Tansania
Sansibar: Die Idylle trügt
Sansibar ist ein Paradies. Fast nirgendwo sonst auf der Welt ist der Sand so weiß, sind die Strände so lang und weitgehend unbebaut. Kokospalmen wiegen sich im sanften Wind, und Fischer paddeln mit ihren hüftschmalen Einbaumbooten aufs offene Meer hinaus. Doch das vermeintliche Inselparadies vor der Küste Tansanias ist nur ein Teil der Realität. Sansibar ist vor allem ein Traum für Touristen, die nach ihrem Safari-Urlaub auf dem ostafrikanischen Festland noch ein paar Tage am Strand verbringen wollen. Die Einheimischen hingegen müssen schon in jungen Jahren jedes greifbare Bildungsangebot nutzen, damit ihre Zukunft nicht in Armut endet.
Denn das Schulsystem in dem Entwicklungsland ist völlig überlastet. In den Klassen sitzen teilweise über 50 Kinder, die sich zu viert ein Schulbuch teilen. Selbst Englisch wird oft nur auf niedrigem Niveau unterrichtet. In den Hotels arbeiten deshalb vor allem Angestellte vom Festland, wo das Bildungssystem besser entwickelt ist.
Umso wichtiger ist die Eigeninitiative von Einheimischen oder Ausländern, die sich auf Sansibar niedergelassen haben. Sie gründen Privatschulen, schaffen Arbeitsplätze für Ungelernte oder starten Recyclingprojekte und finden mit etwas Glück ausländische Organisationen wie die Tui Care Foundation, die sie dabei unterstützen. Davon profitieren insbesondere Mädchen und junge Frauen. Sie haben es in der überwiegend islamisch geprägten Gesellschaft Sansibars schwer, ihre Rechte durchzusetzen und für eine selbstbestimmte Zukunft zu kämpfen.
Kostenloses Programm Futureshapers Zanzibar
Wilcat Yahaya Abas etwa strotzt vor Energie. „Ich werde mein eigenes Unternehmen gründen“, sagt die 18-Jährige, die sich für das kostenlose Programm Futureshapers Zanzibar angemeldet hat. Mit ihrer fünf Jahre älteren Freundin Zeyana Abbi Mohd entwickelt sie dort eine Idee, die ihnen ein Einkommen sichern soll. Die beiden stellen organischen Dünger aus Küchenabfällen her, den sie am Markt an Bauern verkaufen wollen. Mit Zeyana hat sie bei einem Treffen der Zukunftsgestalter eine Partnerin gefunden, die ähnlich tickt wie sie und zudem ein klar definiertes Ziel hat: „Ich möchte in meinem Leben unabhängig sein.“
Das Projekt Zukunftsgestalter ist eine Initiative, die zwei Einheimische, Saida Maliq und Fadhil Spobi, 2022 ins Leben gerufen haben. Sie hospitierten neun Monate lang bei einem ähnlichen Projekt in Uganda und helfen nun auf Sansibar jungen Menschen, ihre Ideen in finanziell tragfähige Geschäftsmodelle zu verwandeln. Das kann die Produktion von Dünger sein, aber auch die Organisation einer lokalen Tanzgruppe, die künftig in Touristenhotels auftreten und dort Geld verdienen will.
Rückzugsort für die Jugendlichen und zugleich Basis des Projekts ist ein von Mauern umgebenes Haus. „Wir haben hier einen Ort geschaffen, an dem die Mädchen und Jungs in aller Ruhe etwas ausprobieren können“, sagt Maliq, die Leiterin von Futureshapers, „aber wir erklären ihnen auch, wie sie ihr eigenes Unternehmen finanzieren können, ob es überhaupt Interesse an ihrem Produkt gibt und wo sie es verkaufen können.“ An diesem Punkt kommt auch die Tui Care Foundation ins Spiel, die momentan vier Nachhaltigkeitsprojekte auf Sansibar unterstützt. Die konzernunabhängige Stiftung des Reiseveranstalters hilft nicht nur finanziell, sondern vernetzt die Jugendlichen mit Experten. „Bei Tui gibt es immer Fachleute, die sofort sagen können, ob ein Geschäftsmodell funktioniert oder was noch fehlt“, sagt Anna-Lena Stehl, die Leiterin der Kommunikation der Stiftung. Es sind Kontakte, die ein Jugendlicher in Sansibar nie selbst herstellen könnte.
Leere Wein- und Schnapsflaschen der Hotels
Ein ganz anderes Problem, das Sansibar beschäftigt, ist der Zivilisationsmüll. Schließlich gibt es nur in Teilen der Insel eine Müllabfuhr. Das Ergebnis ist unübersehbar: Was nicht verrottet, vergraben oder verbrannt wird, fliegt aus dem Autofenster und bleibt am Straßenrand liegen. Die Niederländerin Anneloes Roelandschap, die gemeinsam mit ihrem Mann Suleiman ein Hotel in der Hauptstadt Stonetown betreibt, konnte das irgendwann nicht mehr mit ansehen. Die beiden gründeten bereits 2012 das mittlerweile recht groß gewordene Start-up Chako. Dort säubern und verarbeiten vor allem Frauen aus der unmittelbaren Umgebung die leeren Wein- und Schnapsflaschen der Hotels. Die Ergebnisse können sich sehen lassen: Es entstehen Lampen, Gewürzbehälter, Untersetzer oder Wassergläser. Tui Care unterstützt dieses Nachhaltigkeitsprojekt, aber auch die konzerneigenen Hotels kaufen bei Chako ein. Es ist ein nahezu perfekter Kreislauf: Die leeren Flaschen der Gäste landen nicht im Müll, sondern als Vasen, Gläser oder Wasserflaschen auf dem Restauranttisch. Mitunter buchen die Gäste einen Ausflug auf eine Gewürzfarm, besichtigen die Recyclinganlage und kaufen im angeschlossenen kleinen Laden ein.
Auch Suzanne Degeling gehört zu diesen besonderen Menschen auf Sansibar, die mit kleinen Initiativen begonnen haben und heute Großes bewegen. Die Niederländerin kam im Jahr 2000 auf die Insel und arbeitete als Fremdenführerin in der Hauptstadt Stonetown. „Irgendwann haben mich befreundete Einheimische gefragt, ob sie diesen Beruf auch erlernen könnten“, erzählt Degeling. Da sie um das niedrige Bildungsniveau und die geringen Englischkenntnisse der jungen Leute wusste, die einen solchen Job unmöglich machen, gründete sie eine Schule. Zunächst bildete sie Fremdenführer aus, heute bereiten im Kawa Training Center zehn einheimische Lehrer Jugendliche auf Berufe im Tourismus vor. 120 angehende Kellner lernen derzeit, Tische zu decken und abzuräumen, Hotelzimmer für Urlauber herzurichten oder mit Gästen zu kommunizieren. Eigeninitiative ist gefragt, denn der Unterricht ist nicht kostenlos. Wer will, kann am Wochenende in einigen von der Schule vermittelten Hotels arbeiten, sich etwas dazuverdienen und gleichzeitig praktische Erfahrungen sammeln.
Eine andere Möglichkeit, Schulgeld zu sparen, ist bei den Schülern zwar nicht beliebt, hat aber einen Bildungseffekt. Man kann gemeinnützige Arbeit leisten. Zum Beispiel morgens vor der Schule den Strand von Müll befreien. Genau diese Idee ist typisch für Degeling. Die Niederländerin denkt in viele Richtungen und möchte in diesem Fall die jungen Leute für eines der wichtigsten Probleme der Insel sensibilisieren.
Reisetipps
Anreise
Mit Air France über Paris (Details unter www.airfrance.com), oder mit Condor über Mombasa, www.condor.com, nach Sansibar.
Zur Einreise sind ein noch sechs Monate gültiger Pass und ein E-Visum notwendig, Infos dazu im Netz unter https://visa.immigration.go.tz. Zusätzlich muss eine Reise- und Gepäckversicherung der Zanzibar Insurance Corporation beantragt werden, die circa 42 Euro pro Person kostet, www.visitzanzibar.go.tz.
Unterkunft
The Mora Zanzibar ist ein neues, luxuriöses Hotel mit üppiger Bepflanzung direkt am Meer. Preisbeispiel: eine Woche 2153 Euro pro Doppelzimmer, www.themora.com/de.
Das kleine Strandhotel Blue Palm Zanzibar mit Pool liegt nahe Bwejuu. Die zehn Zimmer sind sauber und schlicht. Doppelzimmer ab 100 Euro,
www.bluepalmzanzibar.com.
Essen & Trinken
Die Restaurants in Sansibar sind auf Touristen eingestellt, neben Steaks und Burgern werden auch regionale Spezialitäten wie Catlesi (in Ei gewälzte, frittierte Rindfleischbällchen) und Meerestiere serviert. Tipp: Auf der Terrasse des Tea House Zanzibar in der Hauptstadt Stonetown einen Tisch zum Sonnenuntergang auf der Dachterrasse reservieren,
https://emersonzanzibar.com.
Nachhaltigkeit
Infos zu Regenwald-Wiederaufforstung und Radtouren in dem künftigen Wald: www.bluebikeszanzibar.com.
Das Zero-Waste-Glasreycling kann man im Rahmen einer Ganztagestour kennenlernen, www.tuicarefoundation.com.
Allgemein
www.tanzaniatourism.com
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.