Reise
Früher Turnhalle, heute Wohnhaus und Büro
Einer durfte dableiben. Er hat sogar einen Ehrenplatz. An der Wand auf der Küchenseite ist ein Ziegel herausgebrochen. In dieser Lücke liegt er, der Tischtennisball, und erinnert daran, dass dieses Haus einmal eine Sporthalle war. Ein schlichtes Gebäude, neben Obstwiesen am Ortsrand der Gemeinde Gerstetten auf der Ostalb erbaut. Vor 100 Jahren war das, zu Zeiten von Turnvater Jahn, als die Menschen erkannten, dass Bewegung gut für Geist und Körper ist.
Als Ende der 1960er eine größere Halle gebaut wurde, nutzten Tischtennisspieler das Gebäude. Als die auszogen, stand das Gebäude zum Verkauf. „Wir haben nach einem Haus gesucht, wollten aber nicht bauen“, sagt der Architekt Kay-Peter Thierer. Seine Großmutter wohnte hier und ihm und seiner Familie gefällt es auf der Alb. Der Vater eines Freundes wusste davon und fragte: „Kay, wäre das nicht etwas für dich?“ Weil ein Architekt sich vorstellen kann, was aus einem Bau alles zu machen ist, sagte er ja. „Wir wollten im Bestand bauen, weil wir die Energie interessant finden, die in so einem alten Gebäude steckt“, sagt Thierer. In dem Haus hatte der Architekt mit einer Menge Energie, auch sportlicher Natur, zu tun. „Beim Rückbau kamen uns immer wieder Tischtennisbälle entgegen“, sagt er bei einem Rundgang durchs Haus. Und weil er die Historie des Hauses achtet, findet sich nicht nur in einer Wandnische ein Ball, sondern im Eingangsbereich ausgemusterte Bänke sowie ein Turnbock. Der Griff der Eingangstür besteht aus einem ausrangierten Barrenholm aus der Gerstetter Turnhalle.
So licht und hell es jetzt überall ausschaut – es wurde viel Altes, Verbautes abgetragen, alter Putz, innen Styropor, Teppiche auf Spanplatten. In die offene Halle zog der Architekt zwei Zwischendecken aus Massivholz, so kommt das Büro jetzt auf 108 Quadratmeter Fläche, der Wohnbereich auf 188 Quadratmeter. Das Fachwerk und die alten Ziegelwände sind im Inneren wieder zu sehen, nach Süden öffnet sich der Raum mit bodentiefen Fenstern hinaus zur Büroterrasse. „Ich wollte einfache, rohe Materialien verbauen“, sagt der Architekt. Stahl, Holz Kalkputz an den Wänden, angenehm weiches Korklinoleum für den Fußboden: „Wir konnten zu 90 Prozent ökologische Baustoffe verwenden.“ Auch dafür gab es von der baden-württembergischen Architektenkammer den Preis „Beispielhaftes Bauen“.
Im Erdgeschoss links befindet sich ein Küchen- und Besprechungsraum des Architekturbüros, im ersten Stock, den man über eine Treppe aus rohem Schwarzstahl erreicht, sind ebenfalls Arbeitsplätze. Auf der rechten Gebäudeseite mit einem eigenen Eingang wohnt der Architekt mit seiner Familie. Wohn-, Ess- und Küchenbereich im Erdgeschoss gehen offen ineinander über. Die Thonet-Stühle, noch mit den Originalstoffbezügen aus den 1980ern, hat die Ehefrau Eva-Maria Gerstner mitgebracht.
Einbaumöbel sind aus Siebdruckplatten gefertigt
Die selbst entworfenen Einbaumöbel sind aus Siebdruckplatten. Kein teures Material, sieht aber fein und lässig aus. Thierer zieht die kleinen und großen Schubladen auf, viel Stauraum, Platz für Gewürze – abgestimmt auf die vielen Bedürfnisse, die passionierte Hobbyköche halt so haben.
Treppen aus Siebdruckplatten und Stahlgitterrost führen hinauf ins Obergeschoss. Hier finden sich Bad und Schlafräume, Trennwände sind zugleich beidseitig verwendbare Schränke. Von hier oben schaut man auch aufs extensiv begrünte Garagendach und bei gutem Wetter auf die Alpensilhouette.
Wenn ein Architekt für sich selbst baut, kann er zeigen, was alles möglich ist. Zum Beispiel, dass hier Altes nicht historisierend saniert wird, sondern im neuen Gewand daherkommt. Aus dem architektonischen Vorzeigegebiet Vorarlberg in Österreich hatte er die Idee zu einer Gebäudehülle aus robusten Netzen mitgebracht, die Bauern dort für Obstbäume zum Vogelschutz nutzen.
Dahinter verbirgt sich eine hinterlüftete Fassade – Holzrahmen mit Zellulosedämmung und Holzfaserplatten, gedämmt ist das Haus mit recycelter Zellulose. Auf den groß verglasten dänischen Holz-Alufenstern finden sich kleine Fahnen, die freundlich winken – und Vögel davon abhalten, dagegen zu fliegen.
Der Sockel des Hauses ist mit Cortenstahl optisch aufgewertet. Material, das natürlich altert, weshalb das Haus schon einen Spitznamen hat. „Ah, du wohnst im rostigen Haus“, haben die Thierers öfter gehört. Der Architekt nimmt es als Kompliment: „Das Gebäude steht an einer Kreuzung im ältesten Teil des Ortes und sollte als markanter historischer Baukörper durchaus wahrgenommen werden. Ich finde es gut, wenn Menschen sich Gedanken über Architektur und Material machen.“
Einstige Turnhalle ist nun ein Niedrigenergiehaus
In seiner Geradlinigkeit bildet das Gebäude einen Ruhepunkt in der Umgebung, die man heterogen nennt, was die vornehme Bezeichnung für kunterbunt gemischt bedeutet, Häuser aus verschiedenen Jahrzehnten, leer stehende Ställe, eine Brachfläche, auf der im Sommer Blumen und Insekten leben. Auf der Rückseite ist das Haus weniger züchtig verhüllt. Hier herrscht Transparenz mit Fensterfronten und Solarkollektoren zur Warmwasserbereitung. Die Fußbodenheizung ist in Platten aus Wellpappe eingelassen. Kay-Peter Thierer ist auch Energieberater, da ist ein Niedrigenergiehaus schöne Pflicht und ein finanzieller Segen für die kommenden Winter.
Zusammen mit der Landschaftsarchitektin Claudia Hetzel-Zink entstand hier eine Terrasse. Durch einige Treppenstufen ist ein wahres Gartenparadies mit Sitzflächen, insektenfreundlichen Pflanzen, Stauden, Feigen und Pfingstrosen erreichbar. Und ein Muschelkalkblock aus dem Altmühltal mit Sitzmulden ist ein Ort zum Innehalten. Von hier hat man auch einen Blick auf das Haus mit der schlichten Optik. Der Umbau zeigt, wie viel Leben in alten, vermeintlich nutzlosen Gebäuden stecken kann.