Beweger
Wie das Neonlicht in die Welt kam
Als Simon & Garfunkel im Herbst 1964 ihr Debütalbum herausbringen, floppt es. Auch die Single „The Sound of Silence“ bleibt weitestgehend unbeachtet, bis ein Jahr später – ohne das Wissen des Duos – eine überarbeitete Fassung veröffentlicht wird, die bald darauf in aller Ohren ist. Neonlichter, Neonreklamen kommen mehrfach in dem Lied vor.
Besonders angenehme Bilder im Kopf wecken sie allerdings nicht, beleuchten sie doch eine Stadt, die voller Menschen ist, unfähig, miteinander zu kommunizieren. Und so ist der Erzähler zwar umringt von anderen und doch allein, im Klang der Stille.
Grell, blendend, stechend wie ein Blitz in der Nacht erscheint das Neonlicht im Lied. Ganz anders nimmt der Chemiker William Ramsay Ende des 19. Jahrhunderts das rote Licht wahr: Er vergleicht es mit dem Leuchten der Aurora borealis, der Polarlichter.
Ramsay ist es, der die Anwendung von Neonröhren überhaupt erst möglich macht. Im Juni 1898 arbeitet er als Chemieprofessor am University College in London und forscht zu Edelgasen, von denen zuvor Helium und Argon entdeckt wurden.
Ein neu entdecktes Gas
Mit seinem Mitarbeiter Morris Travers experimentiert er mit flüssigem Stickstoff, woraus sie eine bisher unbekannte Substanz gewinnen. Ramsays Sohn schlägt vor, das neu entdeckte Gas „Novum“ zu nennen; schließlich einigen sich Vater und Sohn auf das griechische Wort: Neon.
Unsere Luft hat einen Neon-Anteil von 18,18 ppm – das bedeutet, das auf eine Million Teilchen in der Luft etwa 18 Neon-Teilchen kommen. Im Ruhezustand ist das Gas farblos. Doch Ramsay und Travers belassen es nicht bei ihrer Entdeckung, sie forschen weiter, wie Christoph Ribbat in „Flackernde Moderne. Die Geschichte des Neonlichts“ berichtet.
Die Wissenschaftler füllen Neon in ein Plücker-Rohr, eine Vakuumröhre, die zur Untersuchung elektrischer Entladungen entwickelt wurde. Und siehe da: Fließt elektrischer Strom durch das Gas, beginnt es zu leuchten. Travers beschreibt es als „Feuer von purpurrotem Licht“, das ihn und Ramsay „für einige Augenblicke wie verzaubert“ habe.
Diesen Effekt gibt es auch bei anderen Edelgasen: Mit Argon befüllte Röhren etwa leuchten violett, Helium erzeugt rosafarbenes Licht und Xenon ein blasses Blau. Nicht zu verwechseln sind Neonröhren mit Leuchtstofflampen, auch wenn die manchmal so genannt werden.
Die Nacht wird anders
Leuchtstofflampen enthalten Quecksilberdampf und sind innen mit einem fluoreszierenden Leuchtstoff beschichtet. Und im englischen Sprachgebrauch wird der Begriff „neon lights“ für alle mit Edelgasen befüllten Glasröhren genutzt, nicht nur für solche, die Neon enthalten.
Dass Neonlicht bald kommerziell genutzt wird, überrascht nicht: Ende des 19. Jahrhunderts zieht nach und nach elektrisches Licht in die Städte Europas, Nordamerikas und schließlich weltweit ein.
Vor allem in der Nacht, so Ribbat, erscheint die Stadt nun anders als zuvor, Fassaden werden beleuchtet, Schaufenster ebenfalls. Leuchtreklamen lenken die Blicke der Passanten und möglichen Käufer auf sich. In Berlin wird 1898 die erste bewegte Lichtwerbung installiert: „Raucht Manoli“ fordert sie den Betrachter auf. Die Glühbirnen blinken so wild, dass die Berliner damals „manoli“ als Synonym für verrückt gebrauchen.
Die erste Neonreklame der Geschichte leuchtet 1912 in Paris auf, „Palais Coiffeur“ am Boulevard Montmartre. Schon bald gibt es in Frankreichs Hauptstadt Hunderte Neonschilder. Das liegt vor allem an Georges Claude. Der Physiker und Geschäftsmann entwickelt die Neonröhre, wie wir sie heute kennen, lässt sie patentieren und vermarktet sie geschickt. Als Anhänger Hitlers schlägt er sich im Zweiten Weltkrieg auf die Seite der Nazis – und wird später zu lebenslanger Haft verurteilt.
Eine billige Werbemöglichkeit
In der Anfangszeit, führt Amerikanist und Historiker Ribbat aus, gilt Neonlicht als edel, stilvoll, angenehm, im Gegensatz zu blinkenden Glühbirnen, die oft blenden. Zudem sind die Stromkosten bei Neonwerbung gering, sodass sie sich nicht nur große Firmen, sondern auch kleine Geschäfte und Restaurants leisten können.
In den Vereinigten Staaten breitet sich das Neonlicht vom Westen aus, den Anfang macht 1923 Los Angeles. Ein regelrechter Boom entsteht Anfang der 1930er Jahre. Zum einen, weil die Patente von Georges Claude auslaufen, zum anderen, weil die Prohibition endet – das amerikanische Alkoholverbot. Mit Neon wirbt man jetzt massenhaft für Bier und andere gehaltvolle Drinks.
Bald gibt es zwischen Atlantik und Pazifik rund 5000 Glasbläser, die Neonreklame herstellen; in New York City entsteht sogar eine Schule für Neon-Design: Eddie’s Glass and Neon Institute, kurz Egani, in Manhattan. Hier, am Times Square, leuchten in den 1930er Jahren über 300 verschiedene Neon-Installationen.
Obwohl es Neon nahezu in aller Welt gibt, nehmen viele Amerikaner das rote Licht fast schon als amerikanisch wahr. Das illustriert ein Artikel des Journalisten Samuel Lubell, der 1934 Moskau besucht und auflistet, was Russlands Hauptstadt im Vergleich zur Neuen Welt fehlt. An erster Stelle nennt er Wolkenkratzer – und an zweiter Neonlichter.
Im Rotlichtmilieu bleibt die Neonröhre
Die Erfolgsgeschichte der Neonröhre ist allerdings nur kurz. Den ersten großen Dämpfer verpasst ihr der Zweite Weltkrieg, in dem viele Städte Europas und Nordamerikas nachts die Lichter ausschalten, um nicht von Bomben getroffen zu werden. Der Niedergang setzt dann in den 50er und 60er Jahren ein, berichtet Ribbat.
Für Leuchtreklamen nutzt man nun gerne Acrylglaskästen, die günstiger, flexibler und haltbarer sind als die Neonröhre. An ihr, so die öffentliche Wahrnehmung, halten nur diejenigen fest, die sich neue Reklame nicht leisten können. Man verbindet Neon jetzt mit Verfall, mit billigen Bars, heruntergekommenen Hotels, dem Rotlichtmilieu, mit den Verlierern der modernen Gesellschaft. Welch ironische Wendung, schreibt Ribbat.
Dieser Wandel in der Wahrnehmung schlägt sich auch in der Literatur nieder. Bei vielen amerikanischen Autoren kommt Neon in Verbindung mit Verbrechen, Gewalt und sozialem Abstieg vor. Nelson Algren beispielsweise schildert in seinem Erzählzyklus „The Neon Wilderness“ (1947) das Leben von Prostituierten, Alkoholikern und Kleinkriminellen in Chicago. In John Kennedy Tooles „The Neon Bible“ ist die Heilige Schrift, die in Neon vom Kirchturm leuchtet, ein Symbol für die Engstirnigkeit einer Südstaaten-Kleinstadt.
In einer Reportage, die 1948 in der „Los Angeles Times“ erscheint, wird das Problemviertel Skid Row als „Albtraum in Neonlichtern“ beschrieben, als „Himmel der Penner“ und „Walhalla der Trinker“. Ein Jahr später verbietet man im wohlhabenden Vorort Bel-Air, Neonzeichen anzubringen – die Mittelschicht von Los Angeles grenzt sich ab. „Neon diente nun als Demarkationslinie zwischen funktionierenden und nicht funktionierenden Vierteln“, schreibt Ribbat.
Nur Las Vegas blinkt weiter grell
In einer amerikanischen Stadt aber boomt Neon weiter: mitten in der Wüste Nevadas, in Las Vegas. Hier leuchtet und pulsiert die gesamte Stadt im Neonlicht, hier ein riesiger Cowboy, dort ein stolzer Indianer, dann ein riesiger, blinkender Goldklumpen. Las Vegas, schreibt Dave Hickey, Professor für Kunstgeschichte an der University of Nevada 1997, sei eine „glühende Explosion des Lichts im Herzen der pechschwarzen Wüste“. Hauptsache grell.
Andere sehen das Lichtermeer der Casino-Stadt kritischer. Anfang der 1960er Jahre verbringen die investigativen Journalisten Ed Reid und Ovid Demaris zwei Jahre undercover in Las Vegas und empfinden die Stadt als „groteskes Disneyland“. Laut Historiker John A. Jakle sollen die Lichteffekte die Besucher einfangen und sie die Zeit vergessen lassen, damit sie sich im Glücksspiel verlieren.
Trotz des Abstiegs kommt es in den 1960ern zu einer kleinen Renaissance des Neon-Handwerks, unter anderem in New York City. Im Zuge der „New Sculpture“-Bewegung entdecken Künstler die leuchtende Röhre für sich. Larry Rivers etwa, einer der Gründerväter der Pop Art, urteilt, Neon sei „die einfachste und stärkste Form der Illustration“.
Kunstvolles Handwerk oder Symbol für Konsum und Kommerz? Bis heute, meint Autor Christoph Ribbat, scheiden sich die Geister am Neon, empfinden es die einen als verstörend, die anderen als faszinierend.
Auf dem Neon Road Trip
Einer, der der Faszination erliegt, ist der US-Fotograf John Barnes. Bereits in den 1970ern, erzählt er in einem Interview mit dem „Smithsonian Magazine“, lichtet er die ersten Neonreklamen ab – zu einer Zeit, in der es die Mittelschicht in die Vororte zieht, die Innenstädte sterben und mit ihnen die Neonschilder.
Jahrzehnte später macht Barnes einen Roadtrip: Mit seinem Wohnwagen fährt er durch Nordamerika und fängt Tausende Neonreklamen mit der Kamera ein, „Smilin’ Buddha“ in Vancouver, „Elephant Car Wash“ in Seattle oder das – inzwischen geschlossene – Restaurant „Howard Johnson’s“ in Cincinnati.
Eine Auswahl der Bilder hat er in seinem 2020 erschienenen Buch „Neon Road Trip“ veröffentlicht. Dass sich wieder mehr Menschen für Neon interessieren, führt Barnes im Interview einerseits auf Nostalgie zurück, andererseits auf die vergleichsweise nüchterne Gestaltung von Schildern heutzutage. Neon sei für viele eine Art Volkskunst.
Halt auf seiner Reise hat John Barnes natürlich auch in Las Vegas gemacht. Wobei man dort viele Neonschilder inzwischen eher im „Neon Museum“ findet als im Spielerparadies selbst. Denn dort ist, wie in vielen anderen Großstädten, längst eine andere Beleuchtungsform auf dem Vormarsch: LED.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.