Krippenspiel RHEINPFALZ Plus Artikel Sieben Tage auf dem Weg ins neue Bethlehem und zu mir selbst

Die berühmte Grotte im Kloster zu Greccio.
Die berühmte Grotte im Kloster zu Greccio.

In Greccio soll der Heilige Franziskus das Krippenspiel erfunden haben. Das italienische Bergdorf ist auf dem Franziskus-Pilgerweg von Assisi aus in sieben Tagen zu erreichen.

Nach der Ankunft mit dem Zug in Assisi besuche ich die Basilika mit der kleinen Kapelle, die der junge Franziskus einst mit seinen eigenen Händen wiederaufbaute. Sie wurde zum Symbol seiner Bewegung der Demut. An diesem Montagnachmittag sind neben mir nur wenige Pilger in der Kapelle. Doch das umgebende Kirchenschiff ist voller Menschen. Sie sind schwarz gekleidet, sehr viele sind jung. Eine Frau, die weiße Ballons verteilt, erklärt mir, ich sei auf einer Totenmesse. Gestorben ist Gaia im Alter von 24 Jahren. Vor dem Kondolenzbuch ihr Porträt: lange Haare, große Brille, offener Blick. Die Frau mit den Ballons berichtet: „Gaia war beim Zahnarzt, nach der Betäubung erlitt sie einen Herzstillstand. Wir verstehen nicht, wie das passieren konnte.“

Am Abend spreche ich mit der Rezeptionistin im Hotel. Sie erzählt, dass sie mit Gaia zur Schule gegangen sei. Die ganze Stadt fühle mit dem verwaisten Bruder und dem verwitweten Vater: Die Mutter von Gaia ist schon vor rund zehn Jahren gestorben.

Ein trauriger Auftakt meines insgesamt 150 Kilometer langen Wegs nach Greccio. Am nächsten Morgen gehe ich vor Sonnenaufgang los. Die Trauerfeier lässt mich nicht los. Wenn es Gott gibt, warum ist er so grausam? Lässt eine Familie so ohne Sinn leiden? Natürlich komme ich auf keine Antwort, die mich befriedigt. Ich verstehe nur: Es kann jederzeit zu Ende sein.

Die Oktobersonne bricht durch die Wolken. Ständig raschelt es vor meinen Füßen. Ich störe auf meinem Weg viele Hundert Eidechsen bei einem ihrer letzten Sonnenbäder, durch das trockene Laub flitzen sie in ihre Verstecke. Es geht am Hang des weiten Spoleto-Tals durch Olivengärten. Beim Aufstieg durch die Gassen ins Zentrum der Kleinstadt Spello sehe ich in einem Blumenbeet drei verwitterte Figuren: Maria, Josef und das Jesuskind trotzen Sonne, Regen und Frost. Mehrmals werden mir noch solch unscheinbare Krippen begegnen: In Italien dient die Heilige Familie offenbar das ganze Jahr über als Vorbild.

Nach dem zweiten Tagesmarsch komme ich in der Pension von Chiara und Luigi unter. Im Kamin knistern die Scheite, der Fernseher läuft. Nur Chiara kann etwas Englisch. Wir unterhalten uns mithilfe von Google Translate. Neben Wein baut die Familie Oliven an, alles organisch, ohne Zusätze, betont Luigi. Chiara kümmert sich vor allem um die Pension und den greisen Schwiegervater. Schon ewig sind die beiden ein Paar, bereits mit 20 sei sie schwanger gewesen, erzählt Chiara, ihre Tochter sei heute 36. Zur Pasta gibt es ein Ragout aus selbst gesammelten Edel-Reizkern. „Chiara – so hieß doch auch die Gefährtin des heiligen Francesco“, fällt mir ein. „Aber ich bin keine Heilige!“, antwortet Chiara. „Nur für Luigi bin ich eine Heilige.“ Der macht einen Kussmund, sagt: „Bella Donna!“ Nach dem Essen schlafe ich gleich ein, selig vom Wein und dem Glück in diesem Haus, trotz des Pochens an den Fersen: Ich habe Blasen größer als eine Zwei-Euro-Münze.

Enrico, 82, und Giovanna, 79, feiern ihre Goldene Hochzeit. Der Freudentag beginnt in der Grotte von Greccio.
Enrico, 82, und Giovanna, 79, feiern ihre Goldene Hochzeit. Der Freudentag beginnt in der Grotte von Greccio.

Am nächsten Abend, ein weiter Fußmarsch endet – in Spoleto. Unweit des Domes höre ich beim Gang durch die dunklen Gassen einen Mann und eine Frau laut streiten. Dann sehe ich sie, ein Paar um die 60. Ihr Zanken verstummt, sie gehen an mir vorbei.

Eine Stunde später trete ich in eine Osteria am Marktplatz. An den Tischen sitzen drei Paare. Die Streithähne von vorhin sind eines davon. Bald fliegt das Gespräch zwischen dem Wirt und den Paaren hin und her. Es geht um die Zubereitung von Essen. Die Frau, die vorhin ihren Partner angriff, beteiligt sich angeregt. Alle drei Paare scheinen harmonisch. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich meine Ehe mit den Partnerschaften anderer vergleiche. Wie unsinnig! „Der Vergleich ist das Ende des Glücks“, schrieb Kierkegaard. Man sieht hübsch gestrichene Fassaden, aber die Wohnungen kennt man nicht.

Am nächsten Morgen steige ich den Monteluco hinauf. Oben liegt eine franziskanische Einsiedelei mit einem „heiligen Wald“ aus Steineichen, in dem die Mönche seit Jahrhunderten meditierten. Im Kloster kann man in ehemalige Zellen schauen: Einst schliefen die Ordensleute auf Holzbohlen, den Kopf stützte ein Holzklotz. Der Eremit, den ich einige Stunden später im Bergwald nach Pontuglia treffe, hat mehr Komfort.

Tomaten Marke Eigenanbau

Nach einsamen Stunden höre ich plötzlich Rockmusik, rieche den Rauch eines Feuers. Dann stehe ich vor Mario, Mitte 40, grauer Pferdeschwanz, Piraten-Ohrringe, Zigarette im Mundwinkel. Mario hat eine Kirche besetzt, das letzte noch stehende Gebäude von Sensati, einem Bergdorf, das schon vor Generationen verlassen wurde. Längst sind die Häuser verfallen, in den Ruinen wachsen Büsche. Auf dem Herd in der Kirche simmern Tomaten. „Die letzten aus meinem Garten“, sagt Mario. Noch vor zweieinhalb Jahren lebte er als Computerfachmann in Rom: „Ich hatte alles. Freundin, Wohnung, Auto. Aber ich war nicht glücklich.“ Er packte seinen Rucksack und zog los. Irgendwann war er auf dem Franziskusweg und hier, in Sensati, ging er einfach nicht mehr weiter.

Die Brüder von Monteluco seien die Hausherren, sie hätten nichts gegen den Kirchenbesetzer. „Im Gegenteil, ich bewahre ja die Kirche“, sagt Mario: „Als ich kam, gab es Stockflecken, ich heize, das ist gut für das Fresko.“ Er zeigt auf die Jahreszahl in der Ecke des Bildnisses mit Maria und dem Jesuskind: 1540.

 Einsiedler Mario in Sensati.
Einsiedler Mario in Sensati.

Die Tage füllt er mit der Pflege des Gemüsegartens. Er bemalt Steine mit Sinnsprüchen und Smileys, hat ein Plumpsklo errichtet und eine 500 Meter lange Leitung von einer Quelle zur Kirche gelegt. „Früher musste ich arbeiten, jetzt kann ich es, wenn ich es will“, sagt Mario. Täglich kehrten Pilger bei ihm ein, denen er gerne seine Geschichte erzähle. Nach einer Dreiviertelstunde ziehe ich weiter. Erst als ich wieder auf dem Weg bin, fällt mir auf, dass Mario mir keine einzige Frage gestellt hat.

Am siebten Wandertag geht es einen Berg hinab, dann erreiche ich unvermittelt mein Ziel. Wie ein Schwalbennest klebt das Kloster von Greccio an einer Felswand. Wie still es hier ist! Vielleicht klingt deshalb das Plätschern des Brunnens so laut. Die Geschäftigkeit im Rietital erreicht die im Herbstlicht warmen Mauern nur als leises Summen. Einer der vier Franziskaner-Brüder in der Einsiedelei fegt den Hof ohne Eile. Die Brüder lieben offenbar die Bedächtigkeit und nicht den Betrieb: Zwar bieten sie Wanderern laut Website eine Schlafstatt an, doch man müsse sie mindestens einen Monat im Voraus buchen.

Die Not nachgestellt

Ich steige hinab zu der Grotte, in der laut Überlieferung Franziskus das allererste Krippenspiel inszenierte. Sie ist niedrig und klein. „Vor 800 Jahren gab es hier kein Kloster, nur Höhlen“, erklärt Bruder Giovanni vor irischen Besuchern, die inzwischen per Reisebus eingetroffen sind. Franziskus habe seinen Freund, den Kastelan von Greccio, gebeten, alles vorzubereiten für ein lebendiges Weihnachten. „Er wollte die Not der Heiligen Familie nachstellen“, sagt Bruder Giovanni.

So schrieb es sein erster Biograf Thomas von Celano auf: „Die Armut wird erhöht, die Demut gepriesen, und aus Greccio wird gleichsam ein neues Bethlehem.“ Aber gleichzeitig wollte er das Elend der Familie gemildert sehen, führt Bruder Giovanni aus. Deshalb ließ er Stroh bringen und einen Ochsen und einen Esel, diese sollten die Grotte mit ihren Körpern wärmen. So sollen die Tiere, von denen in der Bibel nicht die Rede ist, in die Weihnachtskrippen weltweit gekommen sein.

In der Grotte sieht man Fresken aus dem 14. Jahrhundert. In einem der Bildnisse stillt Maria das Jesuskind. In einem weiteren Fresko kniet Franziskus an der Krippe mit dem Kind. Eine Reminiszenz an den Biografen Celano: Während des Krippenspiels in Greccio war die Krippe zunächst leer. Dann aber, während des Spiels, soll das Jesuskind plötzlich erschienen sein. Das Heu habe danach viele Wunder bewirkt. Wer es berührte, sei von allerlei Krankheiten geheilt worden.

Bewunderung für den Heiligen

Ich gehe vom Kloster ins zwei Kilometer entfernte Dorf, komme in der Pension von Veronica, 43, unter. Seit 20 Jahren spielt sie an Weihnachten in der Laienspielgruppe von Greccio mit. Die Schauspieler tragen mittelalterliche Kostüme, manche sind barfuß, trotz der Dezemberkälte: Sie spielen nach, wie Franziskus einst das Krippenspiel aufführte. „Ich bewundere Francesco sehr“, sagt Veronica. „Weil er so für seine Werte einstand.“

Vor meinem Abstieg zum Bahnhof im Rietital am nächsten Morgen gehe ich noch mal hinauf zum Kloster. Die Sonne steht flach über der Nebeldecke im Tal. Außer mir sind nur fünf Menschen da: Enrico, 82, und Giovanna, 79, feiern ihre Goldene Hochzeit. Der Freudentag soll in der Grotte beginnen. Denn schon die Eltern des Jubilars hätten ihre Hochzeit und auch ihre Goldene Hochzeit am Ort des ersten Krippenspiels gefeiert. „Wir wollen danke sagen für die Familie. Und wir wollen für den Frieden beten“, erklärt Schwiegersohn Marco, 50. „Die Welt hat es nötig.“

Mit Geduld geht’s

Was aber braucht es für eine so lange Ehe, für eine gelingende Familie? „Toleranz“, sagt Jubilarin Giovanna. „Geduld“, ergänzt Jubilar Enrico. Claudio, der Bruder von Enrico, hat sich bei seiner Nichte Annalisa eingehakt. Trocken wirft er ein: „Ach was! Es ist vor allem die wunderbare Tochter, die sie zusammengehalten hat.“

Annalisa, eine Lehrerin, lächelt fein. Marco, ihr Mann, ist als Ingenieur viel auf Reisen im Ausland. „Die Leute glauben, für uns Italiener sei gutes Essen am wichtigsten“, sagt er. „Dabei ist das Essen nur Mittel zum Zweck. Ein Werkzeug, um zu leben, was am wichtigsten ist: die Familie.“

Die kleine Gesellschaft will ins Tal, sie haben einen Tisch bestellt. Ich setze mich in die Kapelle, betrachte die Fresken, das Kind in der Krippe, dessen Heu wundertätig war. Ich will mich nicht auf Wunder verlassen. Toleranz, Geduld und gutes Essen: Vielleicht ist das die beste Anleitung, die ich aus Greccio mit nach Hause nehmen kann. Für Weihnachten und darüber hinaus.

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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