Fussball RHEINPFALZ Plus Artikel Deutsche Frauen nach der EM: Das Beste soll noch kommen

Doppelt bitter für Alexandra Popp: Die deutsche Torjägerin verpasste das Finale, das ihre Teamkameradinnen knapp und spät verlor
Doppelt bitter für Alexandra Popp: Die deutsche Torjägerin verpasste das Finale, das ihre Teamkameradinnen knapp und spät verloren.

Die deutschen Frauen haben das Endspiel der Europameisterschaft verloren, stellen aber trotz Enttäuschung die Errungenschaften der Wochen in England heraus. Jetzt geht es darum, die Aufmerksamkeit dauerhaft zu nutzen.

Es ist ein Titel, an den sich der deutsche Frauenfußball erst noch gewöhnen muss. Vize-Europameister. Wer wie auf Knopfdruck zwischen 1989 und 2013 insgesamt acht Mal das Endspiel gewann, sofern Deutschland mitspielte, der muss sich erst einmal sammeln, wie es Martina Voss-Tecklenburg nach dem verloren EM-Finale gegen England (1:2 nach Verlängerung) tat. „Vize-Europameister hört sich eigentlich gut an – aber es tut auch ein bisschen weh.“ Und doch hat es ja keinen Unterschied mehr zu einer in der Vergangenheit gewonnenen Welt- und Europameisterschaft gemacht: Am Montag wurde das deutsche Frauen-Nationalteam auf dem Frankfurter Römer begeistert gefeiert.

Viele Herzen erreicht

Der Empfang in der Heimat machten den Protagonisten endgültig klar, wie viele Herzen sie trotz eines zweiten Platzes erreicht haben. „Wir haben in unserer Blase ja nicht so viel mitbekommen“, sagte Voss-Tecklenburg. Die 54-Jährige ist überzeugt davon, dass die beste Zeit für ihr Ensemble erst noch kommt – und vielleicht ist es nicht verkehrt, aus dem unerfüllten Titeltraum noch einen Ansporn zu schöpfen. „Es hat nicht ganz gereicht, aber das wird uns dazu führen, den nächsten Schritt zu machen“, versicherte die Überzeugungstäterin vom Niederrhein. In nicht einmal einem Jahr findet die WM in Australien und Neuseeland (20. Juli bis 20. August 2023) statt. „Wir werden hoffentlich zur WM fahren als Mannschaft, die wieder begeistert, die mutig spielt.“

Um Geld ging es nicht, als Voss-Tecklenburg über eine goldene Zukunft sprach. Ihr ist wichtig, dass diese zusammengewachsene Gemeinschaft weitermacht. Ihre hoch geschätzte Abwehrchefin Marina Hegering versicherte als mit 32 Jahren älteste Akteurin sofort, dass sie weiterspielt. Wobei die ersten Länderspiele nach der EM, die letzten WM-Qualifikationsspiele in Bulgarien (3. September) und der Türkei (6. September), stimmungstechnisch einen Rückfall in die Steinzeit bedeuten: Statt 87.192 Fans wie in Wembley verlieren sich sehr wahrscheinlich wieder nur wenige Hunderte Zuschauer in einem Provinzstadion. Danach hat der DFB immerhin im Herbst ein Highlight-Länderspiel gegen Frankreich geplant – zuletzt wurde mit den TV-Anstalten um die Anstoßzeit gerungen.

Nachhaltiges Interesse erwünscht

Nachhaltiges Interesse wünscht sich auch Kapitänin Alexandra Popp, die beim Aufwärmen merkte, dass sie wegen einer Zerrung am hinteren Oberschenkel „keinen Schuss abgeben konnte, der fester als ein Rückpass war“ – und deshalb wohl oder übel fürs Finale passen musste: „Uns allen ist klar, dass wir einiges bewegt haben.“ Da gelte es weiterzumachen. Ihre Ersatzkapitänin Svenja Huth hofft, „dass das nur der Anfang war von dem Hype in Deutschland. Wir wollen die Zuschauer nachhaltig binden.“

Für den finalen Schritt auf den Thron braucht es noch eine Prise mehr Power. Hinten muss besser geklärt werden als es Kathrin Hendrich beim 1:2 tat, und vorne braucht es entschlossene Alternativen, wie sie der neue Europameister England mit seinen Torschützinnen Ella Toone und Chloe Kelly auf den Rasen warf. Auf deutscher Seite blieb die Hereinnahme der ja eigentlich zur Rechtsverteidigerin umgeschulten Nicole Anyomi als Außenstürmerin diskutabel. Warum kam mit Laura Freigang nicht eine klassische Torjägerin, wo doch Popp und Klara Bühl fehlten und Lea Schüller nach ihrer Corona-Erkrankung ohne Wirkung blieb?

Voss-Tecklenburgs starkes Schlusswort

Nach der Siegerzeremonie, bei denen die enttäuschte, weil im Finale nicht so wirkungsvolle Lena Oberdorf den Preis als beste Nachwuchsspielerin erhielt, hatten Bundeskanzler Olaf Scholz, Bundestagspräsidentin Bärbel Bas und Innenministerin Nancy Faeser den Weg in die deutsche Kabine gefunden. Der Sportliche Leiter Joti Chatzialexiou stellte das Versprechen des Kanzlers heraus, „dass er den Frauenfußball auch in Zukunft so unterstützen möchte, damit wir das Turnier nachhaltig mit nach Deutschland nehmen können.“

In diesem Duktus verabschiedete sich Voss-Tecklenburg aus London, als eine der überzeugendsten Botschafterinnen der EM von einer Reise sprach, die sich wie ein Rausch anfühlte. Ihre Bitte: „Es wäre wirklich schade, wenn diese Reise nicht auch dazu führt, dass viele andere mitgenommen werden, dass man den Weg in der Gesellschaft findet, Frauen als starke Personen anzuerkennen. Wir haben ein Statement gesetzt.“ Ein besseres Schlusswort hätte es nicht geben können.

Trost vom Männer-Bundestrainer: Lina Magull mit Hansi Flick und Bierflasche beim abendlichen Bankett in London.
Trost vom Männer-Bundestrainer: Lina Magull mit Hansi Flick und Bierflasche beim abendlichen Bankett in London.
Stolze Bundestrainerin: Martina Voss-Tecklenburg.
Stolze Bundestrainerin: Martina Voss-Tecklenburg.
Überwältigt vom Empfang der Fans am Montag in Frankfurt: Alexandra Popp (links) und Lina Magull, die im Finale das deutsche Tor
Überwältigt vom Empfang der Fans am Montag in Frankfurt: Alexandra Popp (links) und Lina Magull, die im Finale das deutsche Tor erzielte.
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