Reise RHEINPFALZ Plus Artikel Was ist eigentlich Skijöring?

Island-Ponys nehmen wacklige Skifahrer anlangen Zügeln ins Schlepptau.
Island-Ponys nehmen wacklige Skifahrer anlangen Zügeln ins Schlepptau.

Im hoch gelegenen Vallée du Trient im Schweizer Wallis kann man einen lustigen Sport ausprobieren und sich auf Skiern hinter Island-Ponys herziehen lassen. Von Kirsten Panzer

Wenn in St. Moritz die Pferde durch den Winter galoppieren und sich Skifahrer von ihnen an langen Zügeln über den Schnee ziehen lassen, versammeln sich Zuschauer und Fernsehteams am Rande des zugefrorenen St. Moritzersees im Oberengadin. Das White Turf, das winterliche Pferderennen, ist das Ereignis für die Champagner trinkende Hautevolee genauso wie fürs Fußvolk mit dem mitgebrachten Kipferl.

Die Pferde, die um die Wette rennen und wagemutige Kommandogeber hinter sich herziehen, sind entsprechend edel. Vollblüter kommen dabei zum Einsatz und die können bekanntlich rennen. Doch das können andere Pferde durchaus auch, und zwar so schnell, dass man sie hin und wieder lieber bremsen möchte, zumindest wenn man hinter ihnen auf Skiern durch den Schnee gezogen wird. Skijöring heißt das dann, eine Sportart, die von Skandinavien in die Welt hinaus geschwappt ist.

In St. Moritz veranstaltet man die Rennen schon seit 1909. Im hoch gelegenen Vallée du Trient im Wallis kann man sich ganz ohne Rennambitionen erst seit 2019 hinterm Pferd ziehen lassen. „Im ersten Coronawinter waren in der Schweiz die Lifte zwar geöffnet, aber die Leute waren vorsichtig, da kamen wir auf die Idee, mit unseren Pferden Wintersport zu machen und auch anzubieten. Wir sind eben durch und durch Skifahrer. Wir leben auf den Skiern,“ erklärt Ilse Bekker von Bekker Mountain Travel.

Skijöring hat seinen Ursprung wohl in Norwegen

Wie es dazu kam, dass man in Finhaut als Skifahrer nun Gespann fahren kann? „Seifür und Byr (übersetzt Zeus und günstiger Wind) haben damals so ihr eigenes Heu verdient, sage ich immer“, ruft sie noch herüber und stapft auch schon den Hang zu den Pferden hinauf. Vollblüter wären in diesem abgeschiedenen Tal mit seinen eisig-holprigen Wegen, den Schluchten und Abhängen absolut fehl am Platz. Dort, wo schon die Anreise mit dem Montblanc-Express ein Abenteuer ist, bei dem aus schwindelnder Höhe beste Aussicht ins tief gelegene, schmale Tal des Flusses Trient geboten wird, dürfen die Isländer ran. Sie sind robust und nervenstark.

In Norwegen – dort soll das Skijöring seinen Ursprung haben – waren es die Rentiere, die die Samen durchs Land gezogen haben, damals, als es noch keine Schneemobile gab. Sich ziehen zu lassen ist schließlich kräfteschonender als selbst zu laufen. Das wusste in den 1970er Jahren auch die Landjugend, die sich hinter alte Kadett oder Ford Taunus hängte. Damals, als es auch in der flachen norddeutschen Tiefebene noch genug Schnee für ausgelassenen Winterspaß gab. Flach ist wichtig. Unebenes, steiles Gelände eignet sich nicht fürs Skijöring. Und das passt. Denn an Finhaut, kurz vor der Grenze zu Frankreich, führte einst die „Route des Diligences“ vorbei. Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts fuhren auf ihr die zweirädrigen wendigen Kutschen, brachten englische Touristen aus Chamonix ins abgelegene Bergdorf hinauf. Thomas Cook, Erfinder der Pauschalreisen, hatte sich den sonnigen Spot als Zwischenstopp ausgesucht. Hotelbauten aus dieser Zeit verbreiten noch ein wenig Glamour.

Die Pferde sollten vor allem auch trittsicher sein

Wo einst im Sommer Kutschen fuhren, sollte auch Platz für Isländer sein, die wacklige Skifahrer an langen Zügeln ins Schlepptau nehmen. Ihrer besonderen Gangart verdanken sie dabei ihre Trittsicherheit, auch auf eisigem Untergrund. Wenn sie den Weg entlangtölten, bleibt durchweg ein Huf auf dem Boden. Da rutscht das Pferd nicht. Links der Berg und rechts der Abhang, oder umgekehrt, geht es um die Kurven, die Bögen werden ausgefahren. Ein Baum, ein Fels, ausweichen, in der Spur bleiben und festhalten. Gämsen kreuzen den Weg. Sie und die Pferde kennen sich. Hin und wieder stibitzt das Wild das Heu von der Weide. Ilse Bekker sitzt auf Seifür im Sattel, behält das Kommando und die Zügel fest im Griff, auch wenn er den Weg im vollen Tempo entlanggaloppieren und den schlitternden Skifahrer das Fürchten lehren möchte. Sein Temperament will gezügelt werden. Rennen möchte er, nicht auf dem Eis des St. Moritzersees, sondern den schmalen Kutschweg entlang.

„Wenn ein Ast knackt, das Eis vom Hang rutscht, sich Schnee von den Bäumen löst, selbst dann bleibt er ruhig“, erklärt die Niederländerin, die sich dem Leben in den Bergen verschrieben hat, den besonderen Charakter der Island-Pferde. Sie seien es gewohnt, draußen in der wilden Natur Islands zurechtzukommen, und somit die idealen Pferde fürs Skijöring. Seifür und Byr kommen aus dem bergigen Norden Islands. Gefahren haben sie dort schon in ihrer Jugend überstanden. Sie wissen, wie man sich im Gelände verhält. Dazu kommen auch noch die Ruhe und Gelassenheit der Nordpferde. Bei Gefahr drehen sie nicht durch, wie es ein angespanntes Vollblut gern einmal tut. Sie bleiben einfach stehen und sondieren zuerst die Lage. Nervöses Fluchtverhalten ist diesen Tieren fremd. Damit kämen sie im bergigen Vulkangestein in ihrem Heimatland auch nicht allzu weit. Wer dort überleben will, der muss Ruhe bewahren und das kommt nun im Vallée du Trient dem hinter ihm her rutschenden Skifahrer zugute. Entspanntes Skijöring - das Tempo lässt sich ja beim nächsten Mal noch steigern.

x