Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Psychotherapie am Limit: Wenn die Schwächsten zum Sparziel werden

Für den 15. April hat das neu gegründete Aktionsbündnis Psychotherapie erneut zu einem bundesweiten Protesttag gegen die Honorar
Für den 15. April hat das neu gegründete Aktionsbündnis Psychotherapie erneut zu einem bundesweiten Protesttag gegen die Honorarkürzungen aufgerufen.

Die Honorare für Psychotherapeuten wurden gekürzt, gleichzeitig stockt die Ausbildungsreform für den Nachwuchs. Ist Deutschland die mentale Gesundheit seiner Bürger egal?

In einer Zeit der globalen Krisen und Unsicherheiten wollen immer mehr Menschen psychotherapeutische Leistungen in Anspruch nehmen. „Im Moment muss ein Hilfesuchender Monate auf einen Therapieplatz warten“, sagt Jakob Müller vom Institut für Psychosoziale Prävention und Psychotherapie in Heidelberg. Genaue Zahlen gebe es nicht, da nicht alle Psychotherapeuten eine Warteliste pflegten. Die flächendeckende Versorgung für die Zukunft zu sichern, wäre dennoch dringend geboten. Stattdessen haben Vertreter der Kassenärzteschaft und der gesetzlichen Krankenkassen am 11. März beschlossen, die Honorare für ambulant tätige Psychotherapeuten ab dem 1. April um 4,5 Prozent zu kürzen. Der heftige Protest ließ nicht lange auf sich warten. Im ganzen Land wurden Versammlungen organisiert, um gegen diese Entscheidung zu demonstrieren. Laut dem Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen seien damit die Sicherstellung und die Qualität der Versorgung gefährdet.

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen begründet den Beschluss so: Der Honorarvergleich innerhalb der Ärzteschaft habe gezeigt, dass niedergelassene Psychotherapeuten mit eigener Praxis in den vergangenen Jahren „überproportionale Honorarerhöhungen“ erhalten hätten. Wird also dort gespart, wo zu viel verdient wird? Zahlen der Bundesärztekammer zeigen etwas anderes: Der durchschnittliche Reinertrag je Praxis lag 2023 bei Psychotherapeuten bei etwa 86.000 Euro, bei Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten bei etwa 80.000 Euro. Eine Praxis für Allgemeinmedizin erwirtschaftete rund 288.000 Euro.

„Wir sind ein einfaches Opfer“

Psychotherapeuten sind Psychologen, die eine spezielle Weiterbildung absolviert haben. Sie sind berechtigt, psychische Krankheiten zu diagnostizieren und Therapiesitzungen durchzuführen. In Deutschland dürfen sich nur Fachpersonen mit einem akkreditierten Weiterbildungsweg als Psychotherapeuten bezeichnen und ihre Behandlungen über die Krankenkasse abrechnen.

Vorschläge zur Verbesserung der Versorgung hat etwa der Verband der Ersatzkrankenkassen geliefert. So wird beispielsweise vorgeschlagen, dass Stundenkontingente verschiedener Therapieverfahren angeglichen werden sollen. In der Praxis hieße das: Langzeittherapien sollen verkürzt werden. Dass dies einem Patienten, der auf langfristige Begleitung angewiesen ist, nicht helfen würde, liegt auf der Hand. Außerdem sollten laut dem VDEK „kürzere Sitzungsabstände die Wirksamkeit verbessern“. Zu lange Wartezeiten zwischen Terminen sind allerdings ein Symptom der hohen Nachfrage und der fehlenden Kapazität der Praxen.

Warum aber wird nun bei den Psychotherapeuten der Rotstift angelegt? „Ich vermute, weil wir ein einfaches Opfer sind. Unser Berufsstand hat noch keine lange Tradition – uns fehlt die strukturelle Macht im System. Man kürzt eben genau dort, wo der geringste Widerstand vermutet wird. Das haben wir zuletzt auch bei den Hebammen erlebt“, sagt Jakob Müller.

Besonders Frauen treffen die Kürzungen

Bei genauerer Betrachtung treffen die Kürzungen, abgesehen von den Hilfesuchenden und Patienten, vor allem eine Gruppe: Frauen. 80,9 Prozent derjenigen, die in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie arbeiten, waren laut Bundesärztestatistik 2023 Frauen. Bei den Psychologischen Psychotherapeuten waren es 76,1 Prozent.

Nicht nur für die praktizierenden Therapeuten sind die Kürzungen ein Schlag ins Gesicht, auch für viele Studierende. Sie haben aber noch ein ganz anderes Problem mit der Politik, von der sie sich schon seit Jahren im Stich gelassen fühlen. Denn noch immer ist nicht geklärt, wer ihre notwendigen Weiterbildungen nach dem Studium bezahlen soll. Viele finden keine Stellen, um sich in einer Fachrichtung weiterzubilden.

Dr. Jakob Müller ist Psychoanalytiker mit eigener Praxis in Heidelberg.
Dr. Jakob Müller ist Psychoanalytiker mit eigener Praxis in Heidelberg.

2019 setzte die Große Koalition – maßgeblich vorangetrieben vom damaligen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) – die Reform der Psychotherapeutenausbildung in Gang. Das Studium ist seit dem Wintersemester 2020 deutlich stärker auf den späteren Beruf als Psychotherapeut zugeschnitten. Nach einer staatlichen Prüfung erhalten die Studienabsolventen die Approbation und dürfen psychotherapeutisch behandeln. Vor der Reform wurden die Auszubildenden erst nach der jahrelangen Weiterbildung approbiert. Das hatte für die Kliniken den Vorteil, dass sie nicht nach Tarif bezahlen mussten. Allerdings: Wer später gesetzlich Versicherte behandeln will, muss auch nach dem neuen System eine Weiterbildung absolvieren.

Eine entscheidende gesetzliche Regelung fehlt

Der Grundgedanke der Reform, die Bezahlung der Weiterbildungen an den Tariflohn von Fachärzten anzugleichen und die angehenden Psychotherapeuten zu entlasten, ist gut. Nur wurde nicht gesetzlich geregelt, wer das finanzieren soll. Die Krankenkassen, Länder, der Bund, die Kammern oder die Kliniken selbst? Durch diese ungeklärte Zuständigkeit hat sich die Situation in der Weiterbildung nicht verbessert. Im Gegenteil: Viele Institute stellen deshalb heute keine Uni-Absolventen an, die sich weiterbilden wollen. Bezahlt werde bislang vor allem das, was direkt an Patienten geleistet wird. Kosten für Räume, Verwaltung, Supervision oder Anleiter müssten die Institute selbst zahlen.

In der aktuellen Situation würde Jakob Müller jungen Menschen, die mit dem Gedanken spielen, Psychologie zu studieren, raten: „Macht etwas anderes.“ Denn weitere Kürzungen, wie etwa ein Kostendeckel pro Quartal für Praxen, sind geplant. Solche Pläne machen Jakob Müller wütend.

Für den Fall, dass diese und weitere Änderungen kommen sollten, hat er, wie viele andere Kollegen auch, eine Lösung: „Ich würde schauen müssen, ob sich eine Kassenpraxis finanziell noch trägt oder ob wir mehr Privatpatientinnen und Selbstzahler behandeln müssen. Wir möchten als Therapeuten für alle da sein. Aber das geht nicht, wenn uns die Mittel dafür gestrichen werden.“

Ein Staat, der sich nicht mehr um die Kranken und Hilfesuchenden kümmert, stärkt jedenfalls nicht das Vertrauen in die Demokratie, die auch die Schwächsten der Gesellschaft im Blick haben sollte. Verschleppte oder nicht diagnostizierte psychische Krankheiten werden sich in Zukunft rächen. Aber das scheint der Politik herzlich egal zu sein.

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