Pflege RHEINPFALZ Plus Artikel Zu Besuch in einer Seniorentagesstätte: „Dabei wollte ich anfangs gar nicht“

„Wir sind noch recht faul und sitzen im Kreis, doch mit der Gymnastik wird’s uns gleich heiß“, heißt es beim Trommel.
»Wir sind noch recht faul und sitzen im Kreis, doch mit der Gymnastik wird’s uns gleich heiß«, heißt es beim Trommel.

Nicht mehr fit genug, um zu Hause allein klarzukommen, noch zu gut auf dem Damm, um im Pflegeheim zu leben. Für diese Zielgruppe ist die Tagespflege gedacht: in Gesellschaft sein statt allein, eine Tagesstruktur und Angebote für Körper und Geist.

Im Gemeinschaftsraum geht es noch recht ruhig zu. Ein Mann ist in die Zeitung vertieft. Seine Nachbarin schaut aus dem Fenster. Nur hier und da fallen ein paar Worte. „Na, junger Mann, haben Sie schlecht geschlafen?“, fragt Melanie Metzger, Leiterin der Tagesstätte für Senioren in Annweiler. Die Frage richtet sich an einen Herrn, der in seinem Rollstuhl ein Nickerchen macht. „Mmhh“, antwortet dieser. Das klingt müde, und schon sinkt sein Kopf wieder in Richtung Brust. Zeit, etwas Schwung in die Gesellschaft zu bringen. Es ist zehn Uhr, die Stunde des Aktivierungsprogramms hat geschlagen. Wir sind zu Gast in einer Einrichtung zur Tagespflege, eine Außenstelle des Pfalzklinikums in Annweiler.

In der Tagespflege werden pflegebedürftige Senioren nur tagsüber in einer Einrichtung betreut und verbringen ihre Nächte in gewohnter Umgebung zu Hause. Auch Nachtpflege-Einrichtungen gibt es – hier sind die Senioren nur in den Nächten untergebracht – zum Beispiel, wenn ihnen Medikamente verabreicht werden müssen, sie mit einem gestörten Schlafrhythmus oder Demenz zu kämpfen haben. In beiden Fällen sind Angehörige zumindest phasenweise entlastet. Tages- und Nachtpflege sind Formen der teilstationären Pflege.

Gute Laune soll anstecken

Für das Aktivierungsprogramm teilt sich die Gruppe. Zehn Gäste wechseln in den Nebenraum, sechs bleiben und versammeln sich im Kreis. Rosa Kunststoffkörbe werden herbeigeholt, große gelbe Gymnastikbälle darauf platziert. Jeder bekommt zwei hölzerne Trommelstöcke. Was es damit auf sich hat, wird sich wohl später zeigen. Erst möchte Melanie Metzger wissen, ob es auch jedem gut geht. Die Leiterin zeigt sich bestens gelaunt, und das färbt ab. Wer noch die Nacht in den Knochen hat, wird munter. Genau richtig für eine kleine geistige Aufwärmrunde – mit Fragen nach dem heutigen Wochentag, dem aktuellen Monat und dem Jahr. Teils kommen die Antworten prompt, teils herrscht ratloses Schweigen.

Zum Grübeln bleibt keine Zeit. Es wird musikalisch. Was folgt, heißt in etwas seltsamem Neudeutsch „Drum für Life“: Es wird auf die dicken Bälle getrommelt, was das Zeug hält, immer schön im Takt zu dem Gymnastiklied, das die Leiterin anstimmt. „Wir sind noch recht faul, und sitzen im Kreis, doch mit der Gymnastik wird’s uns gleich heiß“, lautet einer der Motivationssätze. Die Stimmung wird tatsächlich immer besser, denn eine Strophe ist witziger als die andere. Es wird viel gelacht, manch einer gerät aus der Puste. Also Fenster auf, Trinkpause einlegen, Luft schnappen. Und eine willkommene Gelegenheit, die Batterie eines Hörgeräts, die schlapp gemacht hat, gegen eine neue auszutauschen. „So, jetzt hör ich wieder richtig“, sagt die Dame erleichtert.

„Das erspart vielen den Umzug“

„Wir erstellen für jeden Tag einen Plan, um den Gästen Abwechslung zu bieten und gleichzeitig ihre Fähigkeiten zu erhalten beziehungsweise zu verbessern. Dazu gibt es gezielte Trainings auf kognitiver und körperlicher Ebene, die auf die Ressourcen des Einzelnen abgestimmt sind“, erklärt Melanie Metzger. Dafür sorgt ein reines Frauenteam aus drei Pflegefachkräften und drei Betreuungskräften. 20 Plätze bietet die Tagestätte für Senioren, die zur Klinik für Gerontopsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Pfalzklinikums im südpfälzischen Klingenmünster gehört. „Wir betreuen, pflegen und fördern ältere Menschen, die den Tag bei uns verbringen und abends in ihr Zuhause zurückkehren. Das erspart vielen den Umzug in ein Seniorenheim“, sagt Metzger. Manche der Tagesgäste leben noch allein, andere wohnen bei Angehörigen. Für diese sei die Tagespflege eine Entlastung. „Sie können ihrem Beruf nachgehen oder haben Zeit für sich, um in Ruhe Besorgungen zu machen, zum Arzt oder Friseur zu gehen, sich mal zu verabreden oder etwas zu unternehmen. So verbessern wir die Lebensqualität auf beiden Seiten und sorgen für eine feste Tagesstruktur, die eine verlässliche Planung ermöglicht.“

„Pflegebedürftige der Pflegegrade 2 bis 5 haben Anspruch auf teilstationäre Pflege in Einrichtungen der Tages- oder Nachtpflege, wenn häusliche Pflege nicht in ausreichendem Umfang sichergestellt werden kann oder wenn dies zur Ergänzung oder Stärkung der häuslichen Pflege erforderlich ist“, heißt es im elften Buch des Sozialgesetzbuchs, Paragraf 41. Und: „Die teilstationäre Pflege umfaßt auch die notwendige Beförderung des Pflegebedürftigen von der Wohnung zur Einrichtung der Tagespflege oder der Nachtpflege und zurück.“

Mitspracherecht beim Speiseplan

Von Montag bis Freitag öffnen sich die Türen der Tagesstätte in Annweiler morgens um acht Uhr. Dann trudeln auch gleich die ersten Gäste ein. „Manche werden von Angehörigen gebracht, andere von dem Taxiunternehmen, mit dem wir in Form eines Hol- und Bringservices kooperieren. Wer will, kann sich ein Frühstück mitbringen. Tee, Kaffee, Wasser und Saft gibt es bei uns immer. Das Mittagessen nehmen wir gemeinsam ein.“ Das wird in der Küche, die an den Gemeinschaftraum angrenzt, frisch gekocht. An diesem Tag ist Sabine Müller, eine der Betreuungskräfte, Herrin über den Herd und hackt Zwiebeln klein. „Die sind für den Salat, den gibt’s zu den gefüllten Pfannkuchen“, erklärt sie das heutige Mahl. Auf dem Herd köchelt die Vorspeise, eine gebrannte Grießsuppe, die appetitanregenden Duft verströmt. Zum Nachtisch ist Eis geplant. Bei dem wöchentlichen Speiseplan haben die Senioren Mitspracherecht und dürfen auch bei den Vorbereitungen helfen – jeder so, wie er oder sie kann.

Während in der Küche gewerkelt wird, ist die zweite, was die Wahrnehmung angeht stärkere, Gruppe im Nebenraum ebenfalls schwer beschäftigt. Gerade werden die Füße und Beine trainiert. Marschieren im Sitzen ist angesagt. Dazu passt das Lied „O, du schöner Westerwald“. Denn mit Singen schlägt man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. „Es macht nicht nur Spaß, sondern belüftet auch die Lungen“, sagt Judith Schwarzmüller. Die Pflegefachkraft hält die zehnköpfige Truppe auf Trab. Mit igeligen Massagebällen werden die Arme massiert, Zehenspitzen Richtung Nase gekrümmt, Beine zur Seite gestreckt und zurück. Sprungelenke kreisen, dann das Kommando: „Spitze, Hacke!“ Alle machen mit, jeder in seinem Tempo, auch bei den Fingerübungen für Gelenkigkeit. Die klappen nicht bei jedem. „Macht nix, das muss man trainieren“, sagt Judith Schwarzmüller. Deshalb wird alles wiederholt.

Nicht zu vergessen: das Gedächtnistraining

Danach sind das Lang- und Kurzzeitgedächtnis an der Reihe. Sie werden nach einer Methode namens SimA trainiert, für die Judith Schwarzmüller ausgebildet ist. Ein wissenschaftlich entwickeltes Übungsprogramm, bei dem Gedächtnis und Psychomotorik gleichermaßen angesprochen werden. Nun sollen Zahlen in langen Reihen aufgestöbert, gegensätzliche Begriffe gefunden und Wörter mittels eines Buchstabenkästchens gebildet werden. Dabei geht’s locker zu, von Druck keine Spur. „Die Leute sollen ja mit Freude bei der Sache sein“, sagt die Pflegefachkraft, deren Energie ansteckend ist.

Manche der Tagesgäste sind in ihrer Mobilität eingeschränkt, viele leiden an Demenz in unterschiedlicher Ausprägung. Ihnen allen soll Rechnung getragen werden. Das zeigt sich auch an den Räumen. Dass alles barrierefrei ist, versteht sich von selbst. Aber auch die Gestaltung hat Kalkül. Die Wände sind hellgelb gestrichen. „Weil die Farbe eine beruhigende Wirkung hat“, erklärt Melanie Metzger. Burgunderrot sind nicht nur alle Sitzgelegenheiten, sondern auch die Umrahmungen der Türen zu den Toiletten – wegen des hohen Wiedererkennungswertes. Dekogegenstände und Bilder gibt es nur wenige, aus Rücksicht auf die Menschen mit Demenz, denen eine reizarme Umgebung entgegenkommt. „Alle Gäste haben ihren eigenen Schrank, in dem sie ihre Tasche, Garderobe oder das Kissen fürs Mittagschläfchen verstauen können. Damit jeder weiß, welcher Schrank seiner ist, haben wir Fotos darauf angebracht, mit Motiven, die für jeden eine ganz bestimmte Bedeutung haben.“ Mal ist es eine Nähmaschine, mal eine Gebirgslandschaft oder das eigene Porträt.

„Mein Enkel hat mich angemeldet“

Die morgendlichen Aktivierungsprogramme gehen Richtung 12 Uhr ihrem Ende entgegen. Irma Steiner haben sie gutgetan. Flott gekleidet und geistig absolut auf der Höhe, merkt man ihr die 90 Jahre nicht an. Sie kommt regelmäßig in die Tagesstätte. „Und jedes Mal freue ich mich darauf. Dabei wollte ich anfangs gar nicht. Aber mein Enkel hat mich einfach angemeldet. Er meinte, ich müsse unter Leute, da ich seit dem Tod meines Mannes viel alleine war“, sprudelt es aus ihr heraus. „Zuerst habe ich mich dagegen gewehrt, ich hatte Angst, zur Last zu fallen.“ Diese Furcht war jedoch unbegründet. Sie erzählt: „Ich wurde ganz herzlich aufgenommen. Seither bin ich vier Tage die Woche hier. Einen Tag halte ich frei für andere Termine. Das werde ich beibehalten, solange ich kann.“

Das Mittagessen wird dampfend serviert. Auch danach haben sich alle eine Pause verdient. Mache nutzen sie für ein Schläfchen im Ruhe- und Kreativraum. Andere lesen oder pflegen die innere Einkehr. Bei schönem Wetter lockt der Garten.. Ein Tagesgast schaut nach dem Hochbeet, um das er sich gerne kümmert und Tomaten und Knoblauch einpflanzt.

Wenn alle ausgeruht sind, hält der Nachmittag weitere Angebote inklusive Kaffeetrinken bereit. Dann wird Altbekanntes gesungen, im Sinne der Biografiearbeit das Gedächtnis mit Erinnerungen an frühere Zeiten gepflegt und das Zusammensein mit anderen genossen. Bevor die Tagesstätte um 18 Uhr schließt und es für die Senioren wieder nach Hause geht.

Zur Sache: Das Konzept Tagespflege

„Als teilstationäre Versorgung wird die zeitweise Betreuung im Tagesverlauf in einer Pflegeeinrichtung bezeichnet“, erklärt das Bundesgesundheitsministerium auf seiner Internetseite. Teilstationäre Pflege kann demnach als Tages- oder Nachtpflege konzipiert sein. Genutzt werden kann die Tages- oder Nachtpflege, „wenn die häusliche Pflege nicht in ausreichendem Umfang gewährleistet werden kann oder wenn dies zur Ergänzung oder Stärkung der häuslichen Pflege erforderlich ist.“ Die Tagespflege wird in der Regel von Pflegebedürftigen in Anspruch genommen, deren Angehörige tagsüber berufstätig sind. Die Pflegebedürftigen werden meist morgens abgeholt und nachmittags nach Hause zurückgebracht. Laut Ministerium übernimmt – wenn die Voraussetzungen erfüllt sind – die Pflegekasse die pflegebedingten Aufwendungen einschließlich der Aufwendungen für Betreuung und medizinische Behandlungspflege. Die Kosten für Unterkunft und Verpflegung müssten dagegen grundsätzlich privat getragen werden. Unser Bild zeigt die Tagesstätte für Senioren des Pfalzklinikums in der Außenstelle Annweiler.

Vor- und Nachteile

Zu den Vorteilen der Tagespflege zählt, dass Pflegebedürftige tagsüber gut versorgt sind und Pflegedienste zusätzlich die häusliche Pflege am Morgen und Abend übernehmen können. Pflegebedürftige haben in der Tagespflege die Chance, neue soziale Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, außerdem werden die Angehörigen entlastet und die kognitiven Fähigkeiten des Pflegebedürftigen gefördert.

Als nachteilig kann sich erweisen, dass Pflegebedürftige in der Tagespflege regelmäßig eine gewisse Zeit in einer fremden Umgebung verbringen müssen, was nicht jedem Menschen gefällt. Pflegebedürftige müssen sich – je nach Einrichtung – unter Umständen auch auf wechselnde Betreuer oder Betreuerinnen einstellen. Der Wechsel zwischen unterschiedlichen Umgebungen und der Hin- und Rücktransport zur und von der Einrichtung können bei dem Pflegebedürftigen sowie auch seinem Angehörigen auch Stress auslösen. Nähere Informationen zu Tages- und Nachtpflege erteilen alle Einrichtungen, die das Angebot in ihrem Programm haben.

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Das aktualisierte E-Paper der RHEINPFALZ am SONNTAG lesen Sie sonntags ab 5 Uhr hier mit der RHEINPFALZ-App.

Beim „Becherschütteln“ mit Judith Schwarzmüller trainieren die Senioren ihre Motorik.
Beim »Becherschütteln« mit Judith Schwarzmüller trainieren die Senioren ihre Motorik.
Der Flur der Tagesstätte.
Der Flur der Tagesstätte.
Auch basteln gehört zum Programm.
Auch basteln gehört zum Programm.
Einige der Senioren pflegen tagsüber ein Hochbeet.
Einige der Senioren pflegen tagsüber ein Hochbeet.
Melanie Metzger als Vortrommlerin.
Melanie Metzger als Vortrommlerin.
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