Fußball
Wie Pfälzer den Amputiertenfußball in Deutschland prägen
Die Frage kennt Christian Heintz zur Genüge. „Fußball mit einem Bein: Wie soll das gehen?“ Wie gut das gelingt, kann kaum einer besser demonstrieren als der 41-Jährige, der als einer der besten und erfahrensten Amputiertenfußballer Deutschlands für den FSV Mainz 05 vorangeht. Ohne ihn gäbe es kaum die Deutsche Amputierten-Fußball-Bundesliga (DAFL) in ihrer heutigen Ausprägung. Die Nullfünfer sind in der fünften Saison der Titelverteidiger. Der Verein stellt zum Heimspieltag das Bruchwegstadion. Der Eintritt ist frei, es werden Spendenboxen aufgestellt. Wer einmal zusieht, wird schnell feststellen, dass diese Sportler jede Unterstützung verdienen.
Gespielt wird mit zwei Krücken und einem Bein. Je zweimal 20 Minuten auf einem Kleinfeld Fünf gegen Fünf auf Feldhockey-Tore. „Die Motivation ist bei uns noch mal höher als bei normalen Zweibeinern“, versichert Heintz mit einem Grinsen im Gesicht. „Wir grätschen nicht, aber wir spielen genauso rasanten Fußball.“ Eine Schicksalsgemeinschaft, die trotz ihrer Beeinträchtigung mit beiden Beinen im Leben steht. Zu den Mainzer „Ampu-Kicker“, wie sie sich selbst nennen, gehört auch Florian Fischer aus dem Landkreis Germersheim. Kämpfertyp und Leistungsträger in dieser besonderen Schicksalsgemeinschaft. Vor 14 Jahren wurde bei ihm ein Tumor im rechten Kniegelenk festgestellt. Diagnose Knochenkrebs. „Das zog sich über anderthalb Jahre, das war eine harte Zeit.“ Mit 16 Jahren entschied sich der Fußballer des FC Viktoria Neupotz für die Amputation.
Ohne Sponsoren wird der Trip zur WM schwierig
Mit einer Prothese lernte er schnell wieder laufen – und das war auch einer der Gründe, warum er sich anfangs zum Amputiertenfußball „nicht so hingezogen fühlte“, wie der 28-Jährige erzählt: „Das war ein kleiner Widerspruch für mich.“ Er habe daher zuerst Laufen mit einer Feder oder Volleyball ausprobiert, ehe die Liebe zum Fußball wieder aufflammte. Als er 2016 beim Amputiertenfußball von Anpfiff Hoffenheim mitmachte, habe das „abartig Spaß gemacht, da hatte ich wieder richtig Bock“.
Bereits 2017 spielte Fischer seine erste EM. Er selbst ist längst zu einem Schlüsselspieler geworden, der sich das Ziel gesetzt hat, mit der deutschen Nationalmannschaft konkurrenzfähig zu werden. „Mit der Deutschland-Flagge einzulaufen ist ein Riesengefühl. Es ist mein großes Ziel, dass wir zu den Top Acht in Europa gehören.“ Bei der EM 2024 in Frankreich löste Deutschland das Ticket für die WM in Costa Rica im Herbst 2026, doch ohne Sponsoren wird es kaum gelingen, den teuren Trip zu finanzieren. Die Suche nach Geldgebern ist in vollem Gange.
Bei Mainz 05 hat Fischer mit Marcel Hermann aus Speyer und Torhüter Cesar Leszinski aus Rülzheim noch zwei Mitstreiter, mit denen Fischer eine Fahrgemeinschaft bildet, „die Pfälzer Fraktion“, wie er sagt. Der bei Siemens in Karlsruhe beschäftigte CAD-Techniker kann auch gut erklären, warum es keine gute Idee wäre, Fußball mit Prothese zu spielen: „Er gibt verschiedene Arten von Amputationen. Es wäre unfair, wenn ich gegen jemand spiele, dem nur der Fuß fehlt. Gleiches Recht für alle.“
Anfragen beim FCK bleiben erfolglos
Ansonsten sei seine Sportart eben auch viel Handarbeit: „Es ist eine richtige Anstrengung für die Handgelenke, für die Schultern, für die Arme, für die Brustmuskeln. Alles muss man trainieren.“ Die größte Umstellung zum Fußball auf zwei Beinen sei aber nicht nur die extrem kräftezehrende Fortbewegung, sondern auch die Tatsache, alle Ballaktionen eben nur mit einem Bein ausführen zu können. „Ich war Linksfuß und habe glücklicherweise meinen starken Fuß noch.“ Fischer versucht, sich ins einem Leben „an positiven Ereignissen hochzuziehen“.
Die Akzeptanz seines Handicaps geht sogar so weit, dass er in einem TV-Interview einmal sagte, er fühle sich „fast gar nicht mehr behindert“. Er brauche nur beim Treppenlaufen mehr Zeit oder beim Einsteigen ins Auto mehr Platz. Wie selbstverständlich hat er als eingefleischter Fan des 1. FC Kaiserslautern eine Dauerkarte im Stehplatzbereich des Fritz-Walter-Stadions. „Sitzen ist nicht mein Ding“, sagt er. Selbst für seinen Herzensklub mal aufzulaufen, wäre sein großer Traum. „Es wäre doch toll, wenn mittelfristig jeder Lizenzverein ein Amputiertenteam stellt“, sagt Fischer. Er habe diesbezüglich auch mal eine Anfrage an den FCK gestellt, die jedoch erfolglos blieb.
Deutschlandweit gibt es bislang bloß fünf Teams: Neben Mainz 05 unterhalten noch Fortuna Düsseldorf und der Hamburger SV als Lizenzvereine ein Amputiertenteam, dazu kommen TB Berlin und Anpfiff Hoffenheim. Die Mainzer gewannen das letztjährige Finale gegen den Hamburger SV 1:0, Christian Heintz schoss das entscheidende Tor. Er organisiert als Geschäftsführer des gemeinnützigen Dachverbands Deutscher Amputierten-Fußball (DAFL gGmbH) auch den Spielbetrieb. Vor fünf Jahren waren es bundesweit nur 15 Spieler, jetzt sind es immerhin 80.
„Einmal abmachen, bitte“
Selbstverschuldet habe er 2010 bei einem Autounfall sein Bein verloren, wie er freimütig erzählt. In einer Winternacht rutschte er aus einer Kurve, sein Fahrzeug prallte gegen einen Baum – er war nicht angeschnallt. Die Ärzte gaben ihm im Koma im Krankenhaus nur eine zehnprozentige Überlebenschance. Das rechte Bein war zerquetscht. Er überlebte – und traf am Krankenbett die Entscheidung, dass sein kaputtes Bein nicht mit einer Stahlkonstruktion versteift, sondern amputiert werden sollte, weil ein künstliches Bein mit der Prothese beweglicher ist. „Deshalb habe ich den Ärzten gesagt: Einmal abmachen, bitte“, erzählt er.
Die persönliche Tragik eines jeden einzelnen, beteuert Heintz, würde bei der ersten Begegnung auf dem Fußballplatz gar nicht interessieren. „Wenn neue Spieler kommen, steht der Sport im Vordergrund. Erst beim dritten, vierten Mal fragt man: „Was ist eigentlich Dir passiert?“ Und so gibt es auch einen, der sein Bein durch ein Fußballspiel verlor: Stefan Schmidt stieß 2017 in der Kreisliga so unglücklich mit einem Torwart zusammenstieß, dass Schien- und Wadenbein im rechten Winkel brachen. Die Ärzte merkten zu spät, dass der Unterschenkel nicht mehr richtig durchblutet war. Auch der 31-Jährige trägt sein Handicap mit Fassung – und blüht auf, wenn er Fußball spielen darf. Auf seinen Social-Media-Kanälen zeigt er seinen Alltag. Wenn er in einem Video ein neues Prothesenmodell präsentiert, schauen das schon mal eine halbe Million Menschen.
Die Mainzer Mannschaft rekrutiert sich aus Akteuren, die aus einem Umkreis von 250 Kilometern kommen. Aus Saarbrücken und Speyer, Mannheim und Bad Homburg. Trainiert wird wegen der weiten Anreise gemeinsam deshalb nur alle zwei Wochen, im Winter in der Soccerhalle, im Sommer im Freien im Winzerort Essenheim bei Mainz. Ansonsten halten sich die Amputierten über ihre Heimatvereine fit, die sich der Inklusion verschrieben haben. So gut das eben geht.
In Polen ist Robert Lewandowski Schirmherr
Die Mainzer waren diesem Jahr erstmals für die Champions League qualifiziert, am vergangenen Wochenende ging es beim Turnier im türkischen Ankara gegen Real Betis aus Spanien, AFC Tbilisi aus Georgien und Alves Kablo FK aus der Türkei. Acht Teams waren am Start, Mainz wurde Siebter.
Am Bosporus wird der Amputiertenfußball staatlich gefördert. Liveübertragungen im Fernsehen befördern das öffentliche Interesse. Vor einigen Jahren kamen zum EM-Finale zwischen der Türkei und England 40.000 Zuschauer. Auch auf der Insel oder in Polen gebe es organisierte Ligen in profiähnlichen Strukturen, sagt Heintz. Ein Superstar wie Robert Lewandowski stelle sich als Schirmherr zur Verfügung. An solcher Unterstützung mangelt es in Deutschland. Noch immer blitzt der Amputiertenfußball selbst mit dem Ansinnen nach einer Aufnahme beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) ab.
Es ist für mich ein Unding im Fußball-Land Deutschland, das wir nicht vom DFB vertreten werden“, kritisiert der Mainzer Trainer Jürgen Menger. Nur den Blindenfußball zu fördern, auf den sich meist auch die öffentliche Aufmerksamkeit beschränkt, sei aus seiner Sicht zu wenig. „Dafür habe ich wenig Verständnis. Im Gegensatz zu anderen Ländern ist Deutschland absolutes Entwicklungsland“. Was den Amputiertenfußball angehe, wohlgemerkt. Auch die Anerkennung als Paralympische Sportart ist noch nicht durch: Die Aufnahme ins Programm für die Spiele 2032 in Brisbane steht zumindest beim Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) in Aussicht.
Jubel mit den Krücken
Menger war früher Profifußballer, unter anderem beim FSV Mainz 05 und beim SC Freiburg. Zu seiner heutigen Traineraufgabe kam der 64-Jährige, weil sein Sohn Robin vor vier Jahren beim Überqueren der Gleise am Mainzer Bahnhof den linken Unterschenkel verlor. Der damals 24-Jährige fasste schnell den Entschluss, weiter Fußball spielen zu wollen, doch natürlich war die Zeit nicht einfach: „Das war eine Tragödie, die ganze Familie stand lange unter Schock.“
In dieser Zeit bildete sich in Mainz das Amputiertenteam, hatte aber noch keinen Trainer. Menger meldete sich – und wird heute von Jörg Schmidtke als Co-Trainer unterstützt, der ebenfalls einen Unterschenkel verlor, und Torwarttrainer Detlef Boche. Die Abläufe in den Übungseinheiten seien teilweise ähnlich, „aber natürlich muss ich sehr vieles anpassen.“ Präzises Passspiel ist wichtig. Ein schlecht getimtes Zuspiel kann nicht eben mal erlaufen werden. Die Krücke wird oft genutzt, um ein Zeichen zu geben, angespielt zu werden. Bei Torerfolgen klacken die Metallstangen zur Gratulation. Fußball auf einem Bein – das geht eben sehr gut.