Schach
„Deep Blue“: Ein Computer wird zur Berühmtheit
Der damalige Schach-Weltmeister Garri Kasparow wählte sein Ziel selbst ganz groß: Er wolle die Ehre der Menschheit verteidigen. Nicht nur einen Wettkampf gewinnen. Der russische Überspieler sah sich in der Rolle, zumindest für den Moment die Frage zu beantworten, ob denn Maschinen intelligenter sein könnten als Menschen. Eine Frage, die so alt ist wie der Computer selbst. Also seit 1941, als der deutsche Erfinder Konrad Zuse seinen Z3 vorgestellt hatte, den weltweit ersten voll funktionsfähigen, programmgesteuerten Digitalrechner.
Also machte sich Kasparow auf dem Höhepunkt seines Wirkens auf, die stetig besser werdenden Maschinen auf dem ureigenen Feld der Logik in ihre Schranken zu verweisen. Die Idee von Schachautomaten/-computern im Duell mit menschlichen Kontrahenten war da schon mehr als zwei Jahrhunderte alt. Wolfgang von Kempelen hatte im 18. Jahrhundert seinen „Schachtürken“ konstruiert, der die Gegner aus Fleisch, Blut und Synapsen reihenweise matt setzte. Allerdings dauerte es eine Weile, bis man ihm auf die Schliche kam. Nicht der Automat selbst, sondern ein kleinwüchsiger Schachspieler im Inneren führte über eine komplizierte Mechanik die Züge aus.
Viel Rechenleistung, wenig Tiefblick
Es dauerte bis zu den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, ehe kommerzielle und tatsächlich automatisch funktionierende Schachcomputer auf den Markt kamen. Für Amateurspieler und zu Trainingszwecken waren sie gute Gegner, nicht aber für Großmeister des königlichen Spiels. Ihr Manko: Dank ihrer Rechenleistung konnten sie zwar Züge und Zugfolgen gut analysieren. Es fehlte ihnen aber die Fähigkeit, Stellungen langfristig und detailliert zu beurteilen. Oder gar aus Fehlern zu lernen.
Entsprechend groß war das öffentliche Interesse, als IBM 1996 mit seinem Supercomputer „Deep Blue“ den amtierenden Weltmeister Garri Kasparow herausforderte. Die sechs Partien wurden umgehend zum Kampf zwischen Mensch und Maschine hochstilisiert. Und dass der Russe im Falle eines Sieges auch noch 400.000 US-Dollar kassieren würde, hatte seine Bereitschaft zu diesem ungewöhnlichen Zweikampf noch verbessert.
200 Millionen Züge pro Sekunde
Also trafen sie sich im Februar 1996 in Philadelphia: der Weltmeister und der Entwickler von IBM, der eigens für diesen Wettkampf über Monate einen Personal Computer von Kühlschrankgröße zusammengebaut und dessen Schachprogramm mit rund 700.000 Partien internationaler Meister gefüllt hatte. Rund 200 Millionen Züge pro Sekunde konnte das Ungetüm rechnen und so – vermeintlich – mit seiner brutalen Rechenkraft den menschlichen Vorteil der Intuition ausgleichen.
Das gelang genau einmal. In der ersten Partie, als Kasparow offenbar allzu sorglos mit der Rechenleistung seines Kontrahenten umging. Die Niederlage markierte einen Wendepunkt im Schachduell Mensch/Maschine. Erstmals hatte ein Computer unter Turnierbedingungen einen Weltmeister besiegt.
Doch Kasparow schlug sofort zurück. Einem Sieg in Partie Nummer zwei ließ er zwei weitere Erfolge in den beiden Schlusspartien folgen, erzwang dabei immer wieder Positionen, deren Tief der Computer nicht durchschauen konnte. Endstand 4:2 für die Menschheit. Die Ehre gerettet.
Gemecker bei der Revanche
Knapp 15 Monate später trafen sie sich in New York wieder. Neben der Ehre standen diesmal gleich 700.000 US-Dollar für den Sieger und 400.000 für den Verlierer auf dem Spiel. Diesmal gewann Kasparow die Eröffnungspartie, diesmal schlug der verbesserte Computer zurück. Der ohnedies zu Wutausbrüchen bei Niederlagen neigende Kasparow witterte gar Verrat und Täuschung. Ein Großmeister müsse „Deep Blue“ in der komplizierten Stellung geholfen haben – anders seien dessen Züge nicht zu erklären. Vorwürfe, die er später zurücknahm.
Vor der sechsten und entscheidenden hatten beide 2,5 Punkte auf dem Konto – Kasparow hatte sich vergeblich mit Anti-Computer-Eröffnungen um einen Vorteil bemüht. Und dann griff er auch noch fehl in der letzten Partie, ermöglichte „Deep Blue“ ein frühes (und in der Theorie bestens bekanntes) Figurenopfer und kassierte in 19 Zügen die kürzeste Niederlage in seiner gesamten Karriere. Er habe dem Computer nicht zugetraut, so begründete er seinen Lapsus später, dass dieser eine Figur opfern könnte, obwohl er dafür nicht umgehend Kompensation erhalte. Doch „Deep Blue“ hatte aus Beispielpartien und Spielen gegen sich selbst gelernt.
Kritik an der Vollmundigkeit
Die Niederlage gegen die Maschine löste einen Donnerhall in der Öffentlichkeit aus – und natürlich auch in der Schachszene. Weltklassespieler Viktor Kortschnoi ätzte: „Niemand hat Kasparow gebeten, die Ehre der Menschheit zu verteidigen. Aber vor allem hat ihn niemand gebeten, diese dann auch noch zu verlieren.“ Der siegreiche „Deep Blue“ wurde zu einer weltweiten Berühmtheit. Bücher und Filme sind dem Zweikampf gewidmet.
Und der Kampf Mensch gegen Maschine auf den 64 Feldern? Den haben die Menschen etwa ab Mitte der 2000er Jahre weitestgehend aufgegeben. Selbst die besten Großmeister kommen gegen starke Schachprogramme nicht mehr an. Die Maschine triumphiert, der Mensch ist matt.