Praxistest
Wie das Nahverkehrs-Portal „Rolph“ an einfachsten Fragen scheitert
Mit anderen Worten: Der 17-jährige Gymnasiast aus dem Kreis Kusel macht für zwei Wochen ein Praktikum im Landtag. Per Bus und Bahn soll es täglich hin und zurück gehen. Da Start und Ziel in Rheinland-Pfalz liegen, müsste es für die Strecke ja eine Wochenkarte geben.
Unendliche Warteschleifen und Achselzucken
Müsste. Doch online ist so etwas nicht zu finden, Anrufe bei der Deutschen Bahn und beim Verkehrsverbund führen in unendliche Warteschleifen oder zu Achselzucken. Aber für solche Fälle gibt es in Rheinland-Pfalz seit dem Jahr 2019 doch Rolph! Rolph? „Rolph“ wurde damals im FDP-geführten rheinland-pfälzischen Verkehrsministerium ins Leben gerufen, seit Mai 2021 verantwortet das von den Grünen geführte Umweltministerium „Rolphs“ Taten und Missetaten. Das Umweltministerium beschreibt die Aufgabe dieser Einrichtung, die jedes Jahr 1,2 Millionen Euro kostet, so: „Rolph soll Informationen darüber liefern, wie es die Menschen im Land schaffen können, auch ohne eigenes Auto mobil zu sein. Rolph soll auch Hilfestellung bei Problemen sein.“ Ja, wunderbar, denkt der Schüler. Genau darum geht’s. Und schon ist die Frage per E-Mail bei Rolph.
Rolph braucht eine Woche und er duzt jeden
Und dann? Passiert erst mal nichts. Nach einer Woche bequemt sich Rolph, der jeden duzt, zu einer Antwort. Sie lautet zusammengefasst: Klar gibt’s dafür eine Wochenkarte, guck halt auf der Homepage der Deutschen Bahn, Link ist angehängt. Da findest Du sogar einen Vergleich, der belegt, dass Du mit Bus und Bahn billiger hinkommst als mit dem Auto.
Rolphs Antwort: In jeder Hinsicht falsch
Die Antwort von Rolph ist falsch. In jeder Hinsicht. Erstens: Folgt man dem angehängten Link, findet man keine Wochenkarte für die gesuchte Strecke. Zweitens: Auch nirgendwo sonst auf der Homepage der Bahn lässt sich ein solches Ticket finden. Drittens: Da es keine Fahrkarte für die gewünschte Strecke gibt, gibt’s da auch keine Vergleichsrechnung. Und viertens: Wenn man die Kosten selbst vergleicht, sind Bus und Bahn nicht billiger. Wobei die Alternative Auto für einen 17-Jährigen eh ausscheidet.
Rolph bedeutet für unseren Praktikanten bis dahin: genauso schlau wie vorher – und Zeit verloren. Deshalb Einspruch: Rolph, was Du behauptest, stimmt doch gar nicht.
Rolph benötigt wieder ein paar Tage, um zu reagieren. Dann schreibt er: „Ich habe es überprüft und Du hast recht. Hier haben wir einen Spezialfall.“ Der Spezialfall sieht so aus: Für die benötigte Gesamtstrecke gibt es keine Zeitkarte. Der Schüler, so nun der neue Rat von Rolph, möge sich zwei Wochenkarten kaufen: eine für die Busstrecke zum Bahnhof und eine für die Zugstrecke. Für den Bus gebe es ein Wochenticket im Übergangstarif zwischen dem pfalzseitigen und dem saarländischen Verkehrsverbund.
Wieder falsch: Es gibt da keinen Übergangstarif
Abgesehen davon, dass Rolph nicht die kürzeste und schnellste Strecke ermittelt hat, stellt sich auch die neue Behauptung zur Zeitkarte als falsch heraus. Der Busfahrer verkauft keine Wochenkarten. Die saarländische Verkehrsgesellschaft, die zum Bahnhof Ottweiler fährt, bietet zwar Wochenkarten an, aber nicht im Übergangstarif und außerdem nur für Schüler, die diese Karte wochenlang vorher schriftlich beantragt haben. Unser Praktikant muss sich also Einzelfahrscheine für die Fahrt zum Bahnhof und zurück kaufen. 40 Euro für zwei Wochen. Nun gut.
Aber wenigstens für die Bahn gibt’s doch eine Schülerwochenkarte von Ottweiler nach Mainz, oder? Gibt’s schon. Nur kann man die weder am Automaten kaufen, noch online zum einfach Ausdrucken. Man muss diese Zeitkarte bestellen. Sie wird dann zugeschickt. Per Post. Und das dauert. Wie lange, das wird bei der Bestellung nicht mitgeteilt.
Knapp 200 Euro für drei Tage Pfalz-Mainz und zurück
In unserem Fall trifft die Wochenkarte ein, da ist die erste Praktikumswoche schon vorüber, denn der Donnerstag ist Feiertag und der Freitag arbeitsfreier Brückentag. Der 17-Jährige hat also auch für die Bahnfahrt täglich Einzelfahrscheine lösen müssen. Knapp 200 Euro für drei Tage. Schön nur, dass die Wochenkarte für die zweite Praktikumswoche rechtzeitig im Briefkasten liegt. So muss er wenigstens in der zweiten Woche keine Einzelfahrscheine lösen. Am Ende belaufen sich die Fahrtkosten für zwei Wochen Praktikum auf 440 Euro: 40 Euro für den Bus, 200 Euro für die beiden Wochenkarten der Bahn und 200 Euro für die Einzelfahrscheine.
Aber wenigstens das Geld für die unbenutzte erste Wochenkarte gibt’s doch zurück? Nö, gibt’s nicht. Die Bahn antwortet auf einen entsprechenden Antrag: „Wie bedauern, dass Sie Ihre Schülerwochenkarte nicht nutzen möchten. Leider ist die Erstattung ausgeschlossen.“ Nicht nutzen möchten? Hat keiner gesagt. Nicht nutzen können wegen zu später Auslieferung, darum ging’s.
Nur gut, dass es Rolph gibt. Denn er sagt ja von sich: „Rolph soll Hilfestellung bei Problemen sein.“ Also bittet unser Praktikant Rolph um Hilfe bei dem Versuch, wenigstens einen Teil seines Geldes, nämlich die hundert Euro für die ungenutzte erste Wochenkarte, wiederzubekommen.
Und wie hilft nun Rolph? Exakt so: Ihm seien „die Hände gebunden“, er könne „leider nicht intervenieren“. So ist er halt, der Rolph. Erst informiert er falsch. Und wenn es deswegen Probleme gibt, duckt er sich weg.
Zwei Jahre später: nichts besser
Zwei Jahre später: Wie es der Zufall will, hat sich der Bruder unseres Praktikanten entschieden, es dem Älteren gleichzutun und ebenfalls für zwei Wochen ein Praktikum im Landtag zu machen. Vorgewarnt durch das ganze Theater um die Fahrkarten informiert er sich beizeiten, ob sich die Situation im Laufe der beiden Jahre verbessert hat. Gibt’s inzwischen eine Wochenkarte für die gesamte Strecke, die für Bus und Bahn gilt? Wenn nicht: Gibt’s eine Wochenkarte für den Bus ohne langwieriges Antragsverfahren? Und eine Wochenkarte für den Zug zum Selbstausdrucken? Antwortet Rolph inzwischen schneller? Weiß er inzwischen besser Bescheid? Ist er inzwischen eine echte Hilfe?
Sechsmal nein.
Rolph antwortet auch dieses Mal erst nach einer Woche. Über Zeitkarten für die Strecke weiß er immer noch nicht Bescheid. Stattdessen empfiehlt er, „Dich beim Verkehrsverbund Rhein-Neckar (VRN) oder der Deutschen Bahn bezüglich eines Tickets beraten zu lassen“.
Na, vielen Dank. Tatsächlich ist der VRN weder für die Busstrecke aus dem Kreis Kusel nach Ottweiler zuständig noch für die Bahnstrecke Ottweiler-Mainz. Aber woher soll Rolph das wissen?
Und die Deutsche Bahn? Nun ja. Die hat eine Abteilung Kundendialog. An diese hatte sich der ältere Praktikant aus dieser Geschichte seinerzeit gewandt, um die Einzelfahrscheine erstattet zu bekommen, nachdem die Bahn sich geweigert hatte, die ungenutzte Wochenkarte zu erstatten. Am 16. September 2019 antwortete die Abteilung Kundendialog auf die Eingabe so: „Zur vollständigen Bearbeitung Ihres Anliegens und um Ihren Erstattungswunsch zu prüfen, haben wir Ihr Schreiben an unsere Fachabteilung weitergeleitet. Wir bitten Sie bis zur abschließenden Beantwortung um Geduld.“
Und wenn sie nicht gestorben sind ...
Diese Geduld bringt der Bursche, der Schule längst entwachsen, bis heute auf. Denn er ahnt ja: Wenn die emsigen Mitarbeiter dieser Fachabteilung nicht gestorben sind, dann prüfen sie noch heute.