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Konzept solidarische Landwirtschaft: Hier wird Arbeit und Ernte geteilt
Erst wird gearbeitet, dann gespeist. Das gilt auf dem Wahlbacherhof nicht nur für die Hofbetreiber. Auch die Abnehmer ihrer Produkte müssen mal ran. An diesem Karsamstag steht der Aufbau eines zweiten Rollgewächshauses an. Wer kann, der hilft. Freiwillig. Aber die Landwirte Marlene Herzog und Marc Grawitschky sind froh um jede helfende Hand.
Die brauchen sie, um die etwa 80 Hektar große Liegenschaft mit Gemüse- und Obstanbau, Mutterkühen und Jungrindern zu bewirtschaften. Das feste Team, derzeit acht Köpfe, kann nicht alles stemmen. Einmal im Monat eine Stunde helfen – das ist daher Richtschnur für die festen Abnehmer. Egal, ob beim Bauen, Jäten oder Ernten. Wenn auch 2026 ein gutes Jahr wird, ist ohnehin jede Hand wichtig. Allein bei Kartoffeln und Äpfel wurden 2025 jeweils etwa 20 Tonnen geerntet.
Dass die Abnehmer mitanfassen, ist Teil des Betriebskonzepts, weswegen sie auch „Mit-Macher“ und keine „Kunden“ sind. Der Wahlbacherhof wird seit über zehn Jahren nach dem Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft bewirtschaftet. Was heißt: Private Haushalte tragen mit monatlichen Beiträgen die Kosten der gesamten landwirtschaftlichen Leistung und erhalten dafür Anteile vom Ertrag: ob Äpfel, Karotten, Kohl, Kürbis oder Rinderbraten. Alles frisch und „bio“, denn der Wahlbacherhof arbeitet schon seit Jahrzehnten nach den Richtlinien des „Bioland“-Verbandes.
Für ein Wirtschaftsjahr verpflichten sich Mit-Macher, den Betrieb zu finanzieren. Dafür erwerben sie Anteile von den Hofbetreibern. Der Ertrag aus einem Anteil entspricht jener Menge an frischen Lebensmitteln, die zwei bis drei Personen pro Woche im Schnitt verbrauchen, erklärt Marlene Herzog. Insgesamt 155 Anteile vergibt der Hof zu Beginn des Wirtschaftsjahres. Damit können sie etwa 500 Kindern und Erwachsenen aus der Umgebung übers Jahr eine feste Grundversorgung mit saisonalen Lebensmitteln bieten. Die Bauern ihrerseits können sich auf ihre Arbeit konzentrieren. Denn ihr Betrieb ist für ein Jahr gesichert. Nicht nur der Ernteertrag, sondern auch Risiken wie Ernteausfälle werden solidarisch geteilt.
Der monetäre Wert eines Anteils hängt von den fürs Jahr ermittelten Betriebskosten ab, etwa für Personal, Jungpflanzen, Saatgut, Instandhaltung. Ihren Finanzplan stellen die Hofbetreiber auf der jährlichen „Bieterrunde“ der Interessenten vor und dabei ihren Richtwert pro Anteil. Den muss aber nicht jeder Interessent bezahlen. Auch das gehört für die Hofbetreiber zum Solidaritätsgedanken: dass der besser Betuchte etwas mehr bezahlt als der sozial Schwächere.
Immer genug Kapital
Und so schreibt jeder den Betrag, den er zahlen kann, anonym auf eine Karte. Wenn am Ende alle Beiträge die Gesamtkosten decken, dann passt es. Wenn nicht, wird eine zweite Bieterrunde eingeläutet. Theoretisch. Denn in den vergangenen zehn Jahren, berichtet Marlene Herzog, kam die erforderliche Summe immer sofort zusammen und wurde sogar übertroffen – was mehr reinkommt, geht in die Rücklage. Bei der diesjährigen Bieterrunde im März kam der Bedarf – 288.000 Euro – erstmals nicht sofort zusammen. Die gestiegenen Lebenshaltungskosten hätten, glaubt Marlene Herzog, viele vorsichtig werden lassen. Am Ende passte es doch; jeder legte einen Euro drauf. Ein Anteil für vegane Ernährung ist nun 142 Euro im Monat wert, mit Fleisch 170 Euro. Kleine Familien kommen meist mit einem Anteil aus, weiß Marlene Herzog. Sie und ihr Mann Marc brauchen zwei Anteile. Denn beide arbeiten körperlich auf dem Hof und bekochen dazu täglich auch ihre drei Kinder.
Im Mai 2015 haben Marlene Herzog und Marc Grawitschky den Hof von Manfred Nafziger übernommen – und ihn mit ihrem Konzept einer Solidarischen Landwirtschaft, kurz: Solawi, überzeugt. So passte es für beide Seiten. Die jungen Leute, frisch von der Uni Kassel, wo sie Ökologische Landwirtschaft studierten, konnten starten ohne Bank-Kredit, der überzeugte Bioland-Bauer Nafziger fand passende Nachfolger. Es entstand eine Kommanditgesellschaft, die Marc Grawitschky führt. Mitmacher aus der Umgebung fanden sich schnell; mit 100 Anteilen konnten sie starten. Bis heute gibt es eine Warteliste. Viele bleiben länger als ein Jahr dabei, auch Familien mit Kindern. Gerade die Kleinen lernten so viel über Lebensmittel, stellt Grawitschky fest.
Modell macht Schule
Als das junge Paar den Wahlbacherhof umstellte, gab es bundesweit etwa 30 „Solawis“. Inzwischen sind es zirka 500, wie das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft informiert. 33 sind es in Rheinland-Pfalz plus Gründungswillige, auch in der Pfalz. Vor allem seit 2010 ist die Anzahl der Betriebe gestiegen. Während es früher oft Neugründungen durch Verbraucher waren, beobachten sie nun beim Netzwerk, dass zunehmend bestehende Betriebe umstellen.
Wissenschaftler sehen in diesem Modell eine Chance, um kleinere Betriebe der heimischen Landwirtschaft zu stützen. Das Konzept wirke auf den Großteil der umgestellten Betriebe wirtschaftlich stabilisierend, stellt der Nachhaltigkeitsökonom Marius Rommel fest. Er gehört zu einem Team aus Wissenschaftlern der Universität Siegen und des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung, das sich in dem vom Bund geförderten und nun abgeschlossenen Projekt „SolaRegio“ mit Chancen und Risiken dieser Betriebsform vor allem in strukturschwachen Regionen beschäftigt hat. Auch vor dem Hintergrund ökologischer Verwerfungen und der Anfälligkeit globaler Wertschöpfungsketten, von denen der Agrarsektor und die Nahrungsmittelindustrie zunehmend abhängig geworden sind.
Genügend Mitglieder müssen es sein
Themen, die auch die 2020 von der Bundesregierung eingesetzte Zukunftskommission Landwirtschaft beschäftigten. Sie befürwortet Förderung der landwirtschaftlichen Vielfalt und neuer Modelle. Wie etwa die Solidarische Landwirtschaft eines ist.
Dass dieses Modell Unterstützung braucht, unterstreichen die Wissenschaftler. Risiken lägen vor allem darin, die notwendige Anzahl an Solawi-Mitgliedern zu finden. Vielen Landwirten fehle dafür aber Zeit. Akteure wie das Solawi-Netzwerk, Kammern, Ministerien könnten helfen.
Potenzial gebe es. Denn im Vergleich zur konventionellen Vermarktung seien Solawi-Betriebe unabhängiger von Marktdynamiken, durch die ökologische Arbeitsweise weniger abhängig von externen Düngern. Die Kosten für Mitglieder seien häufig nicht höher als jene, die für die gleiche Menge an ökologisch produziertem Gemüse zu zahlen seien, da Logistik und Vermarktung wegfielen.
Ein guter Mittelweg
Der Ökonom und Projektleiter Niko Paech von der Universität Siegen hält diese Wirtschaftsform für einen „idealen Mittelweg zwischen zwei Extremen“: zwischen der industrialisierten Landwirtschaft, die ökologische Schäden verursache und durch ihre Marktabhängigkeit krisenanfällig sei, und der radikalen Selbstversorgung, die viele überfordere. Solidarische Landwirtschaft hebe die Arbeitsteilung nicht auf und ermögliche den direkten Kontakt zum Erzeuger.
Dass die „Mit-Macher“ dem Bauern zu dicht im Nacken sitzen, kann Marc Grawitschky nicht bestätigen. Ihre Mitglieder vertrauten ihnen, sagt er. Umgekehrt ebenso: Beim Abholen der Ernte am Hof bedienen sich Mit-Macher selbst. Beide Seiten verbindet schließlich mehr als geteilte Ernte: der Wunsch nach nachhaltiger Landwirtschaft. Denn auch dafür bezahlen Mit-Macher: dass Mutterkühe und Kälber zusammenbleiben, männliche Rinder stressfrei auf dem Hof getötet werden, dass es Vielfalt mit über 40 Gemüsesorten gibt, Kreislaufwirtschaft, schonende Bodenbearbeitung.
Modell mit Zukunft
Reich, sagen Marlene Herzog und Marc Grawitschky, würden sie damit nicht. Aber Gewinn sei auch nicht Ziel der Solidarischen Landwirtschaft. Bisher ist ihre Rechnung aufgegangen; auch für Investitionen reichte es.
Völlig abgekoppelt vom Markt sind sie zwar nicht. Auch sie müssen suchen, wenn sie Personal brauchen. Auch sie leiden unter hohen Spritpreisen. Aber den Preisdruck, dem etwa Milchbauern oft ausgesetzt sind, kennen sie nicht. Bereut haben die 43-Jährigen ihren Schritt nicht: Die Solidarische Landwirtschaft sei sicher nicht für jeden geeignet, sagen sie. Aber sie habe Zukunft.
Die Serie
Dieser Artikel gehört zur Serie „Unternehmen aus der Nähe“. Dabei stellen wir Firmen aus der Region als Beispiel für ein allgemeines Wirtschaftsthema vor. Start war am 8. Juni 2024 mit dem Thema Investitionen.
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.