Fußball RHEINPFALZ Plus Artikel Der Fall Voss-Tecklenburg: Zwischen Realsatire und Seifenoper

Signalisiert ihre Bereitschaft zur Rückkehr, worauf die Mehrzahl des Teams allenfalls verhalten reagiert: Martina Voss-Tecklenbu
Signalisiert ihre Bereitschaft zur Rückkehr, worauf die Mehrzahl des Teams allenfalls verhalten reagiert: Martina Voss-Tecklenburg.

Erst macht Bundeskanzler Olaf Scholz den deutschen Fußballerinnen seine Aufwartung, dann funkt Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg dazwischen. Horst Hrubesch kann es nicht gefallen, was in seiner ersten Arbeitswoche passiert.

Eigentlich hätte Horst Hrubesch aus dem Dialog am Anstoßkreis auf dem DFB-Campus einiges mitnehmen können. Wenn der mächtigste Mann im Staate dem Interimstrainer deutschen Fußballerinnen im Sprühregen ehrfurchtsvoll zuhört und bald darauf am Platzrand versichert, für die Nations-League-Spiele gegen Wales ins Sinsheim (Freitag 17.45 Uhr/ARD) und dann gegen Island in Reykjavik (20 Uhr/zdfsport.de) die Daumen zu drücken, ist das ja ein Ansporn.

Doch was der 72-Jährige bei der hochrangigen Stippvisite noch nicht wissen konnte: dass seine Vorgängerin Martina Voss-Tecklenburg wenig später mit ihrem ersten Statement seit ihrer Erkrankung dazwischenfunken würde. Ihre Botschaft: Die Bundestrainerin möchte bald die Analyse fortsetzen und dann weitermachen. Sie sei zur Zusammenarbeit bereit und erwarte „kurzfristig einen Termin“. Realsatire oder Seifenoper?

Hoher Besuch am DFB-Campus: Bundeskanzler Olaf Scholz bei Interimsbundestrainer Horst Hrubesch (links).
Hoher Besuch am DFB-Campus: Bundeskanzler Olaf Scholz bei Interimsbundestrainer Horst Hrubesch (links).

Der DFB reagierte am Mittwoch mit größter Zurückhaltung. „Wir möchten klarstellen, dass uns Martina Voss-Tecklenburg übermittelt hat, erst nach einer Bedenkzeit für ein persönliches Gespräch nach ihrem Erholungsurlaub zur Verfügung zu stehen. Dies haben wir natürlich respektiert und so eingeplant.“ Erst nach dem Urlaubsende wolle man mit der 55-Jährigen reden. Diesem Austausch „wollen und werden wir nicht vorgreifen“. Priorität hätten die Länderspiele.

Hinter den Kulissen ist die Verstimmung über die Unruhestifterin groß, die die erste Arbeitswoche des Nothelfers Hrubesch empfindlich stört. Dass angeblich ihr ganzes Interesse dem „Wohl und dem Erfolg dieser mir ans Herz gewachsenen Mannschaft“ gilt, könne nicht ernst gemeint sein, heißt es aus dem Team hinter dem Team, das teils mit Unverständnis reagiert.

Hrubesch reagiert genervt

Hrubesch hatte bereits am Montag schwer genervt auf Nachfragen zu „MVT“ reagiert. „Das ist jetzt nicht mein Bier“, entgegnete er auf die Variante, dass seine Vorgängerin zurückkomme wolle. Er möchte den Fokus auf die Olympia-Qualifikation lenken, was nach der Auftaktniederlage gegen Dänemark schwer genug wird. Hrubesch wird von Voss-Tecklenburg übrigens als „qualifizierte Zwischenlösung“ tituliert. Immerhin.

Das Ping-Pong-Spiel um die öffentliche Deutungshoheit geht munter weiter. Es ist offenkundig, dass Voss-Tecklenburg ihren Arbeitgeber nicht so vertrauensvoll behandelt wie sie schreibt. Mit ihrer mehrseitigen Einlassung ist eher ein Anspruch auf die Bezüge ihres bis 2025 laufenden Vertrags hinterlegt. Die frühere Sympathieträgerin spielt mit ihrer Glaubwürdigkeit. Viele fragen sich, was die 55-Jährigen mit ihrem Vorstoß bezweckt, der vom Inhalt und Zeitpunkt als Affront gewertet werden musst. Ist die 125-malige Nationalspielerin, die einst nach einem Zerwürfnis mit ihrer Lebensgefährtin Inka Grings unter Tina Theune hochkant aus der DFB-Auswahl flog, eine gespaltene Persönlichkeit? Dient vielleicht ihr Ehemann Hermann Tecklenburg als schlechter Ratgeber? Oder steuert Anwalt Christoph Schickhardt die auf Konfrontation angelegte Kommunikation?

Verdächtige Ruhe

Es spricht schon für Chuzpe, am Tag des Kanzlerbesuches sich auf privaten Accounts so forsch zu positionieren. Marina Hegering signalisierte ihre Zustimmung, aber damit war die Abwehrspielerin aus dem Kader ziemlich allein. Ansonsten blieben die in den Sozialen Medien oft in Sekundenschnelle reagierenden Spielerinnen verdächtig ruhig. Die ablehnende Haltung gegenüber Voss-Tecklenburg ist verbürgt, das sportliche und kommunikative Desaster bei der WM in Australien ebenso. Dass sich die Akteure in den Analysen gegen sie ausgesprochen haben, weiß die 2018 auf Hrubesch gefolgte Cheftrainerin, die bestürzt reagiert haben soll. Am 8. September vermeldete der DFB ihre Erkrankung.

Voss-Tecklenburg schrieb, sie sei „auf dem Wege der Besserung“, allerdings sei dieser Prozess „noch nicht zu 100 Prozent abgeschlossen“. Präsident Bernd Neuendorf ließ zuletzt unerwähnt, dass seine Angestellte mit Erlaubnis bereits Vorträge hielt; und zwar vor solch prominenter Zuhörerschaft, dass dafür viel Kraft und Konzentration erforderlich war. Dem unerfahrenen Verbandschef fällt überhaupt gerade einiges auf die Füße. Wenn der 63-Jährige zur WM gereist wäre, hätte er zum einen wie Südafrikas Verbandschef Danny Jordaan vor Ort für die Ausrichtung der WM 2027 werben können – jetzt spannte er noch hektisch den Kanzler vor den Karren, der brav eine Banderole der Bewerbung hochhalten musste.

Zum anderen hätte Neuendorf im deutschen Quartier die atmosphärischen Verstimmungen gespürt und hätte nicht mühsam nachträglich ergründen müssen, was alles schiefgelaufen ist. Die Folgen der ausgesessenen Probleme sind fatal: Statt Klarheit herrscht weiterhin Unsicherheit. Im schlimmsten Fall folgt eine Schlammschlacht an, die vor dem Arbeitsgericht endet.

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