Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Immobilienskandal: Bude bleibt den zweiten Winter in Folge kalt

In etwa die Hälfte der ursprünglich 20 Mietparteien im Haus an der Ludwigshafener Heinigstraße ist inzwischen ausgezogen. Es dro
In etwa die Hälfte der ursprünglich 20 Mietparteien im Haus an der Ludwigshafener Heinigstraße ist inzwischen ausgezogen. Es droht schließlich der zweite Winter in Folge ohne Heizung. Der Bürotrakt im vorderen Gebäudeteil steht schon seit Längerem weitgehend leer.

In einem Haus an der Heinigstraße in Ludwigshafen müssen sich die Mieter auf den zweiten Winter ohne Heizung einstellen. Die mutmaßlich Verantwortlichen: nicht greifbar.

Es wird allmählich einsam um Gerhard Krämer*. Die direkte Nachbarin ist vor Kurzem ausgezogen. Weiter hinten im Flur mit wie gehabt nicht funktionierender Gangbeleuchtung wohnt noch eine Partei, schräg über Krämer lebt der Rentner, der sich im Winter wahlweise zwei Pullover oder fünf T-Shirts überstreift.

Was auf einen der Gründe verweist, warum es einsam wird um Gerhard Krämer: Es steht der zweite Winter ohne Heizung an, im markanten Haus mit den grünen Fassaden an der Ludwigshafener Heinigstraße, gegenüber der Baustelle des neuen Ludwigshafener Polizeipräsidiums. Weshalb sich das Haus langsam leert, und Krämer sich fragt, was er jetzt eigentlich machen soll. „Wenn ich irgendwo (wegen einer Wohnung, d. Red.) hinkomme, dann fragen die: Wie alt sind Sie?“, sagt Krämer, der in Hausschlappen auf dem Sofa seiner Einraum-Wohnung sitzt, deren Baddecke undicht ist. Die richtige Antwort lautet übrigens: 87 Jahre. Und die notwendige Ergänzung dazu lautet: 2,2 Millionen seniorengerechte Wohnungen fehlen in ganz Deutschland laut einer Studie des Pestel-Instituts von 2023. Und Skandale wie der um die Ludwigshafener Immobilien des Michael M. entspannen die Problemlage tendenziell eher nicht.

Die Fäden laufen in London zusammen

Diese Zeitung hat über den Fall mehrfach berichtet: Mittels Einzelfirmen hält der deutsche Geschäftsmann Michael M. wenigstens fünf Mietshäuser in Ludwigshafen. Gesellschafterin jener in Wiesbaden ansässigen Einzelfirmen laut Handelsregister: die Londoner „MC Immobilienkontor Ltd“, deren Direktor der 62-jährige Michael M. ist. In mehreren jener Immobilien sind monatelang keine Nebenkosten an den Versorger abgeführt worden – und der, die Technischen Werke Ludwigshafen (TWL), hatte zwischenzeitlich mit Liefersperren für Strom, Gas und Wasser gedroht. Gegen Michael M. hatte die Staatsanwaltschaft Frankenthal ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, Verdacht auf Betrug und Untreue.

In allen betroffenen Immobilien sind inzwischen laut TWL-Justiziar Ralf Kuhn Notgemeinschaften eingerichtet – das heißt, die Mieter zahlen ihre Energiekosten direkt an die TWL. Gute Nachricht für Krämer: Der Abschlag für Wasser wird laut aktuellem TWL-Schreiben billiger, es wohnen eben immer weniger Menschen im Haus an der Heinigstraße. Schlechte Nachricht: Die Nachzahlungen für Strom waren beträchtlich – weil Krämer seine Einraumwohnung mit einem Heizlüfter warm bekommen muss. Die Zentralheizung wurde von einem mutmaßlich ebenfalls unbezahlten Kontraktor betrieben, und deshalb ist der Ofen schon lange aus. Was dann wohl auch die zunehmende Flucht aus dem Haus miterklärt: Als Mieter muss man sich fragen, ob man im kommenden Jahr 2000 Euro an Strom-Nachzahlungen leisten will – oder ob das Geld in einem Umzug nicht wesentlich besser angelegt ist.

Eine weitere der Immobilien im Besitz der Londoner Ltd.: Das Mehrparteienhaus in der Berthold-Schwarz-Straße. Der Edeka-Markt im
Eine weitere der Immobilien im Besitz der Londoner Ltd.: Das Mehrparteienhaus in der Berthold-Schwarz-Straße. Der Edeka-Markt im Erdgeschoss wird im Dezember schließen – was voraussichtlich zu Leerstand führen wird.

Illustriert im Kleinen, was Geschehnisse wie die um die Ludwigshafener Häuser des Michael M. eben auch sind: So etwas wie städtebauliche Neutronenbomben. Die Heinigstraße leert sich, und zurück bleiben die, die kaum noch wegkönnen. In einem Mehrparteienhaus an der Friesenheimer Berthold-Schwarz-Straße, ebenfalls von der Londoner Ltd. des Michael M. gehalten, wird ab Mitte Dezember der Ankermieter fehlen: Der Edeka-Markt ebendort schließt, das heißt: Leerstand im Erdgeschoss, und der ist eben ein auf Bodenhöhe sichtbarer Beleg für das „Downgrading“ von Immobilien. Und dessen Abstrahlung ins Quartier, inklusive schwindender Nahversorgung.

Die Mietforderungen waren für den Zustand der Immobilie schlicht zu hoch, sagt Markt-Inhaberin Ute Weis, „die Heizung geht nach wie vor nicht“, irgendwie gleichen sich die Bilder. Zudem habe sie sich an der Sanierung des Daches finanziell beteiligen sollen, sagt Weis – als reine Bestandserhaltung wäre das eigentlich alleinige Sache des Vermieters. Einen potenziellen Nachmieter für das Ladenlokal im Erdgeschoss habe es gegeben, meint Weis, genauso wie einen Kaufinteressenten für das gesamte Anwesen. Beiden sei es allerdings bislang nicht gelungen, Kontakt zur Hausverwaltung aufzunehmen. Den Hausverwalter hat diese Zeitung in der vergangenen Woche einmal mehr um Stellungnahme gebeten. Es kam auch dieses Mal keine.

Züge des absurden Theaters

Es ist dies eine Geschichte, die zunehmend Züge des absurden Theaters trägt, wir warten auf Godot beziehungsweise Michael M. Von Handwerkern, die kürzlich im Haus an der Heinigstraße zugange waren, will Krämers Betreuer Steffen Weise erfahren haben, dass M. dieser seiner Immobilie höchstselbst einen Besuch abstatten könnte. Bis Mittwoch jedenfalls war M. laut Hausbewohnern dort allerdings nicht erschienen. Ins Leere läuft zurzeit auch Willibrord Zunker, Rechtsanwalt und stellvertretender Vorsitzender des Landes-Mieterbundes: Eigentlich würde Zunker das Haus an der Berthold-Schwarz-Straße, dessen Notgemeinschaft er organisiert hat, gerne unter Zwangsverwaltung stellen lassen.

Den Antrag dafür beim Amtsgericht zu stellen, „ist nicht das Problem“, sagt Zunker – „das Problem wird die Zustellung sein“. Die Hausverwaltung der betroffenen Ludwigshafener Immobilien sitzt an einer gemeinsamen Postadresse in Wiesbaden – und telefonisch oder postalisch antwortet da schon lange keiner mehr, auch diese Zeitung hat es fernmündlich schon öfter versucht.

Zwangsversteigerung ist geplant

Für das Haus an der Heinigstraße läuft nach aktueller Auskunft des Amtsgerichts Ludwigshafen auch weiterhin ein Verfahren zur Zwangsversteigerung, ein Termin für die Versteigerung steht noch nicht fest. Zurzeit wird laut Amtsgericht ein Wertgutachten erstellt, und vielleicht steht der Handwerkerbesuch damit in Verbindung: Im Versuch, die Problemimmobilie ein wenig aufzuhübschen. Später Versuch indes: Die Gutachterinnen waren laut Krämer und Weise schon vor einiger Zeit im Haus.

Wer dann auf die Immobilie steigern sollte, ein Haus mit defekten Fahrstühlen, ohne beheizte Wohnungen und mutmaßlich kostspieliger unter anderem energetischer Sanierung, das bleibt dann die große Frage. Es überwiegt im Haus an der Heinigstraße die Angst, letztlich nur vom Regen in die Traufe zu kommen.

Man verliert den Glauben, nicht nur an der Heinigstraße, und auch das ist ein Effekt des langsamen Verkommens vom Immobilien. „In unserem Land hätte ich so etwas eigentlich nicht erwartet“, sagt Caroline Kirstein, Geschäftsfrau und mit ihrem Internet-Versandhandel in einer weiteren vom Skandal betroffenen Immobilie ansässig, dem „Notwende-Center“. Die Immobilie steht im Übrigen bereits unter Zwangsverwaltung unter der Ägide einer Mannheimer Kanzlei, stehen laut Kirstein im Wortsinne. „Es passiert hier nichts“, sagt sie.

Die TWL hat laut Justiziar Kuhn in der Zwischenzeit „eine Kanzlei beauftragt, unsere Forderungen in England geltend zu machen“ – also einen vollstreckbaren Titel in die Hand zu bekommen. Und damit irgendwie auch Michael M.s habhaft zu werden. Wird wohl nicht einfach werden: M. hat auch in dieser Woche nicht auf eine Anfrage dieser Zeitung geantwortet.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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