Rheinpfalz am Sonntag
Wenn Arbeit krank macht
Die Tragödie des Fußballers Robert Enke, der an Depressionen litt und sich 2009 das Leben nahm, hat verdeutlicht, dass auch Leistungsträger und Spitzensportler von psychischen Erkrankungen nicht ausgenommen sind. Immer mehr Promis und Politiker sprechen darüber. Und Krankenkassen stellen fest: Fehltage von Erwerbstätigen aufgrund psychischer Erkrankungen steigen. Arbeitgeber beschäftigen sich längst nicht mehr nur mit dem Rücken, sondern auch mit der Psyche ihrer Mitarbeiter. In einer Studie der Techniker Krankenkasse 2022 gaben knapp 40 Prozent von über 1000 Führungskräfte an, dass psychische Belastungen wie Burnout, Depression oder Überforderung eine größere Bedeutung einnähmen. Gründe dafür sehen Experten auch in der Veränderung der Arbeitswelt: in einer Beschleunigung von Abläufen, der Zunahme von Aufgaben, in permanenter Erreichbarkeit.
Ein Experte für psychische Belastungen in der Arbeitswelt ist der Arzt Claas Lahmann, Leiter der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Uniklinik Freiburg. Er behandelt Patienten, berät Unternehmen und schreibt Bücher.
Herr Professor Lahmann, leiden tatsächlich mehr Menschen an ihrer Arbeit oder sprechen einfach nur mehr über psychische Belastungen?
Das ist sicher eine Mischung aus mehreren Faktoren. Der Anstieg bei den psychischen Erkrankungen ist steiler, weil wir Ärzte es besser diagnostizieren. Früher hieß es bei psychosomatischen Beschwerden eben einfach nur „Rücken“. Hinzu kommt, dass durch die elektronische Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigung mehr Meldungen registriert werden. Und noch etwas spielt eine Rolle: die zunehmende Arbeitsverdichtung. Wir werden ja immer weniger, um das Arbeitspensum zu bewältigen.
Also kann man den Statistiken über die zunehmenden Fehltage glauben.
Aus wissenschaftlicher Sicht sind die reinen Krankheitszahlen etwas störanfällig. Aber es gibt weitere Belege für Veränderungen im Verhältnis der Beschäftigten zu ihrer Arbeit. Erhebungen wie die Gallup-Umfrage zeigen, dass die Bindung vieler Mitarbeiter an ihr Unternehmen abnimmt.
Die Gallup-Studie untersucht seit 2001 die emotionale Bindung von Beschäftigten an ihre Arbeitergeber. Für 2024 ergab sie einen Tiefstand: Nur 9 Prozent zeigten eine hohe Bindung an ihren Arbeitgeber, 2023 waren es noch 14 Prozent. Es sank aber auch die Anzahl jener, die gar keine Bindung zum Arbeitgeber angaben, auf 13 Prozent (2023: 19 Prozent). Der überwiegende Anteil der Befragten (78 Prozent) wies zuletzt also eine geringe Bindung zum Arbeitgeber aus – ein Höchststand seit Studienbeginn. Die emotionale Bindung betrachten Wissenschaftler auch im Zusammenhang mit Gesundheit. Im Fehlzeiten-Report der AOK-Krankenkasse 2024 wurden hohe Krankenstände 2023/2024 analysiert. Ergebnis: Mitarbeiter, die emotional stärker an ihren Arbeitgeber gebunden sind, waren seltener krankgeschrieben.
Herr Lahmann, wer kommt zu Ihnen?
In unsere Klinik kommen Patienten, die am Arbeitsplatz oder im Arbeitskontext psychische Beschwerden haben. Viele leiden beispielsweise unter Schlaflosigkeit, Stimmungsveränderungen, Veränderungen im sozialen Leben.
Wo liegt denn die Grenze zwischen einer vorübergehenden Belastung und einer tatsächlichen Erkrankung?
Wir Ärzte richten uns nach Kriterien der Diagnosen. Die Menschen selbst empfinden diese Grenzen sehr unterschiedlich. Die meisten, die zu uns kommen, haben aber eine höhere Schmerzgrenze. Ihre Leidensfähigkeit ist relativ hoch. Das heißt, sie schleppen sich seit Längerem zur Arbeit mit Ängsten, Syndromen wie Rückenschmerzen und anderem. Die meisten kommen eher zu spät zu uns.
Woran liegt das? Ist psychologische Hilfe doch noch ein Tabuthema?
Das Thema nimmt mehr Raum ein, zum Glück. So gibt es inzwischen eine Professur für psychische Gesundheit am Arbeitsplatz. Auch Vorurteile werden weniger, allerdings an der Oberfläche. Noch immer habe ich Patienten, die keinen Stempel von unserer Fachklinik auf einer Bescheinigung haben wollen, sondern nur den allgemeinen Stempel der Uniklinik. Und vor Kurzem hat mir eine Führungskraft gesagt, dass sie einen Mitarbeiter in verantwortlicher Position mit Burnout entlassen würde.
Sind das Ältere, die so sprechen?
Ja, Ältere haben oft eine andere Art von Leistungsdefinition. Für die Jungen ist das Thema viel gesellschaftsfähiger, sie sprechen mehr über Erfahrungen. Aber die Bereitschaft, die eigene Gesundheit zu gefährden, ist inzwischen doch deutlich gesunken.
Kommen zu Ihnen eher die Älteren?
Die meisten sind zwischen 45 und 60 Jahre alt. Die Älteren haben zwar Berufserfahrungen, aber sie kommen mit der Zunahme der Technik und der Verdichtung der Arbeitswelt weniger gut als die Jungen zurecht, weil sie weniger Energie haben.
Auf welche Probleme treffen Sie?
Häufig sehe ich, dass der Druck, der auf einem Menschen lastet, vor allem von einem herrührt: dass Fähigkeiten mit Anforderungen nicht übereinstimmen. Ich beobachte häufig, dass Menschen das nicht wahrnehmen. Auch Führungskräfte nicht. Dabei könnte die Lösung der Probleme manchmal einfach sein: dass ein Mitarbeiter im Unternehmen auf eine andere Stelle kommt, die besser passt. Darauf sollten Arbeitgeber ein Auge haben. Ein weiteres Problem ist, dass Wertschätzung fehlt, es kein offenes Führungsverhalten gibt. Oft werden fachlich gute Mitarbeiter Führungskräfte, die nicht unbedingt Führungsqualitäten haben. Dabei kann man gesundes Führungsverhalten lernen. Aber nicht im eintägigen Workshop.
Sie beraten auch Unternehmen. Wie gehen diese mit dem Thema um?
Die Stigmatisierung hat abgenommen. Vor allem größere Unternehmen investieren in ein betriebliches Gesundheitsmanagement und lassen sich beraten. Denn sie wissen, dass ein gutes Betriebsklima von Vorteil ist, um qualifizierte Mitarbeiter zu halten oder zu bekommen.
In Zeiten des Fachkräftemangels also ein Wettbewerbsvorteil.
Ja. Reine Menschenliebe ist das ja nicht, sondern eher eine monetär getriebene Einsicht. Aber das ist legitim aus Sicht des Unternehmens. Viele Arbeitnehmer glauben, das Unternehmen habe eine umfassende Fürsorgepflicht ihnen gegenüber. Für die eigene Gesundheit ist der Mensch aber erst einmal selbst verantwortlich.
Sie verweisen darauf, dass bei psychischen Erkrankungen oft eigene Prägungen mitspielen. Was heißt das?
Es gibt innere Antreiber, die oft aus unser Kindheit stammen und uns wie ein Schatten begleiten. Das kann ein Grundmisstrauen sein, Perfektionismus oder eine überangepasste Art. Wenn ich in Arbeitssituationen immer wieder das gleiche erlebe, lohnt es sich hinzuschauen. Etwa, wenn ein Patient beim dritten Arbeitgeber dieselben Probleme mit dem Chef hat. Ein Eigenanteil am Problem ist oft dabei. Und sei es dieser, dass ein Arbeitnehmer es trotz Mobbings nicht schafft, den Arbeitsplatz zu wechseln.
Warum ist das so schwer?
Die Angst vor dem Ungewissen ist oft noch schwerer auszuhalten, als täglich an den gleichen Arbeitsplatz gehen. Denn die Vorstellungskraft ist noch düsterer als die Realität. Das ist ähnlich wie bei Paaren, die sich nicht trennen, wie schlecht die Ehe auch sein mag. Bei den Älteren ist das ausgeprägter, während Jüngere selbstverständlicher den Arbeitsplatz wechseln und sich ausprobieren. Da ändert sich auch die Arbeitswelt. Ich kann nur raten: Haben Sie nicht so viel Angst vor Abzweigungen!
Wann ist denn der Punkt erreicht, an dem man gehen muss?
Wenn ich drei bis sechs Monate das Gefühl habe, dass ich mich nur noch zur Arbeit schleppe, und wenn sich nichts ändert an der Situation.
Und wann bin ich glücklich?
Dazu brauchen wir nicht den idealen Job, nicht die ideale Ehe. Ideale sind unerreichbar. Erreichbar ist ein „ausreichend gut“. Das zu akzeptieren würde das Leben entspannen.
Wie wir uns belasten
Die Digitalisierung hat die Zunahme psychischer Belastungen gefördert. Das meint der Arzt Alexander Jatzko, der bis 2023 die Psychosomatik am Westpfalz-Klinikum Kaiserslautern leitete und nun Leiter des Stillachhauses Oberstdorf ist. Früher, stellt er fest, seien wir nach Hause und zur Ruhe gekommen. Heutzutage fange das Leben dann erst an: chatten, E-Mails checken, Serien schauen, viele lägen mit Smartphone im Bett. Wir machen abends geistig viel mehr als früher. Dabei sollte man ruhiger werden, um schlafen zu können. Aber mit vielen Gedanken gehe dies nicht. „Multitasking funktioniert nicht“, stellt Jatzko fest. Wer mit zwei Sachen gleichzeitig beschäftigt sei, könne beides nur mit halber Konzentration machen.
Was wir ändern können
Wir müssen uns ähnlich wie bei Essen oder Alkohol mit Regeln disziplinieren – dafür plädiert Alexander Jatzko seit Langem. Also nur ein bis zwei Stunden am Tag am Smartphone verbringen, es nachts aus dem Zimmer verbannen, beim Essen weglegen. Und mehr schlafen: Je weniger wir schlafen, desto mehr sind wir psychisch belastet. Jatzko hat aber Hoffnung, dass wir lernen, mit der Digitalisierung disziplinierter umzugehen. Dadurch werde die psychische Belastung in diesem Sektor sinken. Und wir könnten uns wieder mehr mit uns selbst befassen und nicht mehr ununterbrochen mit der ganzen Welt.
Buchtipp: Claas Lahmann, Wie Arbeit glücklich macht und wann man darüber nachdenken sollte, den Job zu wechseln, 2025, Rowohlt Verlag
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.
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