Sport & Nachhaltigkeit
Marathon-Events: Das Gewissen läuft mit
Die ungeliebte Holzmedaille steht im Leistungssport als Synonym für verpasstes Edelmetall, für Gold, Silber oder Bronze. Es ist irgendwie eine undankbare Auszeichnung. Vierter Platz? Nein, danke! Die Veranstalter des Köln-Marathons dagegen werben gerade heftig damit, dass am 1. Oktober alle, die nach 42,195 über die Ziellinie laufen, genau das erhalten: eine Medaille aus Erlenholz. Die Holzplaketten aus nachhaltiger Forstwirtschaft in Ungarn ersetzen die Medaillen aus südafrikanischem Zinkmetall. Das spart 21 Tonnen CO
Teilehmer mit 71 Millionen Flugkilometern
So wie in Köln bemühen sich auch die Organisatoren der anderen großen Stadtmarathons seit Jahren um mehr Umweltschutz. Denn ihr Ruf war äußerst schlecht; galten sie doch als Umweltressourcen verschleudernde Massensportevents ohne Gewissen. Beispiel Berlin-Marathon, der an diesem Sonntag über die Bühne geht: 2018 legten die rund 60.000 Teilnehmer sage und schreibe 71 Millionen Flugkilometer zurück, um in der Bundeshauptstadt zu starten. Sie hinterließen 39 Tonnen Abfall, darunter 800.000 Einweg-Plastikbecher, die teilweise nach nur zwei Schlückchen auf dem Asphalt landeten. Die allein durch die Anreise verursachten CO2-Emissionen summierten sich auf knapp 20.000 Tonnen. Das ist etwa so viel, als würde an jedem Marathon-Kilometer ein mittelgroßes Kreuzfahrtschiff stehen und den ganzen Tag die Maschinen laufen lassen. Noch nicht eingerechnet in diese Klimabilanz sind der Import der Finisher-Shirts, der Medaillen, Starterbeutel und Lebensmittel. Und das alles nur, um stundenlang in einem Pulk von Menschen fast atemlos durch die Stadt zu laufen.
Für die 49. Auflage liegen knapp 48.000 Meldungen aus 156 Ländern vor, dazu kommen 95 Handbiker und 61 Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Rollstuhl. Mehr als 4500 Menschen wollen auf Inlinern dabei sein, etwa 8500 Kinder beim Mini-Marathon. Das sind wieder mehr als 60.000 Sportler, von denen eine erhebliche Zahl aus dem In- und Ausland nach Berlin anreisen muss, mit Bahn, Auto und Flugzeug. „Das brauchen wir nicht wegzuwischen“, sagte Geschäftsführer Jürgen Lock vom Veranstalter SCC Events und verweist andererseits auf vielfältige Bemühungen. Becher werden eingesammelt und recycelt. Der Veranstalter kauft CO2-Zertifikate und ruft bei der Anmeldung zu Spenden dafür auf. Gern würde Lock künftig Solar-Panels auf öffentlichen Gebäuden installieren und diese auch mitfinanzieren, damit beim Marathon der eigene Strom genutzt werden kann. So wie in Hessen. Beim Frankfurt-Marathon, der schon 2014 durch den Verband der internationalen Straßenlaufveranstalter mit dem Green-Award für den weltweit umweltfreundlichsten Marathon ausgezeichnet wurde, liefern elf Fotovoltaikanlagen auf den Dächern Frankfurter Gebäude grünen Strom für das Lauf-Event. Jedes Finisher-T-Shirt besteht aus etwa zwölf recycelten Plastikflaschen. 2018 spendeten die Organisatoren einen Euro pro Teilnehmer an ihren Partner und Gastgeber der Pastaparty, die Fattoria La Vialla. Die pflanzte mit dem Geld 4500 Olivenbäume in der Toskana.
Keine Ponchos, Wärmefolien und Klatschpappen
Was bei vielen kleinen und großen Volksläufen und Marathons mittlerweile Usus ist, so zum Beispiel auch in Mannheim, Mainz und Karlsruhe: Die Teilnehmer dürfen kostenfrei (meist das ganze Wochenende) öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Startnummern werden nicht mehr wie früher per Post verschickt, sondern per E-Mail. Die Stadt Mainz verzichtet zudem komplett auf Regenponchos, Wärmefolien und Klatschpappen; bei der Zeitmessung setzt sie auf stets wiederverwendbare Chips. T-Shirts gibt’s nicht mehr einzeln in Plastik verpackt, sondern sie werden in großen Kartons geliefert.
Viele Veranstalter geben nur noch recycelbare Kleiderbeutel aus und verteilen regionale Bio-Produkte (Bananen, Äpfel, Brot). Das bedeutet: kürzere Lieferwege und geringere Emissionen. Was übrig bleibt, landet nicht mehr in der grünen Tonne, sondern wird an Tafeln gespendet. Und in Berlin kann man auch seine gut erhaltenen Laufschuhe, Hoodies, Jogginghosen der Stadtmission schenken.
Fresskörbe mit Bioprodukten statt Pokale
„Eine solche Idee hatten wir noch nicht“, sagt Hartmut Kling, Veranstalter des Pfälzerwald-Marathons dazu. Aber „wir drucken keine Urkunden mehr, die kann man sich im Internet runterladen. Und wir verzichten auf Pokale und überreichen stattdessen erfolgreichen Läufern eine winterfeste Blühpflanze für den Garten.“ Verteilt werden an die Einlaufschnellsten auch Fresskörbe mit Bioprodukten. Der Papiermüll wurde reduziert: Statt einst 1000 Plakaten, die für den Lauf warben, werden nur noch 50 gedruckt. Statt der 30.000 gedruckten Ausschreibungen nur noch 1500. Die Strecke wird mit Sprühkreide statt Markierungsfarbe gekennzeichnet.
Was (vorerst) hingegen weder beim Pfälzerwald-Marathon noch beim Bienwald-Marathon zum Einsatz kommen wird, sind Holzmedaillen. Grund: Die Organisatoren kaufen die Plaketten auf Vorrat und derzeit sind die Lager noch gut gefüllt. Die Planer des Weinstraßen-Marathons wollen die Idee für 2026 prüfen. Dort sind am Veranstaltungstag als Organisationsfahrzeuge E-Autos auf der Strecke im Einsatz. Am Ziel werden bei Bedarf nachhaltige Cool-Down-Blankets ausgegeben, also Wärmefolien, die Schutz vor Kälte, Wind und Regen bieten. Die Blankets bestehen zu 100 Prozent aus Recycling-Kunststoff und können auch wieder komplett recycelt werden. Beim Bienwald-Marathon gibt’s Speisen „fast nur noch auf die Hand“, sagt Markus Poth vom Veranstalter. Und schon seit vielen Jahren gibt es in Kandel keine Startertüten mehr mit Werbematerialien. Denn am Ende lagen „Tüten und Flyer oftmals überall herum“.
Erst Wasserleitung bauen, dann Marathon laufen
Etwas ganz Besonderes in Sachen Nachhaltigkeit haben sich die Macher der weltweiten Impact-Marathon-Serie ausgedacht. Die Athleten reisen an Orte abseits der ausgetretenen Pfade und arbeiten eine Woche lang an Entwicklungsprojekten mit. Am Ende der Woche laufen sie gemeinsam einen Marathon. In einem kleinen Dorf in Nepal hat die Gruppe einst beispielsweise beim Bau einer fünf Kilometer langen Wasserleitung mitgeholfen. Auch in Kenia, Malawi oder Guatemala finden solche Veranstaltungen statt. Das verändere die Welt – und die Menschen, die daran teilnehmen, werben die Impact-Organisatoren.
Engagement in Sachen Umweltschutz und Nachhaltigkeit ist bei den meisten Lauf-Events also erkennbar. Den Klimaaktivisten reicht das allerdings noch nicht. Sie wollen die Megaveranstaltung am Sonntag in Berlin für ihren Protest nutzen und stören. Mitglieder der Letzten Generation hatten das Brandenburger Tor, in dessen Nähe sich das Ziel befindet, vergangenen Sonntag mit oranger Farbe besprüht. In den Tagen danach blockierten sie Straßen. Die Aufmerksamkeit ist ihnen gewiss; das Medieninteresse wird gewaltig sein. Bilder vom Rennen mit dem viermaligen Sieger und Weltrekordhalter Eliud Kipchoge aus Kenia werden am Sonntag in alle Welt übertragen, bereits am Samstag findet der weltweit bedeutendste Marathon für Inline-Skater in der deutschen Hauptstadt statt. In London war man dieses Jahr vorbereitet: Dort hatte man mit der Gruppe Extinction Rebellion eine Vereinbarung getroffen, in der die Aktivisten zusicherten, auf Störungen beim Marathon zu verzichten und die Klimaschutzbemühungen anzuerkennen.
Was den Aktivisten in Berlin bitter aufstoßen dürfte, ist der Namensgeber des Marathons: BMW. Acuh wenn der Münchener Autoherrsteller mittlerweile E-Fahrzeuge produziert, so steht er doch vor allem für Diesel- und Benzinmotoren.
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.