Schuhbranche
Nieten für die Lady, Öko-Stiefel für den König
Schuhe, so weit das Auge reicht. Sneaker in zig Variationen und Farben, Lammfell-Schlappen, Ballerinas und Boots im Rocker-Look, klassische Stiefel und Pumps, Loafer, Barfußschuhe – und nachhaltig gefertigte Stiefel, die sogar im britischen Königshaus getragen werden. Die Vielfalt ist groß. Doch wer hier, in den Hallen des alten Industrieareals Böhler, unterwegs ist, der lässt sich nicht verwirren. Hier treffen Händler auf Hersteller, hier wird Anfang Februar bestimmt, was ab nächstem Herbst auf Straßen zu sehen sein wird.
„Rotwein und Schokolade“ – so fasst es Claudia Schulz bei den Farben zusammen. Die Fachfrau vom Bundesverband der deutschen Schuh- und Lederwarenindustrie (HDS/L) kennt die Branche, kennt Themen und Trends. Dunklere Brauntöne werden, sagt sie, im nächsten Winter ein Comeback feiern, dazu komme dunkles Weinrot. Leder spiele eine größere Rolle, auch Langschaftstiefel. Sneaker und Jeans blieben, aber das Angebot werde vielfältiger und detailreicher. Etwa bei Chelsea-Boots, Budapester, Ballerinas. Die Mode, meint sie, wirke wieder „angezogener“. Viele Schränke seien bereits voll mit Sneakern, jetzt sei wieder mehr sportliche Eleganz angesagt.
Neustart für Peter-Kaiser-Schuhe
Eine gute Nachricht ist das für klassische Straßenschuh-Marken. Etwa für die Marke Peter Kaiser. Die in Pirmasens gegründete Traditionsmarke mit ihren eleganten Damenschuhen wurde durch die Pandemie endgültig aus der Bahn geworfen. Deutschlands älteste Schuhfabrik schloss 2021, etwa 200 Menschen verloren ihren Arbeitsplatz. Die Marke wurde verkauft, gehört nun zum Wortmann-Konzern.
Unter dessen Dach arbeitet auch die Pirmasenser Marke Caprice, wo der Neustart von Peter Kaiser begleitet wird. Caprice-Geschäftsführer Jürgen Cölsch ist zuversichtlich, die „PK“-Schuhe, die nun in einer eigenen Linie in Asien gefertigt werden, als Top-Marke zu positionieren. Auf der Schuhmesse ist Peter Kaiser zum zweiten Mal vertreten, als eine von drei Südwestpfälzer Traditionsmarken. Und die Nachfrage nach der neuen Herbst-/Winter-Kollektion, bestätigen dort die Vertriebsspezialisten, sei sehr gut. Klassisch geht also immer noch etwas. Eine Chance für „PK“ , zumal am Erscheinungsbild der Marke nicht viel geändert, sondern vor allem die Passform geweitet wurde.
Caprice ist gewachsen
Während Peter Kaiser aufgebaut wird, ist die modische Marke Caprice längst etabliert am Markt. Der Umsatz mit den Damenschuhen, die in Pirmasens entwickelt und in Asien gefertigt werden, liege deutlich über 100 Millionen Euro, stellt Jürgen Cölsch sehr zufrieden fest. Neben dem Produkt trage ihre Strategie dazu bei: Sie seien reiner Hersteller, kein Retailer, schlank aufgestellt. Verkauft werden die Schuhe in über 40 Ländern. In Düsseldorf ist Caprice nicht vertreten. Sie nutzten deutsche Schuhorderzentren, erklärt Cölsch. Interessant seien zudem die Messen in Mailand und Kopenhagen.
Auf die Lage im deutschen Schuhhandel, wo der stationäre Handel 2024 Umsatzeinbußen und weitere Firmenpleiten verzeichnete, schaut der Pirmasenser aber mit Sorge. Der Markt sei in desolatem Zustand, sagt er, Konsumzurückhaltung spürbar. Deswegen kämen sie dem Handel bei den Gewinnmargen entgegen.
Kennel & Schmenger setzt auf eigene Läden
2025 werde herausfordernd, stellt auch Andreas Klautzsch fest, geschäftsführender Gesellschafter der Pirmasenser Damenschuhmarke Kennel & Schmenger, die in Pirmasens mit etwa 200 Mitarbeitern und in Ungarn mit 250 Mitarbeitern Damenschuhe in Premiumpreislage produziert. Die allgemeine Stimmung spiegele sich im Konsumverhalten wider, sagt er. Und bei Mode sei Stimmung entscheidend – da gehe es um ein emotionales Produkt.
Das Sterben im Fachhandel beunruhigt auch ihn. Doch durch ihre eigenen 22 Läden könnten sie einiges kompensieren, sagt Klautzsch, der bei der „Shoes“ nicht vertreten ist. Mit der Entwicklung bei K&S ist er weitgehend zufrieden. Der Umsatz bewege sich wieder auf dem Niveau vor der Pandemie (etwa 50 Millionen Euro). K&S-Schuhe werden in 22 Ländern verkauft. Der Produktionsstandort Pirmasens steht für Klautzsch nicht zur Debatte. Im Gegenteil: Seit 2023 wird er Schritt für Schritt modernisiert.
Lage von Betrieb zu Betrieb anders
Die Probleme des Handels beschäftigen auch die Schuhindustrie. Dort sieht es unterm Strich gar nicht schlecht aus: 2024 stiegen laut Verband die Umsätze um nominell 2,4 Prozent auf 2,4 Milliarden Euro, die Anzahl der Betriebe ab 50 Mitarbeitern blieb mit 33 stabil, die Beschäftigung nahm leicht zu. Doch von Betrieb zu Betrieb gibt es Unterschiede. Während etwa der alteingesessene Bequemschuhproduzent Semler in Pirmasens kämpft und im Januar ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beantragt hat, können sich andere in ihren Nischen gut behaupten.
Werner-Schuhe setzen auf Nachhaltigkeit
Etwas Zurückhaltung im Handel beobachtet zwar auch Claudia Werner der Pirmasenser Werner Schuhe GmbH, die auf der Messe vertreten ist. Doch sie hätten viele Stammkunden und große grüne Labels als Abnehmer, sagt sie. Denn mit ihren Schuhen setzen sie auf nachhaltige Produktion: Verwendet werden ökologisch gegerbte Leder aus Deutschland, produziert wird in Europa. Das Bewusstsein für nachhaltige Produkte wachse, meint Claudia Werner.
Öko-Stiefel fürs englische Königshaus
Mit Nachhaltigkeit kann auch das Münchner Familienunternehmen Thies punkten, das Sebastian Thies in sechster Generation leitet. Besondere Entwicklungen zeugen hier von Pioniergeist: Schuhe mit recycelter Luftpolsterfolie oder Kühlschrankisolierung, mit pflanzenbasierten Kunststoffen, Gummistiefel aus recycelten Weinkorken. Sein Vater, berichtet der Chef, habe schon 1993 den ersten massenproduzierbaren kompostierbaren Schuh entwickelt. Pioniergeist, der letztlich Kreise bis ins britische Königshaus zog: Dort verfügt der amtierende König Charles über 13 Paar nachhaltig hergestellter Gummistiefel von Thies.
Aufmerksam darauf wurde er bei einem deutsch-schottischen Nachhaltigkeitskongress, wo ihm als Gastgeschenk Thies-Stiefel überreicht wurden. Die überzeugten Charles offensichtlich, sodass der Buckingham-Palast nachorderte. Fast hätten sie das in Bayern gar nicht mitbekommen – wäre die Sendung nicht beim Zoll hängen geblieben und hätte überprüft werden müssen.
USA ist wichtiger Markt für Josef Seibel
Mit König Charles kann Sylvia Klemens nicht dienen. Doch auch sie ist ein echtes Kind der Schuhbranche: Mitglied der Unternehmerfamilie Huth, die in Kirchheimbolanden die Steitz-Sicherheitsschuhe fertigt, Absolventin des Studiengangs Lederverarbeitung und Schuhtechnik, lange Chef-Designerin bei der Traditionsmarke Peter Kaiser, dann zuständig für Kollektionen bei Lugina und Seibel gewesen, seit Mitte September mit Carl-August und Franziska Seibel Geschäftsführerin der Hauensteiner Josef Seibel GmbH und dort zuständig für Entwicklung, Produktion, Vertrieb. Auf 2025 blicke sie mit Respekt, sagt die Westpfälzerin. Aber sie sehe auch, dass die neue Winter-Kollektion bereits gut ankomme.
Gut laufe es vor allem in den USA, in Kanada und Großbritannien, auch in Österreich und Osteuropa. Die USA seien ein wichtiger Markt, sagt Sylvia Klemens; dort rechneten sie nun aber mit einem Zusatzzoll von zehn Prozent. Produziert wird weitgehend im Ausland, vor allem in Indien und China sowie in Ungarn. Nur ein kleiner Teil, vor allem im Tieffußbett-Bereich, entsteht am Firmensitz Hauenstein, wo etwa 200 Menschen arbeiten. Insgesamt hat Seibel 2024 etwa 90 Millionen Euro Umsatz erzielt.
Schuhe – mehr als ein Gebrauchsgegenstand
Sylvia Klemens verbindet mit Schuhen nicht nur Profession. Viele Paare hat sie daheim stehen, vorzugsweise mit hohen Absätzen. Trennen kann sie sich von keinem Paar, obwohl sie inzwischen nur noch auf flachen Sohlen unterwegs ist. Schuhe sind eben mehr als ein Gebrauchsgegenstand.
Wie Mode überhaupt. Um Stimmungen, um den Austausch von Kulturen gehe es dabei, sagt Martin Wuttke. Er ist als Trend-Analyst weltweit unterwegs, schaut auf Menschen, Farben, Formen. Ohne kreative Ader geht das nicht. Wuttke, in Kaiserslautern aufgewachsen, hat sie von seiner Mutter geerbt und schon früh Eigenes entworfen und genäht. Er absolviert eine Schneiderlehre, studiert Modedesign, schafft es mit seiner ersten Kollektion – Kleidung aus recycelten Decken und alten Fallschirmen der früheren DDR-Armee – nach Paris. Heute ist er als Berater tätig. Und stellt neue Trends vor, wie etwa auf der „Shoes“.
Knatschgelb im Sommer 2026
Dort kündigt er für Sommer 2026 eine bunte Schuhmode an, die vor Knatschgelb nicht Halt macht. Sneaker würden einerseits sehr voluminös, andererseits sehr flach auftreten – „Null Sohle“ ist ein Trend. Daneben gebe es natürliche Farben wie Oliv, dazu Handwerkliches wie Flechtwerk und Gehäkeltes. Ein weiterer Trend: „Boho“ und „Sportswear“ gemischt. Mit viel Deko. Wir sind gespannt.
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.
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