Kommentar
Inklusion in Schulen: Nachsitzen, liebe Bildungsminister!
Lehrermangel, mehr Kinder, die sitzen bleiben, Unterrichtsausfall – es gibt wohl kaum Eltern, die beim Thema Schule nicht die Augen verdrehen. Längst sind wir nicht mehr das Land der Dichter und Denker, sondern das Land der Sitzenbleiber und Schlusslichter. Im öffentlichen Diskurs darüber kommt ein Thema indes zu wenig vor: die Inklusion. Zugegeben, hier sind die Herausforderungen besonders schwer, weil es um einen Paradigmenwechsel geht: Es muss Lehrpläne geben, aber es braucht in der Breite mehr Förderung, damit alle Schüler ihn erarbeiten können.
Es ist ein heikles Thema, bei dem sich niemand in die Nesseln setzen will – wir leben ja in einer toleranten Gesellschaft. Natürlich finden auch alle Inklusion grundsätzlich wichtig und richtig. Aber es ist eben ein Minderheitenthema. In Rheinland-Pfalz reden wir von 1,6 Prozent eines Schuljahrganges, so viele Kinder haben offiziell einen erhöhten Bedarf an Förderung. Das sind Kinder mit körperlichen Einschränkungen und/oder einer geistigen Behinderung. Nicht dabei sind der zunehmende Anteil von Kindern mit einer Lernschwäche. Ein großer Teil dieser Kinder kommt aus prekären Verhältnissen, häufig mit einen Migrationshintergrund.
Behindertenbeauftragter: Weg mit Förderschulen
Ein Beispiel aus einer Schule in Mainz: Ein Kind wird aus der dritten Klassenstufe in die zweite Klasse zurückgestuft. Als es dann wieder die dritte Klasse erreicht hat, heißt es kurz vor den Herbstferien plötzlich: Der Schüler kommt nicht mehr, wechselt auf eine Förderschule. Dieses Kind hat keine körperliche oder geistige Behinderung, es passte nur nicht in das Schema F. Es war zu langsam, konnte nicht gut Deutsch, brauchte ständig Hilfe. Dafür blieb an der Grundschule keine Zeit.
Dabei ist das erklärte politische Ziel der Mainzer Landesregierung die Inklusion. Auch fordert der Behindertenbeauftragte des Bundes, Jürgen Dusel, Sonderschulen und Förderschulen seien auf lange Sicht abzuschaffen und die Förderschullehrer in das Regelsystem zu integrieren. So könnten Kinder mit und ohne Behinderung, Kinder mit und ohne Lernschwäche nebeneinander und voneinander lernen.
Mehr Zeit, mehr Personal, mehr Geld
Unser Schulsystem hat viele Schwächen, und eine der größten ist, dass eine individuelle Förderung quasi unmöglich ist. Ein chancengleiches Schulsystem sollte jedem Kind gerecht werden. Dafür braucht es: mehr Zeit, also mehr Personal, sowohl Lehrer als auch Sozialpädagogen. Ein erster Schritt, um gerade in den rheinland-pfälzischen Grundschulen voranzukommen, wäre übrigens eine bessere Bezahlung.