Handball RHEINPFALZ Plus Artikel Ägypten bei der Heim-WM: den Umständen zum Trotz

Rückraum-Riese Yahia Omar, der beim europäischen Top-Klub KC Veszprem spielt.
Rückraum-Riese Yahia Omar, der beim europäischen Top-Klub KC Veszprem spielt.

Die Fan-Unterstützung fehlt, aber die ägyptischen Handballer haben ihr erstes Ziel trotzdem erreicht: Der WM-Gastgeber steht im Viertelfinale. Verantwortlich ist der Trainer, der mit seinem Team jetzt gegen den Weltmeister ran muss.

Die Bereitschaft zur Aufopferung und zur absoluten Hingabe hatte für ein paar Momente sogar den Verstand außer Gefecht gesetzt. Unmittelbar nach der Schlusssirene sackten ein paar Spieler auf den Boden, einer jubelte, und der Rest schaute sich ungläubig an. Vor dem letzten Hauptrundenspiel der ägyptischen Handballer gegen Slowenien war klar, dass dem Gastgeber bei der Weltmeisterschaft ein Unentschieden zum Einzug reichen würde, doch dieses Wissen war beim Kampf kurzzeitig verloren gegangen. Es dauerte einige Momente, bis die Folgen des 25:25-Remis den Weg zurück in die Köpfe gefunden hatten und allen bewusst war, dass der Traum der Ägypter beim Turnier im Schatten der Pyramiden eine Fortsetzung findet.

Gegen europäische Konkurrenz durchgesetzt

Wenn die WM am Mittwoch mit dem Start in die K.o.-Runde in ihre entscheidende Phase geht, ist der Ausrichter noch mit dabei. Die Berechtigung dazu erspielten sich die Nordafrikaner in der Hauptrunde mit Siegen gegen Belarus (35:26), Russland (28:23) und eben mit dem Remis gegen die Slowenen. Nur gegen Schweden, die wie die Ägypter ins Viertelfinale einzogen, gab es in der Vorrunde beim 23:24 eine knappe Niederlage. Mit ihren Auftritten bislang haben die Gastgeber unterstrichen, dass sie nicht nur mitspielen können, sondern ein ernsthafter Anwärter auf eine Medaille sind. „Ich bin stolz, wir haben unseren Plan erfüllt“, sagte Ahmed El-Ahmar, nachdem seinen Teamkollegen und ihm bewusst war, dass die WM nach dem Unentschieden gegen Slowenien weitergeht.

Ein Star spielte schon in der Bundesliga

El-Ahmar ist 36 Jahre alt und einer der Stars der Ägypter. In jeder der vier WM-Arenen hängen Bilder von dem Linkshänder, auf den wenigen Plakaten in der Stadt ist sein Konterfei zu sehen. Vor sechs Jahren spielte er ein paar Monate für die SG Flensburg-Handewitt in der Bundesliga, mittlerweile ist er in die Heimat zurückgekehrt. Der Rückraumspieler mit den schnellen Wacklern ist ein wichtiger Baustein in der ägyptischen Mannschaft, aber er ist nicht der entscheidende Faktor für den Erfolg. Der sitzt auf der Bank und heißt Roberto Parrondo. „Es ist für uns ein großer Moment, es bis hierhin geschafft zu haben“, sagte der Trainer.

Verantwortlich ist der Trainer

Der Spanier hat den WM-Gastgeber zu einem ernstzunehmenden Medaillenaspiranten gemacht. Der 41-Jährige gewann mit nordmazedonischen Klub RK Vardar Skopje 2019 die Champions League, ehe er dem Lockruf des ägyptischen Verbandes erlag und seither eine Mannschaft weiterentwickelte, die bei den Weltmeisterschaften zuletzt keine große Rolle gespielt hatte. Bei der WM vor zwei Jahren in Deutschland und Dänemark reichte es immerhin zum achten Rang, 2017 (13.), 2015 (14.) und 2013 (16.) waren die Ägypter weit davon entfernt, ein ernsthafter Konkurrent für die besten europäischen Nationen zu sein.

Das hat sich geändert, obwohl der Ausrichter in seinen Partien nicht von 16.000 fanatischen Landsleuten nach vorne gepeitscht wird. In der gigantischen Kairo-Arena sind wegen der Corona-Pandemie keine Zuschauer zugelassen, so dass die Anfeuerungsrufe einiger Volunteers als verbale Unterstützung reichen müssen. Bislang ist es den Spielern allerdings gelungen, aus sich selbst heraus die Emotionen zu entfachen, die sie durch das Turnier tragen.

Jetzt wartet der Weltmeister

Für den Erfolg bislang reichte die Mentalität der Nordafrikaner aber nicht aus. Parrondo hat der Mannschaft darüber hinaus einen klaren Spielauftrag an die Hand gegeben. Körperlich sind die Ägypter den Teams aus Europe mindestens ebenbürtig, alle Rückraumspieler entwickeln eine bemerkenswerte Wucht. Im Zusammenspiel macht sich bemerkbar, dass der Trainer seine Auswahl trotz der Pandemie in den zurückliegenden Monaten intensiv vorbereiten könnte. Die Ägypter waren und sind bereit für die WM im eigenen Land.

Im Viertelfinale wartet nun aber die schwerstmögliche Aufgabe vor Parrondos Schützlinge, am Mittwoch treffen die Ägypter auf Weltmeister Dänemark. „Wir wissen, was auf uns wartet“, sagte der Trainer zwei Tage vor der Begegnung, die darüber entscheidet, ob der Gastgeber in den Kampf um die WM-Medaillen eingreifen kann. „Wir wissen aber auch, was wir leisten können“, fügte der Spanier an. Sicher ist, dass alle Spieler auf dem Feld wissen werden, dass es einen Sieg braucht, um weiter zu kommen – für Klarheit ist gesorgt.

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