München
Von Weißwurst bis Wahlkampf – die Kreationen von Münchens verrücktem Eismacher
Bei der vergangenen Bundestagswahl wurde die Ampel-Koalition zwar abgewählt, bei den Eissorten des „Verrückten Eismachers“ in München erfreut sie sich aber großer Beliebtheit. Denn Matthias Münz hat für jede Partei eine eigene Eissorte kreiert: für die SPD „Scholz’ persönliches Demenz-Eis“ – Erdbeere mit Vanille –, für die Grünen „Die grüne Raupe“ – Öko-Pistazieneis, bei dem 50 Cent Klimasteuer addiert werden –, und für die FDP „Die weiße Königin“ mit echter Lindt(ner)-Schokolade. Gegen Aufpreis sogar mit Goldstaub. Diese Sorten waren die Favoriten seiner Kundinnen und Kunden – das Grünen-Eis war stets als erstes ausverkauft.
Mit Zylinder und einem Sinn fürs Geschäft
Sie sind drei von mehr als 1000 Eissorten, die Matthias Münz in den vergangenen 13 Jahren erschaffen hat. Für das Guinness-Buch der Rekorde hat sich der 38-jährige gebürtige Regensburger damit bislang nicht beworben. „Manche Sachen sind nicht ganz neu. Manchmal kombiniere ich verschiedene Früchte – beispielsweise Maracuja mit Mango, Maracuja mit Kirsche oder Maracuja mit Himbeere – und schon entstehen wieder neue Eissorten“, sagt er. Sein Eissortiment kann an heißen Sommertagen mit der Speisekarte eines bayerischen Wirtshauses mithalten: Weißwurst- und Weißbiereis gibt es, ebenso Obatzda- und Ochsenfetzensemmel-Eis. Immer wieder probiert er neue Sorten aus. Auch international bekannte Gerichte wie Sushi, Fish and Chips oder Pizza Margherita stehen auf seiner ausladenden Eiskarte.
„Das ist mein Alleinstellungsmerkmal: dass die Menschen bei den verrücktesten Eissorten an mich in München denken – deutschlandweit“, sagt er. Derzeit kreiert der Mann, der einen Zylinderhut trägt und sich selbst als extravagant, kreativ und im positiven Sinne verrückt bezeichnet – ein Spezi-Eis. Auf besonderen Wunsch eines bekannten Münchner Wirtshauses.
Die Ideen für neue Sorten stammen nicht nur von ihm selbst. Gerne holt er sich Anregungen – auch von seinen Gästen. Am Ausgang seines Eisladens, den er im Stil von Alice im Wunderland eingerichtet hat – mit Fliegenpilztischen und Zylindern an der Decke –, steht eine knallgelbe, schwarz gepunktete Porzellanurne. Sie ist selbst zu dieser Jahreszeit mit vielen kleinen Zetteln gefüllt. Münz zieht mehrere heraus: Cannabis-Eis, Mate- und Kartoffelbrei-Eis liest er vor. Gibt es einen Vorschlag mehrfach und findet er ihn „cool“, setzt er ihn um. Dann kreiert er ein Rezept – so wie zur Bundestagswahl: Um 20 Uhr hatte er die Idee, um 8 Uhr morgens waren die Rezepte fertig. Seine Rezepturen gelängen fast immer, sagt der blonde Mann mit blauen Augen.
Bei den italienischen Meistern gelernt
Er ist mittlerweile ein erfahrener Eismacher. Auf die Idee, selbst Eis herzustellen, brachte ihn – im doppelten Sinne – die Liebe: „Ich habe als Kind schon immer gerne Eis gegessen und mein Taschengeld dafür gespart“, erzählt er. Bis zu sieben Kugeln auf einmal konnte er essen. Mit 19 Jahren aß er, um eine Wette zu gewinnen, über 40 Kugeln. „42 in drei Stunden waren es ganz genau“, erinnert er sich.
Damals dachte er noch nicht an einen eigenen Eisladen. Doch als er mit einer Italienerin befreundet war und durch sie eine Gelateria in der oberitalienischen Kleinstadt Spilimbergo, sowie deren Eismacher kennenlernte, war der Funke endgültig übergesprungen. Er war so begeistert von dem dortigen Stracciatellaeis, dass er fragte, ob er beim Eismachen dabei sein dürfe. „Va bene“, habe der Maestro della Gelateria Italiana geantwortet und Münz in die Geheimnisse seiner Kunst eingeweiht. Das war 2008.
Zu dieser Zeit studierte er Tourismusmanagement in München. Er belegte einen vierwöchigen Kurs an der Eis-Universität in Perugia und beschloss, sich in seiner Abschlussarbeit an der Hochschule mit seinem späteren Berufsziel auseinanderzusetzen. Das Thema seiner Arbeit: „Existenzgründung in der Speiseeisbranche – Eröffnung eines innovativen Eiscafés in München.“ Er testete die 200 Eisdielen der bayerischen Landeshauptstadt – rund 60 davon stellen laut Münz selbst Eis her. Außerdem errechnete er, wie viele Kunden und wie viel Umsatz nötig seien, damit sich ein Eisladen lohnt: rund 700 Euro täglich. In Eiskugeln ausgedrückt: 350 à 2 Euro, kalkulierte er.
Münz verspeist rund 1500 Kugeln Eis im Jahr
Bevor er schließlich 2012 seinen ersten Eissalon eröffnete, arbeitete er jeweils eine Woche lang in zwei weiteren Eisdielen in Italien und brachte deren Rezepte mit. „Ich habe mit den Besten losgelegt und sie dann angepasst“, erzählt der bayerische Eismacher. Früher wog eine Kugel bei ihm 70 Gramm, doch seit 2023 hat er umgestellt: Wie es in Paris, London und Italien üblich ist, bietet er nun Eis in den Größen Small, Medium und Large an – mit zwei, drei oder vier Kugeln à 50 Gramm, entweder im Papierbecher oder in der Waffel.
Münz bevorzugt das Eis in der Waffel. Das wecke Kindheitserinnerungen und ein Urlaubsgefühl bei ihm: „Man fokussiert sich aufs Eis“, sagt er.
Doch er isst die rund 1500 Kugeln Eis, die er jährlich verspeist, mittlerweile meist im Becher. Das habe den Vorteil, dass er das Eis auch mal zur Seite stellen könne, meint der Vielbeschäftigte. Inzwischen hat er nicht nur in der Nähe der Ludwig-Maximilians-Universität einen Eissalon, sondern zwei weitere in München. Zudem bietet er einen „Eisrettungsdienst“ für Events wie Firmenfeiern und Hochzeiten an – deutschlandweit, aber auch in Italien und Frankreich. Rund 20 bis 30 Prozent seines Umsatzes macht dieser Geschäftszweig mittlerweile aus. Außerdem bietet er Eiskurse an.
30 Tonnen Eis im Jahr
100 Stunden pro Woche arbeitet er in der Hauptsaison im Juli, wie er selbst sagt. Und weil das auf Dauer einfach zu viel sei, wird er demnächst einen Stellvertreter einsetzen. Der müsse ein Allrounder sein, sagt er. Für die Eisherstellung hat er dagegen seit neun Jahren eine Konditormeisterin. Sie setzt seine Kreationen um und produziert rund 30 Tonnen Eis jährlich in der Manufaktur am Münchner Ostbahnhof.
50 bis 100 neue Sorten von Münz werden auch dieses Jahr wieder darunter sein. Die postet er sofort an seine rund 14.000 Follower auf Instagram und 50.000 auf Facebook – so damit ihnen schon einmal der Mund wässrig wird.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.