Geschichte
Wie der irische Aufstand gegen die Briten begann
Am strahlend schönen Morgen des 12. Mai 1916 wird ein Schwerverwundeter in den Innenhof des Dubliner Kilmainham-Gefängnisses getragen, wo ein Erschießungskommando wartet. James Connolly, Anführer des Osteraufstandes für ein freies Irland, wird, weil er mit zerschmettertem Knöchel nicht stehen kann, an einen Stuhl gebunden.
Eben noch hat er den Priester gebeten, den englischen Soldaten zu vergeben, denn sie wüssten nicht, was sie tun, nun sackt er von ihren Kugeln getroffen zusammen. Während sein Tod Fanal für den Unabhängigkeitskrieg von 1919 bis 1921 wird, bleibt sein großer Traum unerfüllt: Ein geeintes Irland, in dem, vom Pflug bis zu den Sternen, allen alles gehört.
Geboren wird James Connolly 1868 nicht in Irland, sondern in der Cowgate, einem Slum der schottischen Hauptstadt Edinburgh, in dem überwiegend irische Einwanderer leben. Viele von ihnen sind bereits vor der großen Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts aus ihrer Heimat hierher geflohen. Der Vater bringt die Familie mit drei Söhnen gerade so eben durch, kurz vor seinem 11. Geburtstag muss James die Schule verlassen, verdient zunächst als Laufbursche, dann in einer Bäckerei etwas Geld dazu.
Mit 14 in der englischen Armee
Er ist erst 14, als er seinem älteren Bruder John in die englische Armee folgt und sich unter falschem Namen und Alter einschreibt. Seine Einheit wird ausgerechnet nach Irland verlegt und im dortigen Landkrieg eingesetzt: Er erlebt, wie verarmte katholische Pächter aus ihren Häusern vertrieben werden. Connolly bleibt in acht Jahren Militärzeit meist für sich allein, anders als seine Kameraden trinkt und raucht er nicht, er liest viel, die britische Armee sei eine Kloake, die alles verpeste, schreibt er später.
Nachdem sein Regiment nach Dublin verlegt wird, verpasst er eines Abends gemeinsam mit der protestantischen Hausangestellten Lillie Reynolds eine Straßenbahn, sie verlieben sich Hals über Kopf. Er desertiert und kehrt 1889 nach Schottland zurück, gefolgt von Lillie. Sie heiraten und bekommen sieben Kinder.
In Edinburgh arbeitet er als einfacher Arbeiter, der wie sein Vater Düngemittel transportiert, und kommt durch einen Freund verstärkt in Kontakt mit sozialistischen Zirkeln. Connolly liest die Werke von Marx und Engels und beginnt, unterstützt von der gebildeteren Lillie, selbst Flugblätter zu verfassen.
Verhungern oder agitieren
Bereits als junger Mann geht er ganz in politischer Agitation auf, eine Existenzgründung als Schuhmacher hingegen scheitert am fehlenden Talent. Auf die Frage, was er stattdessen machen werde, antwortet er sarkastisch: „Mir einen Spiegel kaufen und zusehen, wie ich verhungere.“
Die junge Familie überlegt, nach Chile auszuwandern, da kommt aus Dublin das Angebot, als Sekretär des Sozialistischen Clubs zu arbeiten. Connolly nimmt an und gründet die Irish Socialist Republican Party, die, wie ein Journalist ätzt, mehr Silben im Namen als Mitglieder hat.
Doch Connolly ist in seinem Element, entwirft ein Manifest, das viele Forderungen wie Frauenwahlrecht, Vergesellschaftung und soziale Absicherung enthält, die bis heute im Zentrum sozialer Kämpfe stehen. Ein besonderes Ereignis dieser Phase ist 1897 das 60. Thronjubiläum von Königin Victoria, das in Dublin von der Unabhängigkeitsbewegung zu einem Massenprotest umfunktioniert wird.
Die berühmte Freiheitskämpferin Maude Gonne kommt extra aus Paris, um sich den Protesten anzuschließen. Für Gonne ist James Connolly „der mutigste Mann, den ich in meinem Leben kennengelernt habe“.
Die Polizei reitet in die Menge
Gemeinsam schreiten sie hinter einem Sarg mit der Aufschrift „British Empire“, eine Kapelle spielt einen Trauermarsch, doch die Polizei reitet in die Menge, benutzt Schlagstöcke, eine alte Frau stirbt. Als die Prozession auf der O’Connell Bridge gestoppt wird, landet der Sarg im Fluss Liffey. Connolly wird verhaftet, doch weil die wohlhabende Gonne seine Kaution bezahlt, ist er am nächsten Tag wieder frei.
1902 lädt ihn die American Socialist Labor Party, die seine Artikel in den USA verbreitet, zu einer ausgedehnten Vortragsreise ein. Während Connolly dabei Spenden für seine Zeitung „The Workers Republic“ sammelt, ärgert er sich, dass sie in Irland nicht mehr rechtzeitig gedruckt wird. Nach Dublin zurückgekehrt, stellt er fest, dass die Genossen die Spenden größtenteils im Pub versoffen haben.
Empört verlässt er die Partei, die Familie beschließt, in die USA auszuwandern. Zunächst kann wegen des fehlenden Geldes nur Connolly selbst die Reise antreten, es dauert fast ein Jahr, bis Lillie mit den Kindern nachkommen kann. Am Tag der Abreise geschieht in der Hektik ein schrecklicher Unfall: Tochter Mona überschüttet sich mit brennendem Öl und stirbt. Connolly erfährt es erst, als er Lillie und die anderen Kinder in Staaten Island wiedertrifft. Er fühlt sich schuldig, auch weil Mona, die sich sehr früh für die Ideen des Vaters begeistert, zuvor alleine mit ihm nach Amerika gehen wollte.
Sozialismus leicht gemacht
Schließlich beginnt er in New York für die „Wobblies“, die Gewerkschaft Industrial Workers of the World, zu arbeiten. Meist isst er in Suppenküchen, die er ironisch in teure Hotels wie Waldorf-Astoria umtauft, Lillie arbeitet zusätzlich in einer Wäscherei. Der in sozialistischen Kreisen verbreiteten Forderung nach freier Liebe kann Connolly nichts abgewinnen, er ist für Ehe und Monogamie – in dieser Hinsicht bleibt er Katholik. Kinder sieht er in einer liebevollen Familie am besten aufgehoben.
Connolly hat noch eine andere Leidenschaft, die er vor allem in seiner Zeit in Amerika umsetzt: Singen und Dichten. Seine Lieder sind monothematisch, Freiheit, immer wieder Freiheit. Aus einem Lied von 1907 stammt auch einer seiner bekanntesten Aussprüche, der den Aufruf zur politischen Mäßigung aufs Korn nimmt: „Unsere höchst gemäßigte Forderung: Wir wollen nur die ganze Welt!“ Connolly konzentriert sich in seinen Schriften darauf, die meist wenig gebildeten Arbeiter zu erreichen, nicht zufällig heißt eine bekannte Broschüre von ihm „Sozialismus, leicht gemacht“.
Doch auch nach sieben Jahren in den Staaten ist die Sehnsucht nach der Grünen Insel riesengroß. Da kommt ein Jobangebot der Gewerkschaft ITGWU, der Irish Transport and General Workers Union, gerade recht. In Irland wird er zunächst in Belfast eingesetzt. Dort gelingt es ihm, protestantische und katholische Hafenarbeiter für Streikaktionen zu einen.
Ein geborener Feminist
Im Januar 1913 spitzen sich die Klassenkämpfe in Dublin zu. Was zunächst als Streik für mehr Lohn beginnt, wird zu einem der größten Arbeitskämpfe der europäischen Geschichte. Der irische Unternehmerverband entlässt massenhaft Gewerkschaftsmitglieder. Für die Kinder der Gefeuerten organisiert Connollys enge Freundin, die Gräfin Constance Markiewicz, eine Suppenküche in der Liberty Hall, dem Dreh- und Angelpunkt der Gewerkschaften. Dafür versetzt sie all ihre Juwelen. Sowohl die Polizei als auch angeheuerte Schlägertrupps setzen den Demonstranten schwer zu, drei sterben.
Als Connolly inhaftiert wird, geht er als erster Mann in Irland in den Hungerstreik, folgt damit Frauenrechtlerinnen, die dieses Mittel schon seit 1909 anwenden. Nach einer Woche wird er körperlich geschwächt, aber in seinem Willen ungebrochen, entlassen. Zum Schutz der Demonstrationen gründen Connolly und Markiewicz die etwa 250 Mitglieder zählende Irish Citizen Army als Gewerkschaftsmiliz. Ihre Fahne, der Pflug mit sieben Sternen, symbolisiert die Aneignung des Landes und die Selbstbestimmung des Schicksals.
Von Anfang an werden Frauen als gleichberechtigte Kämpferinnen aufgenommen – kein Zufall, die irische Suffragette Louie Bennett nennt Connolly einen „der besten Redner für das Frauenwahlrecht“, er sei „in jeder Hinsicht ein geborener Feminist“.
Sozialismus ohne Tyrannei
Connollys Ziel ist die umfassende soziale Umwälzung, die Abschaffung des Privatbesitzes von Land, Fabriken und Häusern, denn „selbst, wenn morgen die englische Armee abziehen und die grüne Fahne über dem Dubliner Schloss wehen würde, wären alle Anstrengungen vergeblich. Immer noch würde England herrschen. Es würde durch seine Kapitalisten, durch seine Großgrundbesitzer, durch seine Geldgeber, durch jede einzelne Institution herrschen, die es in dieses Land gesetzt hat und mit den Tränen unserer Mütter und dem Blut unserer Märtyrer begießt.“
Parlamentsarbeit soll laut Connolly die Aktionen der Gewerkschaften nur flankieren. Sein Sozialismus, den man sich als völlig gegensätzlich zu späteren totalitären Diktaturen in Russland oder China vorstellen muss, ist „eine Gesellschaft, in der die Werkstätten, Fabriken, Hafenanlagen, Bahnen, Werften der Nation gehören sollen, aber verwaltet von den Industriegewerkschaften (…), die industrielle Wirksamkeit mit größtmöglichem Umfang individueller Freiheit von Staatstyrannei verbinden“, schreibt er 1915 in „The Workers Republic“.
Von Beginn an lehnen Connollys Sozialisten ab August 1914 den Ersten Weltkrieg ab, über Liberty Hall hängen sie ein Banner: „Wir dienen weder König noch Kaiser, nur Irland.“ Connolly ist überzeugt: „Eine Niederlage Englands in Ägypten, im Balkan oder Flandern wäre für das Britische Empire nicht so gefährlich wie ein bewaffneter Kampf in Irland, der Zeitpunkt für diesen Kampf ist Jetzt! Der Ort des Kampfes ist Hier!“
Die deutschen Waffen versinken im Meer
So treibt er, auch um den Kriegseinsatz von insgesamt mehr als 200.000 Iren zu beenden, zum Aufstand, ist sogar bereit, alleine mit der Citizen Army loszuschlagen. Das wollen die anderen, weitaus mitgliederstärkeren nationalistischen Gruppierungen nicht, sie einigen sich mit ihm auf ein einheitliches Vorgehen.
Da die entscheidende Waffenlieferung aus Deutschland im Meer versenkt wird, verschieben die Aufständischen die für Ostersonntag 1916 geplante Aktion um einen Tag. Dann besetzen am Morgen des Ostermontags 1250 Männer und Frauen unter Connollys Befehl strategisch wichtige Gebäude in Dublin und rufen die irische Unabhängigkeit aus.
Zunächst gelingt es den Iren, die britische Armee zu überrumpeln, das ändert sich, als Verstärkung aus England eintrifft: Mit Kanonenbooten, Granatwerfern und Maschinengewehren verwandeln die Soldaten die Dubliner Innenstadt in wenigen Tagen in ein Trümmerfeld. Viele der 485 Toten und mehr als 2200 Verwundeten sind Zivilisten; schließlich, um weiteres Blutvergießen zu verhindern, ergibt sich der mehrfach verwundete Connolly.
Nach der Hinrichtung kommt der Aufstand
Er und 15 Anführer werden hingerichtet, was einen radikalen Umschwung in der öffentlichen Meinung bewirkt. Bei den nächsten Wahlen zum britischen Unterhaus 1918 holt die Freiheitspartei Sinn Fein die meisten Sitze, was wenig später zum Irischen Unabhängigkeitskrieg führt.
Natürlich kennt jeder in Irland Connolly als Befehlshaber des Osteraufstandes, und das nicht nur aus dem Geschichtsunterricht: Zu seinem 100. Geburtstag 1968 und zum 50. oder 100. Jahrestag des Osteraufstandes wird sein gutmütiges Gesicht auf Briefmarken gedruckt, 1966 wird eine Bahnstation nach ihm benannt, es gibt Denkmäler und auch viele seiner Parteien und Organisationen sind bis heute aktiv, etwa die Basisgewerkschaft der Wobblies in den USA und Kanada.
Dennoch hat es lange gedauert, bis die Öffentlichkeit Connolly auch als eigenständigen Denker und Sozialisten wahrnahm, der nicht nur unermüdlich einen Finger in die Wunde der ungleichen Verteilung von Macht und Teilhabe legte, sondern alles daran setzte, diese zu beenden.