Handball
Andy Schmid: „Ich habe es mir in der Schweiz am Anfang ruhiger vorgestellt“
Andy Schmid war zwölf Jahre hier, er hat 600 Spiele für die Rhein-Neckar Löwen bestritten, er wurde Meister, Pokalsieger, holte den Supercup, er war fünf Mal wertvollster Spieler der Handball-Bundesliga – kurz: Andy Schmid hat die Löwen auf ein anderes Niveau gehoben. Überhaupt nicht überraschend stand er am Montagabend nach dem Vorbereitungsspiel seines Vereins HC Kriens-Luzern bei seinem alten Klub in der Kronauer Sporthalle im Mittelpunkt. Um den 39-Jährigen bildete sich die größte Fanschar. Selfies, Autogramme, der eine oder andere Wortwechsel, Schmid nahm sich Zeit.
Aber er spielte nicht mit. Auf der Ersatzbank coachte er ein wenig, sprach immer wieder mit den Spielern, gab ihnen Tipps. Beim Stand von 28:27 für die Löwen wurde das Spiel abgebrochen, weil der Boden durch den Schweiß der Spieler zu rutschig war. Am Ende der vergangenen Saison wurde bei dem Spielmacher ein Teilanriss der Achillessehne diagnostiziert, die Verletzung ist so weit auskuriert, die ersten Schritte auf dem Parkett hat Schmid schon gemacht. Die Devise lautet aber: nichts riskieren. „Es geht bestens, ich habe noch zwei, drei Wochen, den Saisonstart schaffe ich aber nicht“, sagte Andy Schmid der RHEINPFALZ.
Die EM als Ziel
Der Ausnahmespieler denkt bereits an den Januar. An die Europameisterschaft. Die Schweiz bestreitet im Düsseldorfer Fußballstadion das Eröffnungsspiel gegen Gastgeber Deutschland. „Das wirft schon seinen Schatten voraus in meiner persönlichen Planung. Ich will da fit sein, deshalb pausiere ich auch noch zwei, drei Wochen länger. Das wäre in der Bundesliga nicht möglich gewesen. Die EM ist ein Riesenziel, das habe ich im Hinterkopf“, führte er aus.
Das erste Jahr in der Heimat war in Ordnung für ihn. „Ich habe es mir am Anfang etwas ruhiger vorgestellt. Die Belastung war schon höher, als ich gedacht habe. Ich genieße es mit der Familie, meine Kinder haben Opa und Oma in der Nähe, handballerisch war es ein Rückschritt“, erläuterte er.
Wobei es für Andy Schmid ja dann genau so weiterging: Er wurde MVP in der Schweiz und mit dem HC Kriens-Luzern holte er den Pokalsieg durch einen Sieg gegen die Kadetten Schaffhausen. Er warf im Finale zehn Tore. „Alles eine Ebene tiefer“, betonte Schmid, ab 2024 Nationaltrainer der Schweiz.
Pokalcoup berührt
Die Verbindung zu den Rhein-Neckar Löwen ist nicht abgebrochen. „Die Entwicklung ist überraschend gut, die Erwartungen war gering. Man sieht die Handschrift von Sebastian Hinze. Ich glaube, die Demut ist auch ein Stück weit zurückgekehrt. Der Pokalsieg hat alles getoppt“, sagte er.
Den Coup von Köln im Juni mit den Erfolgen gegen die SG Flensburg-Handewitt und den SC Magdeburg hat die Löwen-Legende natürlich verfolgt. „Meine Jungs sitzen bei jedem Löwen-Spiel mit Trikot und Fahnen vor dem Fernseher. Es hat mich emotional berührt, als David Späth reinkam, es war ein schöner Startschuss für eine neue Generation, für ein neues Löwen-Gesicht. Sie sind mit dem richtigen Trainer unterwegs, jetzt demütig weiterarbeiten“, sagte er.
Kretzschmars Idee
Vor einigen Tagen geriet der Schweizer noch einmal ein wenig in die Schlagzeilen. Stefan Kretzschmar, Sportchef der Füchse Berlin, sucht weiter einen Ersatz für den nach Paris abgewanderten Jacob Holm, und Kretzschmar erinnerte sich dann an, genau, den Routinier in der Schweiz. „Die Verträge sind schon ausgetauscht und unterschrieben“, scherzte Schmid. Aber im Ernst – das wird wohl nichts. Das Gedankenspiel hat ihn überrascht. „Es ist so wie 2017, als ich einmal Deutscher wurde“, erinnerte er sich.