Fussball RHEINPFALZ Plus Artikel Der oft unterschätzte Terrier: Berti Vogts wird 75

Mehr als nur der Terrier: Berti Vogts im Trikot von Borussia Mönchengladbach.
Mehr als nur der Terrier: Berti Vogts im Trikot von Borussia Mönchengladbach.

Berti Vogts war ein Weltklasse-Verteidiger. Er schrieb mit Borussia Mönchengladbach goldene Kapitel der Vereinsgeschichte. Er war Welt- und Europameister. Als Bundestrainer führte er die deutsche Mannschaft 1996 zum EM-Titel – auch dank eines genialen Schachzugs. Am Donnerstag wird Vogts 75.

Berti Vogts, als Hans-Hubert am 30. Dezember 1946 in Büttgen geboren, müsste eigentlich ein Vorbild für Generationen von Fußballern sein. Mit 13 ist er Vollwaise, wächst bei einer Tante auf, lernt Werkzeugmacher. Mit 19 wechselt er vom VfR Büttgen zum Bundesliga-Neuling Borussia Mönchengladbach und wird Profi. „Berti war ein Fußballbesessener, er wollte ständig besser werden“, attestiert ihm Herbert Laumen, neben Jupp Heynckes und Bernd Rupp ein Torgarant der Gladbacher.

Vogts ist als einziger Spieler neben Horst Köppel und „Hucky“ Wimmer bei allen fünf deutschen Meisterschaften der Borussia dabei, er ist der Kapitän der „Fohlen“ beim Uefa-Cup-Gewinn 1975 und 1979, er steht für Vereinstreue, er wird Welt- und Europameister, er führt die deutsche Mannschaft 1996 als Bundestrainer zum EM-Titel.

Als Bundestrainer nie geliebt

Geliebt wurde Berti, als Fußballer durchaus beliebt, als Bundestrainer nie. Zu spröde, bisweilen besserwisserisch war sein Auftreten. Misstrauisch begegnete er den meisten Medienmenschen, schien sich auf Schritt und Tritt vor allem von der „Bild“-Zeitung verfolgt zu fühlen. Dem einflussreichen Boulevardblatt hatte Vogts’ Vorgänger Franz Beckenbauer in trauter Eintracht gerne Exklusives gesteckt. Vogts’ Ansinnen, alle Presseleute gleich zu behandeln, bezahlte er bitter. Nach dem WM-Aus 1998 und der anschließenden Ergebnisflaute auf Malta druckte „Bild“ ein Kündigungsschreiben für den „Bundes-Berti“ ab: Unterschreiben Sie hier …

Berti Vogts, der Kämpfer, gab zermürbt und traurig auf. „Ich bin es mir selbst schuldig, den letzten Rest an Menschenwürde zu verteidigen, welcher mir noch gelassen worden ist“, sagte er verbittert nach seinem Rücktritt. Berti, ein Mann mit feinem Humor, mit guten Manieren, kam medial als Bundestrainer selten gut rüber. Er wirkte oft miesepetrig, gab vor der Kamera gern den Besserwisser. Das wirkte bisweilen, als habe er Ball samt Pumpe erfunden.

Er litt unter dem Urteil der Kritiker

Vogts, der Rucksack-Urlaube und seinen Fußball liebte, litt darunter, als Kleinbürger aus Korschenbroich abgestempelt zu werden. „Selbst wenn ich wie Jesus übers Wasser laufen könnte, würden meine Kritiker sagen: Nicht mal schwimmen kann er“, sagte Vogts bei einem Besuch der RHEINPFALZ-Redaktion 1994. Den Satz hat er oft wiederholt. Die Seele litt Not!

„Der Star ist die Mannschaft“ – Vogts’ Leitmotiv auf dem Weg zum EM-Titel 1996 mit seinem Vertrauten Jürgen Klinsmann als Kapitän, mit Matthias Sammer als Motor und seinem Freund Rainer Bonhof als Assistent. Auch den verblüffte Berti im EM-Finale am 30. Juni in Wembley gegen Tschechien, als er Oliver Bierhoff nach 69 Minuten einwechselte. Bertis Joker stach, schoss den Ausgleich und mit dem ersten Golden Goal der Geschichte auch das 2:1-Siegtor.

Als Berti mit Bierhoff den Sieg einwechselte

„Der Star ist die Mannschaft“ – das war Bertis Prämisse auch in jenen goldenen Gladbacher Tagen unter seinem Ziehvater Hennes Weisweiler. Berti, der Terrier, schlichtete auch manchen Zwist zwischen dem Trainerkauz und Günter Netzer, dem genialen Regisseur. „Du bist der wertvollste Gladbacher aller Zeiten“, schreibt Netzer seinem Freund ins Stammbuch, der 419 Bundesligaspiele für die Borussia bestritten hat, dabei 33 Tore schoss. 96 Länderspiele hat Vogts absolviert, das letzte beim WM-Aus gegen Österreich 1978. Berti, auch als Kapitän Beckenbauers Erbe, hatte am WM-Gewinn 1974 großen Anteil, als er – ganz Terrier – Johan Cruyff im Finale gegen die Niederlande schachmatt setzte.

Mit der Borussia über Kreuz

Als U21-Nationaltrainer von 1979 bis 1990 gab Vogts wichtige Impulse. Die von ihm vorgeschlagenen Nachwuchsleistungszentren aber wurden erst nach seinem Abschied vom DFB realisiert. Als Bundesliga-Trainer bei Bayer Leverkusen erlitt Vogts vor 21 Jahren Schiffbruch. Er wirkte danach als Nationaltrainer in Kuwait, Schottland, Nigeria sowie Aserbaidschan und arbeitete in der Trainer-Ära seines Freundes Jürgen Klinsmann als Berater für den US-Fußballverband. Mit seiner alten Liebe, der Borussia, ist Vogts über Kreuz. Als die 2008 Max Eberl als Sportdirektor engagierte, ätzte Vogts, den habe der Verein wohl geholt, als er mit dem Rad am Platz vorbei gefahren sei.

Private Turbulenzen wurden öffentlich, Vogts’ Ehe wurde geschieden. Sein Sohn Justin wird wohl auch am Donnerstag, an Vogts’ 75. Geburtstag , an Papas Seite sein.

EM-Finale 1996, Wembley, am Ziel aller Träume: Berti Vogts und Stefan Kuntz.
EM-Finale 1996, Wembley, am Ziel aller Träume: Berti Vogts und Stefan Kuntz.
Die Krönung für Berti Vogts als Spieler: 1974 in München mit dem Weltmeisterschaftspokal. Rechts Nationalmannschaftskollege „Kat
Die Krönung für Berti Vogts als Spieler: 1974 in München mit dem Weltmeisterschaftspokal. Rechts Nationalmannschaftskollege »Katsche« Schwarzenbeck.
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