Gesundheit RHEINPFALZ Plus Artikel Gefangen im deutschen Pflege-Labyrinth: Ein durch und durch subjektiver Erlebnisbericht

Austherapiert– und dann? Bei der Suche nach Reha-Plätzen nach einem Klinikaufenthalt sind die Krankenhäuser zum sogenannten Entl
Austherapiert– und dann? Bei der Suche nach Reha-Plätzen nach einem Klinikaufenthalt sind die Krankenhäuser zum sogenannten Entlassmanagement verpflichtet, um Patienten auf dem Weg zur weiteren Betreuung zu helfen. Auf die Frage, wie viele Patienten im Seniorenalter die Wartezeit auf Reha-Plätze in Kurzzeitpflege und/oder zu Hause überbrücken müssen, teilt das Mainzer Sozialministerium mit: »Pauschale Aussagen zu individuellen Leistungen von Krankenhäusern in Rheinland-Pfalz sind nicht möglich.«

Eine 89 Jahre alte Westpfälzerin verletzt sich bei einem Sturz schwer, und ihr Sohn macht sich für sie auf die Suche nach der richtigen Versorgung. Der Sohn ist unser Autor, der seine Erfahrungen hier zusammenfasst.

Meine Mutter ist 89 Jahre alt und lebt – normalerweise – in einem Dorf in der Westpfalz im Eigenheim, das sie zusammen mit meinem verstorbenen Vater gebaut hat. Ende April ist sie im Wohnzimmer gestürzt und brach sich den Oberschenkelhals. Sie konnte nicht mehr aufstehen, das Handy lag auf dem Tisch. Eine Bekannte, die ihr bei der Hausarbeit hilft, fand sie am nächsten Morgen. Seitdem befinden sich meine Mutter und ich im Irrgarten zwischen Hospitälern, Kranken- und Pflegeversicherungen, Reha-Kliniken, Physiotherapeuten und Pflegeheimen. Unsere Erfahrung: Sämtliche Institutionen scheinen chronisch unterbesetzt zu sein. Keine neue Nachricht angesichts des Fachkräftemangels. Aber doch eine Nachricht für jene, die den Mangel nun im Alltag erleben.

Ich suche für meine Mutter nach Behandlung, Betreuung, Unterstützung und Hilfe aller Art. Das heißt konkret: Wenn ich nach mehreren telefonischen Anläufen überhaupt jemanden erreiche, ist es so gut wie immer derjenige, der nicht zuständig ist oder meine Frage nicht beantwortet kann. Dann heißt es abwechselnd flötend freundlich oder auch unwirsch entnervt: „Da müssen Sie morgen noch mal anrufen.“

„Der Teilnehmer möchte nicht“

Beim Anläuten in einer Arztpraxis habe ich neulich eine mir bisher unbekannte Bandansage kennengelernt. Statt „zurzeit nicht erreichbar“ sagte die elektronische Frauenstimme diesmal: „Der Teilnehmer möchte Ihren Anruf im Moment nicht entgegennehmen.“ Es ist wohl die neue Interpretation des Hippokratischen Eids im Digitalzeitalter. Noch mehr in Rage bringt mich allerdings die mündliche, zum Abschluss eines Gesprächs drängende Ankündigung „Ich geb’s weiter“, die immer ein bisschen nach Götz-Zitat klingt.

Offizielle Anlaufstellen – vor allem die gesetzlichen und privaten Versicherungsgesellschaften – sind fast ausschließlich telefonisch zu erreichen. Auf die Mitteilung, zurzeit seien „alle Mitarbeiter im Gespräch“, folgen Dudelmusik, mehr oder minder nützliche Vorsorge-Tipps und bis zu 45 vergeudete Minuten. Die anschließend per Telefon geforderten Unterlagen „können“ (!) dann nur postalisch akzeptiert werden. Meine von mehreren Einrichtungen angeforderte Pflegevollmacht gilt selbstverständlich stets nur mit Beglaubigung.

Die „Kurzzeit“ wird länger und länger

Im Krankenhaus, in dem meiner Mutter per Operation ein Nagel eingesetzt wurde, gibt es einen Sozialdienst. Die Mitarbeiterin schrieb für uns fünf Reha-Kliniken an und bekam fünf Absagen. Nicht aus medizinischen oder therapeutischen, sondern einfach aus Kapazitätsgründen. Trotzdem galt meine Mutter – derzeit gehbehindert, aber ohne weitere physische oder geistige Beeinträchtigungen – fortan als „austherapiert“. Die weitere Suche nach einer Klinik zur Wiedereingliederung blieb mir überlassen.

Ich holte Informationen ein beim Sozialverband Deutschland, bei Sozialstationen und anderen Beratungsstellen – und telefonierte selbst viele umliegende und entferntere Reha-Einrichtungen ab. Weil meine Mutter trotz allem noch nicht in die eigene Wohnung zurückkehren sollte, suchten wir zeitgleich nach einer Kurzzeit-Pflegeeinrichtung und fanden auch eine. Aber die „Kurzzeit“ wurde länger und länger. Gegen das Haus und Betreuung ist nichts zu sagen. Das Personal allerdings erscheint zuweilen gestresst, nicht nur im personell unzureichend besetzten Nachtdienst. Mitunter sind die vom Zeitdruck geplagten Pflegekräfte sehr kurz angebunden. Ausnahmen bestätigen die Regel. Aber: Die Notwendigkeit persönlicher Zuwendung und Ansprache scheint keineswegs allen Mitarbeitenden bewusst zu sein.

Das mit den individuellen Schrullen

Klare Sache: Zeitdruck, Stress, die Schwerhörigkeit vieler Bewohner sowie gravierende sprachliche Defizite vieler Pflegekräfte verhageln die Allgemeinstimmung in den Einrichtungen. Und fairerweise muss ich sagen: Hinzu kommt, dass wir alle mit fortschreitendem Alter Eigenheiten entwickeln, die unser Umfeld in Stress versetzen können. Aber: Ich spreche hier nicht von Schikanen oder cholerischen Ausbrüchen, sondern von individuellen Schrullen, die wir alle pflegen – in der Hoffnung, dass unsere Mitmenschen damit zurechtkommen. Im normalen Leben klappt das normalerweise mühelos. Im Pflegealltag klappt es eher nicht.

Gehübungen nach Knochenbrüchen gehörten im Pflegeheim meiner Mutter nicht zum Leistungsumfang. Die machte meine Mutter am Rollator ausschließlich mit mir, was tägliche Besuche bedingte – in meiner variablen Mittagspause, nach Feierabend, an freien Tagen. Wegen Überlastung, Personalnot, Krankenstand und/oder Urlaubszeit kam auch kein Physiotherapeut ins Heim. Das heißt: Suche nach einer Praxis auf eigene Faust, Abstimmung mit der Krankenkasse, Rezept vom Hausarzt, Transportschein, Taxi. Letzteres fuhr einmal zur falschen Zeit und ein andermal zur falschen Praxis. Kann passieren. Passt aber ins Bild.

Zwar erflehten, erbettelten und, ja, ergatterten wir zwischendurch ein Bett in einer geriatrischen Akut-Reha-Einrichtung im Saarland. Aber auch dort musste meine Mutter bald wieder raus – „austherapiert“ – und zurück ins Heim, ehe wir – übrigens nur durch Fürsprache eines befreundeten Arztes – endlich eine Reha-Klinik in der Südpfalz auftaten. Dort wurde meine Mutter gut und umfassend versorgt. Meine Besuche wechselten vom täglichen zum wöchentlichen Turnus.

Nochmal von vorn

Schließlich konnte meine Mutter Anfang August endlich in die eigene Wohnung zurückkehren – und brach sich nach zehn Tagen dasselbe Bein noch einmal. Wieder Krankenhaus, wieder Operation, wieder Suche nach einer freien Reha-Klinik. Diese Suche dauert noch an. Die Telefoniererei mit diversen Kliniken, Versicherungen und Ärzten geht weiter. Warteschlangen, Wartezimmer, Wartelisten und die vermaledeiten, an Irrsinn grenzenden Warteschleifen. Auch eine passende, der deutschen Sprache mächtige Pflegekraft für daheim muss noch gefunden werden. Nebenbei arbeite ich in meinem Beruf.

Meine Mutter und ich teilen diese kräfte- und geduldzehrende Erfahrung mit Hunderttausenden Menschen in Deutschland. Was können wir, was können unsere Eltern und Großeltern bloß tun?

Pflege: Zahlen und Fakten

Der Fachkräftemangel: Die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland ist in den vergangenen Jahren deutlich stärker gestiegen als die Zahl der Beschäftigten in der Pflegebranche. Es dauert zudem immer länger, bis offene Stellen in Kliniken und Pflegeheimen besetzt werden können, bei gleichzeitig gestiegener Arbeitslosigkeit von Pflegerinnen und Pflegern. Entsprechende Zahlen hat das Bundesarbeitsministerium auf Anfrage der AfD vorgelegt. Die Antwort des Ministeriums liegt der Deutschen Presse-Agentur vor. 2015 gab es demnach insgesamt knapp 2,9 Millionen Pflegebedürftige in Deutschland. Ende 2023 waren es 5,6 Millionen, also fast doppelt so viele. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Kranken- und Altenpflege von rund 1,5 auf nur etwa 1,85 Millionen. Im Oktober waren bei der Bundesagentur für Arbeit den Angaben zufolge etwa 34.000 offene Stellen in der Pflege gemeldet. Im Schnitt dauert es in der Krankenpflege inzwischen ein Dreivierteljahr (269 Tage), um eine offene Stelle zu besetzen. 2015 waren es noch 136 Tage. In der Altenpflege dauert es mit 296 Tagen noch länger. Während sich die Personalsuche in Kliniken und Pflegeheimen zunehmend schwieriger gestaltet, steigt gleichzeitig die Zahl der arbeitslos gemeldeten Pflegekräfte (Altenpflege: knapp 40.000, Krankenpflege: 20.000).

Die Lage in Rheinland-Pfalz: Aktuell stehen in Rheinland-Pfalz 45.768 Plätze in stationären Pflegeeinrichtungen und betreuten Pflege-Wohngemeinschaften zur Verfügung. Bis zum Jahr 2050 wird eine Zunahme auf dann 59.000 Pflegebedürftige prognostiziert. 469 stationäre Pflegeeinrichtungen, 123 betreute Wohn-Pflegegemeinschaften und 50 Intensivpflege-Wohngemeinschaften waren zum 1. November 2024 beim Landesamt für Soziales registriert. Davon stehen 277 in gemeinnütziger, öffentlich-rechtlicher oder kommunaler Trägerschaft. 192 Angebote befinden sich in privater Trägerschaft. 150 Beschwerden von Bewohnern einer Pflegeeinrichtung gingen zwischen Januar und Oktober 2024 beim Landesamt für Soziales ein. Bei Problemen und Konflikten können sich Bewohnerinnen außerdem an die Ombudsstelle beim Landesamt wenden.

Eigenbeteiligung: Zwischen 2032 und 2924 Euro Eigenbeteiligung pro Monat müssen zu Pflegende laut Verband der Ersatzkassen in Rheinland-Pfalz durchschnittlich aufbringen. 17.555 Menschen erhielten 2022 in Rheinland-Pfalz Hilfe zur Pflege, davon lebten 15.280 in einer Einrichtung. Die Ausgaben der Sozialhilfeträger lagen insgesamt bei rund 189 Millionen Euro jährlich. Den Sozialhilfeträgern entstehen für die Hilfe zur Pflege im Schnitt Ausgaben von 10.800 Euro pro Person und Jahr.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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