Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Zwischen Trump und Gen Z: Wo die Schuhindustrie steht

 In Deutschland produzieren nur noch wenige Hersteller. Auch die Traditionsmarke Peter Kaiser hat 2021 ihre Produktion in Pirmas
In Deutschland produzieren nur noch wenige Hersteller. Auch die Traditionsmarke Peter Kaiser hat 2021 ihre Produktion in Pirmasens eingestellt.

Schuhe werden in Asien produziert, Trump zum Trotz. Produktion in Deutschland hat aber Chancen, meint Carl-August Seibel. Er führt den Industrieverband, der 75 wird.

Anfang Februar war die Stimmung in der Schuhbranche gedämpft, vor allem beim Blick auf Umsatzrückgange im stationären Handel und die Insolvenzen dort. Der Hauensteiner Schuhproduzent Carl-August Seibel, Vorsitzender des Bundesverbandes der Schuh- und Lederwarenindustrie, zeigte sich dennoch optimistisch, dass die Branche das Tal bald durchschritten habe.

Ende Juni feiert der Industrieverband seinen 75. Geburtstag. Wie geht es der Schuhindustrie nun, kurz vor dem Jubiläum?
Die Industrie ist gebeutelt von der Absatzschwäche in vielen Märkten, von der Konsumzurückhaltung. Das hat sehr stark im Frühjahr durchgeschlagen. Jetzt gibt es eine Unsicherheit der Menschen, die nicht wissen, wo es hingeht. Da kann man nun motzen und sagen, alles sei schlecht. Aber ich sehe das so, dass die neue Regierung in die Gänge kommen wird. Und ich glaube, dann werden die Leute wieder zuversichtlicher werden.

Konsumbereitschaft ist also der entscheidende Punkt?
Der Handel hat zu kämpfen mit dieser Konsumzurückhaltung – und damit wir als Industrie. Wir haben alle nicht befriedigende Ergebnisse im Sinne von Abverkaufszahlen, von Nachorder, auch im Sinne von Erstorder, das ist überall schwierig. Speziell im Braunschuh-Bereich (Anm. d. Red: der klassische Lederschuh-Bereich). Es gibt natürlich Firmenkonjunkturen, es gibt Ausreißer: alles, was im athletischen Sportbereich liegt und im technischen Bereich. Da gibt es große Marken, die sehr stark unterwegs sind. Aber die Mehrzahl unserer Mitglieder stöhnt, das trifft kleinere und größere Unternehmen. Ich hoffe trotzdem auf das zweite Halbjahr. Ich glaube, dass das besser wird.

Hinter der Verbraucherstimmung stehen aber Herausforderungen, die sich nicht so leicht beeinflussen lassen. Die US-Zollpolitik etwa. Wie sehr ist dadurch die Schuhindustrie betroffen?
Die Herstellerseite ist betroffen, wenn man in die USA liefert. Das betrifft mein Unternehmen Josef Seibel, aber auch Große aus unserem Verband wie Adidas und Puma. Alle haben ein dickes Brett zu bohren, weil das Schlimmste die Unsicherheit ist. Unternehmen und Lieferketten müssen geplant werden, Herstellungsprozesse brauchen je nach Aufstellung sechs bis neun Monate. Wenn sie aber alle acht Tage eine andere Meldung haben, wird das schwierig. Umgekehrt muss man sagen, hat jetzt die Braunschuh-Industrie, die in den USA nicht sehr erfolgreich Fuß gefasst hat und in Europa stark ist, einen Vorteil.

Wie sieht es bei Lieferketten aus? Zölle ziehen ja oft weitere Kreise.
Dass Lieferketten teurer werden, also ein Container mal 300 Euro mehr kosten kann, ist schlecht. Aber es ist nichts, was man nicht managen könnte. Das ist unser Vorteil: Lieferketten aus Indien und aus China sind intakt, und da kommen die meisten Schuhe her. Vietnam nehmen wir dazu, wobei Vietnam eher für den Sportschuhbereich steht, und der liefert stark in die USA oder nach Nordamerika. So sind wir bis auf einige Unternehmen gar nicht so betroffen. Aber die Unsicherheit, die das auslöst, ist das Entscheidende. Dieses Nichtwissen, was Mister Trump morgen macht.

Wie gehen Sie als Unternehmer mit dieser Unsicherheit um?
Für mein Unternehmen sind die USA größtes Exportland. Wir sind trotzdem zuversichtlich, dass wir das gut auf die Reihe kriegen. Es gab schon relativ hohe Zölle, auch aus der ersten Trump-Ära. Um die 35 Prozent, je nach Schuhtyp 40 Prozent. Wenn es jetzt 50 Prozent gäbe, hätten wir zehn Prozentpunkte mehr. Das macht beim Schuh eine Preislage aus, also zehn US-Dollar mehr. Bei zwei und drei Preislagen wird es aber dünn.

Was heißt das für den Absatz dort?
Es wird garantiert Preiserhöhungen geben. Unsere großen Kunden warten ab, wie die ausfallen und wie viel sie dann noch einkaufen bei uns.

Die US-Schuhindustrie hofft, dass Trump Zolleinnahmen in ihren Aufbau investiert. Ist das realistisch?
99 Prozent der in den USA verkauften Schuhe werden importiert. Und Trump wird die kleine Schuh-Industrie nicht hochpäppeln. Eine Fertigung aufzubauen dürfte auch schwierig sein wegen der Produktionskosten. In Amerika liegen schon die Mindestlöhne, die wir für ungelernte Lagermitarbeiter bezahlen, bei über 20 Dollar. Wer will Schuhe zu den Preisen kaufen? Das ist einer der Denkfehler der US-Regierung. Bei lohnintensiven Produkten wie Textilien und Schuhe sind Löhne in hoch entwickelten Industrien nicht bezahlbar. Da wird das Produkt in einer Preiskategorie landen, die sich der normale Verbraucher nicht mehr leisten kann. Das wissen wir seit 30 Jahren. Wenn 50 Prozent Zölle aus China oder Indien fällig werden, kosten Schuhe in den USA mehr. Aber deswegen wird dort kein Paar mehr gefertigt.

Ist für Europa eine Rückkehr von Produktionen aus Asien denkbar?
Es ist natürlich nicht auszuschließen. Wenn man eine reine Schuhmontage nimmt, also Oberteile aus dem Ausland bezieht und die Teile in Deutschland montiert und das relativ modern, dann kann das für den einen oder anderen im mittleren bis oberen Preisbereich interessant sein. Aber da reden wir über Schuhe, die gut über 100 Euro im Endverkauf kosten. Eine andere Sache sind Produktionen, bei denen vieles standardisiert ist und stark rationalisiert werden kann. Etwa bei Sicherheitsschuhen. Aber Hersteller, die saisonal Kollektionen verändern, die viele Varianten haben und modisch sind, können das in Deutschland nicht machen. Und im sportlichen Sneaker-Bereich ist die Technologie des Schuhbodens entscheidend, die überwiegend in Asien angesiedelt ist. Da sind die Asiaten viel innovativer als wir.

Auch in Deutschland verschwinden Produktionen, beschleunigt durch Corona. Der Herrenspezialist Lloyd hat 2020 Sulingen geschlossen, Peter Kaiser 2021 seine Damenschuhfabrik in Pirmasens. In Pirmasens produziert nur Kennel & Schmenger noch nennenswerte Mengen. Wie viele Ihrer 131 Mitglieder produzieren überhaupt noch in Deutschland?
Produzenten in Deutschland kann man an einer Hand abzählen. Bei normalen Straßenschuhen ist das auf ein Minimum gesunken. Wer noch in großem Stil produziert, ist etwa Birkenstock. Stabil sind auch Hersteller von Sicherheitsschuhen wie Steitz Secura in Kirchheimbolanden.

Weniger Produktion bedeutet weniger Ausbildungsstätten. Dabei fehlen der Industrie bereits Fachkräfte. Werden hier in zehn, 20 Jahren noch Schuhe produziert werden können?
Das ist schon möglich. Wir bilden in Hauenstein aus, ebenso wie Kennel & Schmenger. Auch im Internationalen Schuhkompetenz-Center (ISC) in Pirmasens können Schuhfertiger ausgebildet werden; dort gibt es eine komplette Fabrikation, die von Unternehmen genutzt werden könnte. Und bei Fachkräften hilft uns die Migration, vor allem aus Osteuropa. Da ist Potenzial. Wir reden dabei ja nicht über tausende Arbeitsplätze, die wir besetzen müssten. Hinzu kommt: In der Branche verdienen Mitarbeiter längst so viel, wie sie auch in anderen Ausbildungsberufen bekommen. In meinem Unternehmen etwa liegen wir bei allen über dem Mindestlohn.

Wenn Unternehmen ohnehin mehr bezahlen: Warum lehnt der Schuhverband dann 15 Euro Mindestlohn ab?
Es gibt noch Tarifeingangsstufen unter 15 Euro. Wenn die jetzt alle 15 Euro bekämen, würden alle anderen folgenden Gruppen automatisch hochspringen. Das ist das Problem.

Die Branche braucht Nachwuchs. Wie kann sie sich attraktiv machen?
Wir sind in den meisten Unternehmen attraktiv. Mit Jobs, die international angelegt sind, mit Vielfältigkeit. Wir decken alles ab: Entwicklung, Produktion, Vertrieb, Marketing. Und wenn man ein modernes Gesicht hat, kommen junge Leute. Die gehen aber nicht in ein verstaubtes Büro. Da muss auch eine nette Küche sein – Kleinigkeiten, aber die spielen eine Rolle. Es ist nicht einfach, aber wir haben immer wieder Junge.

Sind Arbeitgeber auf die anders tickenden Generationen vorbereitet?
Unternehmen müssen sich wahrscheinlich mehr auf die Jungen einstellen. Für die Hälfte ist vielleicht Work-Life-Balance wichtig. Die sind in einer anderen Welt groß geworden. Aber wir haben sie erzogen, also dürfen wir uns nicht beschweren. Wir haben aber viele junge Leute, die sehr ehrgeizig sind, unbedingt arbeiten wollen, und mit denen macht es Spaß.

Der Blick auf den Handel macht weniger Spaß. Die Industrie kann durch Export und weitere Vertriebskanäle manches austarieren, aber das Ladensterben scheint kein Ende zu nehmen. Was kann die Branche tun?
Wir haben alle geglaubt, die Talsohle sei erreicht. Aber das ist so nicht. Der Handel muss sich deshalb spezialisieren, braucht ein wirklich tolles Angebot für seine Kunden. Die se muss der Händler kennen, persönlich da sein. Das sind Erfolgsfaktoren. Wir als Industrie müssen noch intensiver mit Händlern zusammenarbeiten, genau schauen, was sie brauchen.

Diskutiert wird, Gewinnmargen für Händler zu erhöhen. Auch durch Preiserhöhungen für Endkunden.
Der Handel braucht höhere Erträge, auch dort sind Kosten gestiegen. Leider sind wir als Industrie nicht in der Lage, Prozentpunkte abzugeben, weil wir selbst enorm unter Ertragsdruck stehen. Produktion, Material und Logistik sind teurer geworden. Bei Preiserhöhungen muss man sehr aufpassen. Wenn Sie einen Mehrwert bei einem Schuh haben – überwiegend über Komfortaspekte und Funktionalitäten –, können Sie mehr Geld bekommen. Wir reden dann über einen Preissprung von zehn, höchstens 20 Euro. Aber den gleichen Schuh teurer verkaufen, wird nicht funktionieren.

Also müssen Kosten gesenkt werden.
Durch Digitalisierung könnten manche Händler Kosten sparen. Die meisten Unternehmen aus der Industrie sind schon sehr stark digitalisiert. Der Handel sagt, das sei kompliziert. Stimmt, das ist nicht einfach, bis man alles stehen hat. Aber will man wirklich Schuhe bestellen beim Hersteller, der noch ein Fax schickt? Besser ist es doch, mit Herstellern zu arbeiten, die einem Branchensystem wie unserem Daten Clearing Center angeschlossen sind: Da kommen automatisch Lieferschein und Rechnung. Das geht schneller und erspart Aufwand.

Unternehmen sind also selbst gefragt?
Man kann nicht nur über Politik schimpfen. Ich kann mich beklagen über die enorme Bürokratie, und ich würde mir wünschen, dass der Staat Dinge schneller digital macht. Da ist er auf kommunaler Ebene teilweise katastrophal aufgestellt. Aber ja, es ist absolute Verantwortung auch jedes Unternehmers, zu schauen, wo seine Möglichkeiten sind.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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Carl-August Seibel leitet das Schuhunternehmen Josef Seibel in Hauenstein und führt den Bundesverband der Schuh- und Lederwareni
Carl-August Seibel leitet das Schuhunternehmen Josef Seibel in Hauenstein und führt den Bundesverband der Schuh- und Lederwarenindustrie mit 131 Mitgliedern.
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