Roboter RHEINPFALZ Plus Artikel Wenn der Maschinen-Mann flirtet

DJ-Roboter „Maxi J“ hat schon auf Kreuzfahrten Platten aufgelegt. Flirten mit Passanten kann er auch.
DJ-Roboter »Maxi J« hat schon auf Kreuzfahrten Platten aufgelegt. Flirten mit Passanten kann er auch.

Während Sprachmodelle wie ChatGPT unsichtbar bleiben, geben Roboter der Künstlichen Intelligenz eine Gestalt. Die wird Menschen immer ähnlicher und soll uns entlasten.

Robert ist der Profi am Empfang. Gleichbleibend höflich, mit breitem Smiley-Lächeln, stets zu Diensten. Robert ist ein Serviceroboter, der im Berliner Unternehmen pi4_robotics GmbH Besucher empfängt. Dass er dabei auch den Ausweis erbittet, liegt daran, dass hinter seinem Empfangsbereich im Technologie-Park Humboldt-Hain Innovationen und Patente entstehen und Roboter „made in Germany“. Schon mehrere Innovationspreise hat das 1994 gegründete Unternehmen von Stadt und Land erhalten, die Fachzeitschrift „Capital“ kürte es mehrmals zu Deutschlands innovativstem Unternehmen in der Kategorie Maschinenbau bis 250 Mitarbeiter. Besucher dürfen da nicht einfach hineinspazieren, wie der geschäftsführende Gesellschafter Matthias Krinke erklärt.

Robert ist dort nicht die einzige Arbeitskraft, deren Gehirn ein KI-gestütztes System darstellt. Im Foyer assistiert Kollegin Petra. Sie hat zwar keinen Arm, um ein Telefon zu halten, und Ähnlichkeiten mit dem menschlichen Körper sucht man an dem kastenartigen, knapp 1,70 Meter hohen Roboter auf Rädern vergebens. Dafür kann Petra Getränke bringen, eigenständig navigieren, mit Menschen kommunizieren und in Echtzeit übersetzen. Krinke hat sie in 95 Sprachen trainiert – von Arabisch bis Schweizerdeutsch.

Es sind Fähigkeiten, mit denen sie vielseitig eingesetzt werden kann. Beispielsweise im Seniorenheim, wo sie Pflegekräfte durch Hol- und Bringdienste entlasten kann. Oder im Krankenhaus, wo sie Besuchern und Patienten Informationen geben kann. In festgelegten Grenzen: Fragt man sie etwa nach möglichen Ursachen von Bauchschmerzen, lehnt sie höflich, aber bestimmt ab: „Tut mir leid, aber ich darf keine Diagnose stellen.“

Entlastung in der Pflege

Vor allem in der Pflege, die durch den Fachkräftemangel und die steigende Zahl Pflegebedürftiger vor besonderen Herausforderungen steht, könnten Serviceroboter helfen, die Arbeitslast der Pflegenden zu reduzieren, etwa bei Informations- und Bringdiensten. Zu diesem Schluss kam ein interdisziplinäres Forschungsprojekt, unter anderem mit der Berliner Charité, das den Einsatz eines PI4-Roboters im Pflegealltag begleitete. Ähnlich sehen dies Experten der Plattform „Lernende Systeme“, die zugleich auf Grenzen hinweisen: Eine soziale, emotionale und empathische Interaktion mit Pflegebedürftigen bleibe wesentlicher Bestandteil der menschlichen Arbeit.

Für den Ingenieur Matthias Krinke sind Serviceroboter wie Petra, in der Firmensprache ein „Workerbot“, die Zukunft in der Robotik. Konfigurierbar je nach Bedarf und vielfältig einsetzbar: in der Kundenberatung, in der Gastronomie, im Gepäckdienst, als vollautomatisiertes Kioskgeschäft oder als DJ-Roboter. Ein solcher steht gerade in der Werkstatt, nachdem er mehrere Jahre auf TUI-Kreuzfahrten Platten aufgelegt und mit Passanten geflirtet hat. Als Show, denn KI sorgt auch für den Sound. Eine komplexe Maschine mit viel Technik drin, sagt Krinke. Rasten darf die nicht: Damit sich Fett in den Gelenken verteilt und diese beweglich bleiben, muss „DJ Maxi J“ regelmäßig die Arme bewegen. Fitness für den „Bot“.

Mehr Roboter außerhalb der Fabriken

Serviceroboter, also Roboter, die außerhalb der Industrie Dienstleistungen übernehmen, spielen weltweit eine zunehmende Rolle. Vor allem im Logistik- und Transportbereich. Allein dort wurden 2024 nach dem Jahresbericht des Internationalen Roboterverbandes IFR 102.925 Einheiten installiert, was rund 52 Prozent aller in diesem Jahr installierten Serviceroboter ausmachte. Es folgten Roboter für das Gastgewerbe, die professionelle Reinigung und die Landwirtschaft. Das stärkste Wachstum gab es bei Medizinrobotern; hier wurden 16.700 Einheiten installiert, vor allem im OP- und Reha-Bereich, bei Diagnose und Labor-Analyse.

Die Industrie ist allerdings nach wie vor Haupteinsatzbereich: 2024 wurden dort weltweit 542.000 Einheiten installiert, mehr als die Hälfte davon allein in China. In Deutschland wurden 27.000 neue Industrieroboter installiert, fünf Prozent unter dem Rekordwert des Vorjahres. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit auf Platz 5 hinter China, Japan, den USA und Südkorea. Der Einsatz von KI nimmt laut IFR stetig zu. Produziert wurden in Deutschland übrigens 31.200 Einheiten.

Beim Bestand war Deutschlands Industrie in Europa zuletzt Spitzenreiter mit 278.900 Fabrikrobotern. Den größten Anteil hat die Automobilindustrie mit 26 Prozent, doch gingen dort die Investitionen deutlich zurück. Andere Branchen wie die metallverarbeitende Industrie (Marktanteil: 22 Prozent) legten aber zu.

Mit der Industrie groß geworden

Auch Matthias Krinke ist mit seinem Unternehmen in der Industrierobotik groß geworden. Seit über 30 Jahren entwickelt der Robotik-begeisterte Ingenieur mit seinem heute 50-köpfigen Team kundenspezifische Lösungen: Robotik- und Bildverarbeitungssysteme sowie Prüfautomaten für Anwendungen in unterschiedlichen Branchen vom Automobilbereich über Elektronik bis zu Pharma und Einzelhandel. Weltweiter Technologieführer ist Pi4 laut Krinke bei vollautomatischen Qualitätsprüfsystemen in Photovoltaik- und Brennstoffzellentechnik sowie bei automatischen Roboterlaboren für die Krebs- und ALS-Diagnose.

Wie KI für Mehrwert sorgt

Das Thema KI begleite ihn schon lange, sagt Krinke. Beispielsweise beim Thema Bildverarbeitung. Ein Problem seien allerdings lange Zeit die Trainingsdaten gewesen. Datensätze hätten sie über Jahre hinweg aufgebaut. Doch wo steckt bei seinen Systemen nun KI drin – wo ist der Mehrwert gegenüber der „bloßen“ Automatisation und Programmierung von Prozessen?

Krinke erklärt es am Beispiel seiner Prüfsysteme für PV-Solarmodule, die schon seit über 20 Jahren im Einsatz seien und Fehler in Modulen erkennen könnten – zum Beispiel Risse. Mancher Hersteller dulde keinen Riss, andere einen kleinen. Dabei stellten bestimmte Risse kein Problem dar, andere aber schon. Die KI könne nun nicht nur schneller relevante Abweichungen vom üblichen Muster erkennen, sondern auch die Art des Risses – und die Quelle des Fehlers. Ausschuss kann effektiver vermieden, Qualität verbessert werden. Aus Krinkes Sicht ein perfekter Einsatzort für KI in der Industrie.

Pilotprojekt für Automobilindustrie

Im Industriebereich ist er weiterhin tätig – im kürzlich abgeschlossenen Projekt „Werk 4.0“ unter der Führung der Mercedes Benz AG war Pi4 etwa einer von 12 Partnern. Dabei ging es darum, neue Technologien in echten industriellen Umgebungen zu testen und zu verbessern – ein vom Bund gefördertes Pilotprojekt, das nicht nur der Automobilbranche als Blaupause dienen soll. Doch humanoide Serviceroboter, davon ist Matthias Krinke überzeugt, sind die Zukunft – auch in privaten Haushalten. Deswegen hat er 2024 in Berlin eine neue Produktion eingerichtet, in der bis zu 1000 Serviceroboter im Jahr entstehen können.

Dieser „Empfangschef“ überprüft auch die Identität des Besuchers.
Dieser "Empfangschef" überprüft auch die Identität des Besuchers.

Ob Service- oder Industrieroboter: Maschinen, die Menschen immer ähnlicher werden, liegen im Trend. Bisher machen die „Humanoiden“ vor allem in China Furore, gerne inszeniert vor Staatsgästen als KI-Tanztruppe. Humanoide Roboter deutscher Hersteller sind noch rar. Pi4 produziert bereits humanoide Roboter mit Armen und Händen, aber nicht mit komplett menschlicher Gestalt. Bewegliche Beine und Füße brauche ein Roboter in einer Fabrik eigentlich auch nicht, meint Krinke – je komplexer er sei, umso mehr Strom verbrauche er, umso schwieriger werde es mit der Präzision und umso teurer. Manches sei da der Medienwirksamkeit geschuldet.

Im Fokus stehen „Humanoide“ aber auch hierzulande. Das junge Metzinger Unternehmen Neura, das kürzlich seine Roboter-Produktion aus China zurückgeholt hat, arbeitet an humanoiden „kognitiven“ Robotern. Und der bayerische Autohersteller BMW integriert derzeit im Werk Leipzig den ersten humanoiden Roboter, hergestellt vom Schweizer Partner Hexagon. BMW versteht dies als Ergänzung zur bestehenden Automation und als Entlastung von Mitarbeitern. Das Potenzial der Roboter liege hier vor allem in monotonen, ergonomisch anspruchsvollen oder sicherheitskritischen Tätigkeiten.

Fragen der Sicherheit

Mit dem Einzug der Humanoiden in Fabrikhallen sind jedoch sicherheitstechnische Fragen verbunden. Wie standfest sind zweibeinige Roboter, was passiert bei Kollisionen mit Menschen? Bestehende Normen regeln vieles nicht. Empfehlungen wie etwa vom Fraunhofer IPA gibt es, aber an Regelungen wird beim internationalen Normengremium ISO noch gearbeitet. Vorlage: voraussichtlich 2028 .

In Deutschland sei Normengebung ein großes Thema, sagt Olaf Gehrels, Sprecher des Deutschen Robotikverbandes in Birkenfeld bei Trier, dem etwa 200 Mitglieder aus Wirtschaft und Wissenschaft angehören. Er warnt davor, dass neue Technologien mit alter Normierung ausgebremst werden. Dabei seien auch Mittelständler sehr interessiert an KI. Das Thema Beherrschbarkeit beschäftige aber alle.

China prescht vor

In anderen Ländern geht es schon um ganz andere Fragen. In den USA etwa um mobile Zusteller-Roboter im öffentlichen Raum. Die Chinesen gingen mit dem Thema ohnehin viel pragmatischer um, sagt Gehrels. Nach dem Motto „Just do it“ – „macht einfach mal“. Sicherheit werde dabei vielleicht nicht so groß geschrieben wie in Deutschland; aber auch in China könnten es sich Konzerne angesichts des Fachkräftemangels nicht leisten, Mitarbeiter durch Pannen zu vergraulen, sagt Gehrels, der in führenden Positionen lange für den japanischen Konzern Fanuc tätig war und auch für die chinesische Midea-Gruppe, heutige Muttergesellschaft des deutschen Roboterherstellers Kuka. Während die Deutschen sehr kritisch und sehr perfektionistisch seien, gehe es in China schnell voran. Nicht zuletzt aber auch dank intensiver staatlicher Förderung.

Roboter als Leiharbeiter

Den Dienstleistungsbereich sieht auch Gehrels als Wachstumsmarkt für Serviceroboter an. Matthias Krinke weiß jedoch, dass die Investitionsbereitschaft krisenbedingt gelitten hat. Deswegen setzt er auch auf seine 2018 gegründete Leiharbeitsfirma für Roboter. Die vermittelt Roboter in Arbeit. Knapp 100 Maschinen sind derzeit im Einsatz, in Krankenhäusern, Seniorenheimen, Fabriken. Sie arbeiten für ein Monatsgehalt von 3000 Euro plus Strom. Wenn es sein muss, 24 Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche. Immer zu Diensten.

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