Griechenland
Zwischen Mythos und Moderne: Die neue Blüte der Costa Navarino
Natürlich erzählt Kiriakos Antonopoulos von den Göttern. Schließlich lebt der 37-Jährige an der Südwestküste der Peloponnes. In Griechenland. Genau dort, wo der Sage nach Hermes, der Schutzgott aller Reisenden, Kaufleute und Schelme, seinem Bruder Apollo 50 heilige Ochsen gestohlen und sie in einer Höhle oberhalb der Bucht versteckt haben soll. Um dann zur Besänftigung des Erzürnten auf der Lyra zu spielen. „Da passt dann alles zusammen“, sagt der Bike-Spezialist lachend.
Antonopoulos lebt seit gut 20 Jahren an der Costa Navarino und begleitet Fahrradfahrer nicht nur zum legendären Strand von Voidokilia. Am Anfang lebte die Gegend vor allem von ihren Olivenbäumen. Noch immer zähle man hier über zwölf Millionen Bäume, die für ihre kleinen grünen Früchte bekannt seien, sagt Antonopoulos.
Doch die Zeiten haben sich geändert. Vorbei die Pläne aus den 1950er Jahren, die Divari-Lagune bei Gialova trockenzulegen, um mehr Gemüse und Olivenbäume anpflanzen zu können.
Tourismusquote hilft den Einheimischen
Das Feuchtgebiet grenzt an den Strand der Ochsenbauch-Bucht, der alten Burg von Navarino und den Strand von Divari, die die Lagune nur über einen schmalen Kanal vom Meer aus erreichbar macht. Heute ist die Lagune, deren noch zu Austrocknungszeiten angelegten Dämme als Fahrradpfade dienen, Teil des seit 1992 bestehenden EU-Schutzgebiete-Projekts Natura 2000. Antonopoulos zeigt stolz auf die Flamingo-Scharen, die sich hier neben rund 270 anderen Vogel- und Reptilienarten zuhause fühlen.
Der rasante Wandel an der Costa Navarino trägt einen Namen: Vassilis C. Constantakopoulos. Sie nennen ihn hier nur „den Captain“. Constantakopoulos hatte seinen Weg zum späteren Containerschiff-Imperium Costamare Shipping, heute einem der größten der Welt, 1953 mit einem kleinen Cargoboot gestartet, ehe er sich nach 21 Jahren auf See daranmachte, einen großen Teil des Gemeindebezirks von Pylos aufzukaufen, um sie für den Tourismus zu erschließen.
2011 starb Constantakopoulos 76-jährig, nur wenige Monate nach der Eröffnung von Los Romanos, des ersten luxuriösen Resorts. „Die Entwicklung hat uns seitdem allen hier gut getan“, sagt Antonopoulos. „Damals gab es in Gialova nur einen Mini-Markt, ein Café und ein Restaurant. Die Leute waren schon ein wenig eigen.“
Heute sei die ganze Gegend viel weltoffener, sagt der Biker. Der Tourismus habe zudem mehr als 1200 Einheimische über eine vertragliche festgelegte Quote in den Hotels einen Job verschafft und für bescheidenen Wohlstand in der Region verholfen. Seit 2014 gibt es vier untereinander verbundene und im Luxusbereich angesiedelte Hotelanlagen rund 45 Kilometer vom kräftig expandierenden Flughafen Kalamata entfernt. Los Romanos, The Westin Resort, das Adults-only-Hotel W Costa Navarino (nur für Erwachsene) und seit 2023 das 99-Suiten-Hotel Mandarin Oriental: Vier Resorts mit vier nahen Golfplätzen, die mehrfach als die besten Urlaubs- und Golfanlagen in ganz Griechenland ausgezeichnet wurden.
Legendäre Bucht
Dass PR-Chefin Giota Spiliotopoulou verspricht, Gäste, die mindestens fünf Tage eine der Strandvillen buchen, kostenfrei von jedem Ort in Griechenland mit dem Hubschrauber abzuholen, sei da nur am Rande erwähnt. Für die touristische Laufkundschaft gibt es die Agora, eine moderne Shoppingmall mit kleinem Hafen.
Denn Pylos heißt nicht nur Luxus. Fast jedes Kind in Griechenland kennt die kleine Stadt am Fuße stattlicher Festungen (Neo-Kastro und Paleokastro). Denn die Bucht war Schauplatz zweier großer Schlachten, in denen es um die Freiheit der Hellenen ging. Bei der bei Thukydides beschriebenen berühmten Schlacht von Sphakteria nahmen die Athener 425 vor Christus im Peloponnesischen Krieg die auf der Insel gelandeten Spartaner gefangen.
Mehr noch. Am 20. Oktober 1827 wurden 82 Kriegsschiffe der osmanischen Flotte versenkt, die den griechischen Freiheitskampf niederschlagen sollten. Die Schlacht gilt als das entscheidende Ereignis, mit dem Griechenland nach jahrelangem Aufstand seine Unabhängigkeit von den Türken erkämpfte.
Heute ringen nur noch Touristen um einen der spärlichen Parkplätze, um im Schatten der Bäume im Cafeneon ein Galaktoboureko - einen mit gebuttertem Filo-Teig umhüllten Grießpudding – zum griechischen Kaffee zu bestellen.
Kiriakos Antonopoulos gerät ins Schwärmen. „Ich will hier nicht wieder weg“, sagt er. Und hofft auf weitere Expansion. Erstmals überstieg der Tourismus in Griechenland 2024 die 40-Millionen-Marke. Nicht zuletzt, weil das Land nicht nur bei den Golfern verstärkt um Gäste in der Vor- und Nachsaison wirbt.
Der schönste Strand der Welt
In seinem Fahrradverleih hat er gut zu tun. Manchmal führt der drahtige 37-jährige Wanderer hoch über die Ochsenbauchbucht, die mit ihrem türkisblauen Wasser wie ein Omega geformt ist. Hinauf zur alten Festung, zu den Höhlen des Nestor, in denen der König von Pylos, der nach den Erzählungen Homers 90 Schiffe gegen Troja führte und zu den engsten Ratgebern des Kriegshelden Agamemnon gehörte, sein Vieh hielt.
„Die „New York Times“ hat die Voidokilia-Bucht mit ihren weitläufigen Dünen zum schönsten Strand der Welt gekürt“, sagt Antonopoulos und lacht: „Die Costa Navarino ist wirklich sagenhaft.“
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.