Wochenendkolumne RHEINPFALZ Plus Artikel Achtung, letzte Meldung: lieber gründlich als schnell!

Die Zwei im Maglia Ciclamino: Pascal Ackermann, der zweifache Giro-Etappensieger 2019 und Rheinpfalz-Redakteur Klaus D. Kullmann
Die Zwei im Maglia Ciclamino: Pascal Ackermann, der zweifache Giro-Etappensieger 2019 und Rheinpfalz-Redakteur Klaus D. Kullmann.

Gedanken zur Entwicklung des Sportjournalismus, über Texte, die nicht durch die Decke gehen und über Sport und Sportler in der Pfalz. Von einem, der nach 36 Jahren als Redakteur der RHEINPFALZ den Rentenbescheid bekam. Klaus D. Kullmann sagt servus.

Als ich in der Sportredaktion anfing, 1991, warf ich noch Groschen in der Telefonzelle ein, um meinen Text auf den Weg zu bringen. Denn das einzige Telefon im Sportheim blieb dem Kollegen der Heimelf vorbehalten. Damals wurden die Texte noch „genegert“. Will heißen, der Draußenkollege lieferte Gedanken und Sichtweise in Stichworten, der Drinnenkollege schrieb den Text. Wenigstens für den Begriff „negern“ möchte ich mich im Namen aller entschuldigen. Die Groschen, also 10-Cent-Münzen, brauchte ich zuletzt immer noch – für die Kaffeemaschine gegenüber meinem Büro. Aber auch das ist seit Freitag Geschichte.

Ein Blick zurück zeigt mir unverstellt auf, wie sehr sich der Sportjournalismus veränderte. Nicht nur wegen des Coronavirus. Als kleines Beispiel das von Sonny Colbrelli. Als der italienische Radprofi vergangenes Jahr in Trient Europameister im Straßenrennen wurde, ging das unter. Als er vor sechs Wochen bei der Katalonien-Rundfahrt nach dem Ziel bewusstlos zusammenbrach, war das vielen Redaktionen eine Pushmeldung wert. Ob die Nachricht „durch die Decke ging“, das weiß ich nicht.

In meiner Zeit, zugegeben einer goldenen Zeit, sagten wir Journalisten den Leserinnen und Lesern, was wichtig ist, und sie nahmen das, auch im Sinne von kaufen, dankend an. Jetzt ist es umgekehrt, jetzt diktieren sie uns die Wichtigkeit, was wir in unserer Not mit Klickzahlen oder der so genannten Mediatime messen, aber sie kaufen nicht. Dass oft substanzlose, wenig relevante Nachrichten „durch die Decke“ gehen, besorgt mich. Aber es ist wie es ist, und schon gar nicht (mehr) mein Bier. Auch der Kelch voller Twitter und Facebook ging an mir vorüber, und jeder Shitstorm sowieso. Das ist ein Privileg.

Faible für das Kleine, die Menschen und die Pfalz

Was trieb mich als Sportredakteur an? Die Basis, das Kleine, die Menschen, die Pfalz. Nichts war für mich erquicklicher, als sich früh um Talente zu kümmern, wenn sie 13, 14 oder 17 waren und ich sie vom Pfalz- zum Welt- oder Europameister und zum Olympiasieg begleiten konnte. Oder wenigstens auf dem Weg dorthin. Christian Reif, Miriam Welte, Raphael Holzdeppe, Christin Hussong oder Pascal Ackermann sind solche Beispiele – und der Radrennfahrer Luca Spiegel oder die Tennisspielerin Nastasja Schunk neue Kandidaten.

Präzise und wahrhaftig muss es sein

Mich trieb es an, Experte im Radsport, Turnen und in der Leichtathletik zu bleiben. Ich wollte auch Trainerinnen und Trainer in der Berichterstattung würdigen. Ich schenkte mein Herz lieber den Underdogs, etwa im Kunstradsport, wo ich oft der einzige Journalist war, anstatt den Fußballern, Golfern oder Formel-1-Stars. Stets ahnte ich, dass keiner meiner Texte durch die Decke geht. Dafür wusste ich, dass sie präzise und wahrhaftig sind. Und wenn’s dann noch unterhaltsam und distanziert-kritisch rüberkam, umso besser.

„Quäl dich, du Sau“

Ich hatte echte Vorlieben, die Talententwicklung am Heinrich-Heine-Gymnasium etwa oder bis 2007 die Rheinland-Pfalz-Rundfahrt. Und natürlich den Sportbund Pfalz mit all seinen Aufgaben. „Quäl dich, du Sau“, der Ausspruch von Udo Bölts und der Titel der von mir geschriebenen Autobiografie – daran hatte auch ich mich gehalten. Zugegeben: Der Bürojob war längst nicht so schweißtreibend wie das Hochstrampeln auf den Galibier.

Meinen letzten Text für die geschätzte RHEINPFALZ kenne ich noch nicht, aber mein erster ist auch nach 46 Jahren noch präsent – vom Steherrennen auf der Friesenheimer Radrennbahn mit dem Mehrfach-Weltmeister Gaby Minneboo. Der Holländer ist heute 76 und lebt in Vlaardingen. Leute, wie die Zeit vergeht!

Ob früher alles besser war? Blödsinn. Nur anders. Anders schnell zum Beispiel. Das Arbeiten gegen den Redaktionsschluss war eine stete Herausforderung. In den 1990er-Jahren schrieben wir um 22 Uhr die „letzte Meldung“, die wir dann am frühen Morgen exklusiv hatten. Heute haben die schnelle Meldung alle. Mein Tipp an die Kollegen, ganz gegen die Masse: Seid lieber gründlich als schnell, dafür aber besonders – witzig, unterhaltsam, exklusiv. Und aufrichtig.

„Ich würd’s wieder genauso tun“

Anders als in Udo Lindenbergs Traum steht bei mir die Rente vor der Tür. Er wie ich sind der Meinung: „Ich würd’s wieder genauso tun, genauso, wie es war. Und es wär wieder genauso gut, genauso, ist doch klar“. Hiermit erkläre ich mich feierlich zum U-Boot-Journalisten. Irgendwann tauche ich irgendwo wieder auf. Versprochen.

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