Kommentar RHEINPFALZ Plus Artikel Millionen-Schieberei: Doch noch Aufklärung in der Sommermärchen-Affäre?

Sitzungssaal I des Frankfurter Landgerichts: Hier geht es ums Sommermärchen.
Sitzungssaal I des Frankfurter Landgerichts: Hier geht es ums Sommermärchen.

Die Richterin macht im Sommermärchen-Prozess ernst: Das ist überraschend und wohltuend.

Auf Madeira herrscht ewiger Frühling mit stets milden Temperaturen. Perfekt zum Wandern, die Natur ist spektakulär, irgendetwas blüht immer. Es ist ein kleines Paradies mitten im Atlantik. Verständlich, dass manch einer hier seinen Altersruhesitz sieht. Urs Linsi etwa. Der 74-Jährige beabsichtigt, aus seiner Schweizer Heimat nach Madeira auszuwandern. Deshalb aber stehe er nicht als Zeuge zur Verfügung, wie der ehemalige Generalsekretär des Fußball-Weltverbands Fifa dem Landgericht Frankfurt von seinem Anwalt ausrichten ließ. Dort nahm man das Schreiben mit einiger Verwunderung zur Kenntnis.

Schließlich könnte der frühere Funktionär einiges zu erzählen haben im Sommermärchen-Prozess. Derzeit sind drei der Organisatoren der WM 2006 in Deutschland wegen Steuerhinterziehung angeklagt. Es geht um eine 6,7-Millionen-Euro-Zahlung aus dem Jahr 2005, die Theo Zwanziger, Wolfgang Niersbach und Horst R. Schmidt als Betriebsausgabe für eine abgesagte Fifa-Gala zur WM-Eröffnung fälschlicherweise als Betriebsausgabe steuermindernd angesetzt haben sollen. In Wahrheit soll das Geld aber zur Tilgung eines Privatkredits von Franz Beckenbauer bei dem Schweizer Geschäftsmann Robert Louis-Dreyfus verwendet worden sein.

Und hier kommt Urs Linsi ins Spiel. Er war gewissermaßen der Mittelsmann, der die 6,7 Millionen Euro unverzüglich von einem Fifa-Konto an Louis-Dreyfus weiterleitete. Ursprünglich zählte auch Linsi zu den Angeklagten in Frankfurt. Sein Verfahren wurde jedoch eingestellt, Linsi zahlte im Gegenzug 150.000 Euro. Aber beitragen zum Prozess könnte er dennoch etwas, findet Richterin Eva-Marie Distler – selbst wenn Linsi das anders sieht. Der 74-Jährige wisse möglicherweise nicht, dass Madeira als Teil Portugals zur Europäischen Union gehöre, sagte die Richterin: „Wenn er nicht kommen will, werden wir vielleicht andere Wege finden.“

Einstellung bedeutet: Veurteilung wäre wahrscheinlich

Dass die Richterin das so deutlich macht, ist ein Signal – an die Öffentlichkeit und die Angeklagten. Nach einer jahrelangen Hängepartie ist man doch noch um Aufklärung in der Affäre um das Sommermärchen 2006 bemüht. Es geht nicht nur um die mögliche Steuerhinterziehung, sondern auch um die Hintergründe. Das ist wohltuend und überraschend. Denn damit war nicht unbedingt zu rechnen. Am ersten Verhandlungstag stellte die Staatsanwaltschaft ein Ende der Verhandlung gegen Geldauflage in Aussicht. Möglich, sagte die Richterin, aber noch nicht jetzt. Erst müssen noch ein paar Fragen gestellt werden.

Wie ernst es dem Gericht ist, wird auch dadurch deutlich, dass die Richterin Uli Hoeneß als Zeugen vernehmen will. Der Ehrenpräsident des FC Bayern München hatte in einer TV-Sendung und in einem Podcast gesagt, er wisse, wofür Beckenbauern einst die zehn Millionen Schweizer Franken Richtung Katar überwies, die den Geldkreislauf erst in Gang setzten. Präziser wurde Hoeneß nicht, das kann er nun vor Gericht nachholen.

Selbst wenn nach einigen weiteren Verhandlungstagen eine Einstellung des Prozesses doch möglich sein könnte, so müssen die Angeklagten zumindest noch einige unbequeme Stunden überstehen. Und sollte es auf dem Weg der Aufklärung zu einem Deal kommen, heißt das auch, dass eine Verurteilung nicht unwahrscheinlich wäre. Denn nur dann ist das Prozessende gegen Geldauflage überhaupt zulässig. Das gilt es zu beachten. foto:dpa

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