sieg bekommen, den sie im Achtelfinale gegen England recht mutlos verspielten.

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Die Verhandlungen seien abgeschlossen, sagt Neuendorf. „Ich glaube, dass es jetzt primärer ist, den Pokal in die Luft zu recken.“ Doch der 60-Jährige scheint nicht abgeneigt zu sein, für die WM 2023 in Australien und Neuseeland auch die finanzielle Belohnung dieser Protagonisten zu erhöhen. Schließlich ist die Imagewerbung, die Gwinn und Freigang, Oberdorf oder Lattwein für den deutschen Fußball gerade betreiben, eigentlich unbezahlbar.

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