Wohnungsauflösungen
Für die einen ist es Gerümpel, für die anderen die Rettung
Es lässt sich das Unternehmenskonzept im Grunde schon dem Küchentisch in der ehemaligen Wohnung von Martin Jägers Vater Edgar ablesen. Sehr ordentlicher Mann im Übrigen, der 94-jährige Edgar Jäger, man sieht der bereits halb ausgeräumten Wohnung noch an, dass da jemand die Dinge nicht hat schleifen lassen. „Mein Vater hat versucht, so wenig wie möglich anzuhäufen“, sagt Martin Jäger.
Aufgeräumte Wohnung also, und die Platte des Küchentischs ist in Klarsichtfolie eingeschlagen. „Machen wir bei den Sachen, die in den Laden kommen immer so“, sagt einer der Mitarbeiter der Firma „Lebenszeit“, „damit keine Kratzer drankommen.“ Chef Tobias Lehr steht gerade im Treppenhaus und organisiert die „Eimerkette“ seiner Mitarbeiter, über die die Kisten aus der Wohnung im ersten Stock in die Sprinter gereicht werden. Und den Weg wird auch der Küchentisch in Frischhaltefolie nehmen: Aus der Wohnung im Ludwigshafener Stadtteil Mundenheim, in den Bus und via den in das „Lebenszeit“-Gebrauchtwarenkaufhaus oder salopper: das „Gruschel-Paradies“ im Stadtteil West, um die Ecke der Bayreuther Straße. Von der Wohnungsauflösung ins Sozialkaufhaus: eigentlich ebenso logisch wie nachhaltig und sozial. Es muss halt mal einer auch als Privatunternehmer draufkommen.
Mühsame Suche nach Gebrauchtem
Tobias Lehr ist im Jahr 2016 draufgekommen, zwei Jahre zuvor hatte er seinen Betrieb für Haushaltsauflösungen und Entsorgung gegründet. Der Erste war er damit nicht: Marco Schubach verfolgt mit seiner „Help2007 Rhein-Neckar GmbH“ schon seit 2012 ein ähnliches Konzept: Kerngeschäft Wohnungsauflösungen und Entrümpelungen sowie Renovierungen – und nebenbei der Verkauf brauchbarer Dinge zu sozialen Preisen. „Help2007“ hat dabei, ganz zu Anfang, sozusagen Starthilfe geleistet: Unter der Marke läuft ein bundesweit agierendes Franchise-System für Sozialkaufhäuser, Grundidee: „Man kann das alles wegschmeißen – oder man subventioniert den Verkauf über die Dienstleistung quer“, sagt Schubach, der schon lange eigenständig agiert.
Im Ludwigshafener Stadtteil Pfingstweide betreibt er ein privates Sozialkaufhaus, eine Filiale in Frankenthal musste er wegen Vermieterwechsel schließen. Angefangen hat er mit seinem Tun eigentlich aus persönlicher Erfahrung – aus der, wie mühsam die Suche nach günstigen Gebrauchtmöbeln bei der Einrichtung seiner ersten Wohnung war.
100 Euro für die Couchgarnitur
Tobias Lehr kommt dagegen aus der Pflege, genau wie sein Mann und stellvertretender Geschäftsführer Christian. Und die beiden haben wohl im Pflegedienst schon mitbekommen, welche Schwierigkeiten die Angehörigen mit Haushaltsauflösungen oder Entrümpelungen haben, wenn ältere Angehörige eben nicht mehr alleine können, so wie Edgar Jäger, der ins Pflegeheim gezogen ist. Dass Sohn Martin bei der Haushaltsauflösung zunächst mal da ist und noch eine Fotografie ab- und mitnimmt, ist im Übrigen nicht die Regel: „In 95 Prozent der Fälle sind die Angehörigen nicht dabei“, sagt Tobias Lehr, oft wohnen die Kinder ja auch gar nicht mehr vor Ort.
Wahrscheinlich vertrauen die Kunden dabei auf die „deutschen Tugenden“, die er umzusetzen versucht, meint Lehr. Geht nämlich alles einen organisierten Gang hier: Erstbesichtigung, verbindlicher Kostenvoranschlag, detaillierte Ablaufplanung für die Mitarbeiter, der Chef ist eigentlich immer dabei und achtet unter anderem auf Arbeitssicherheit, richtiges Heben beispielsweise. Und nicht zuletzt auf die korrekte Abrechnung: Die Sachen, die im Sozialkaufhaus landen, werden mit den Kosten für die Haushaltsauflösung verrechnet, 100 Euro wird’s beispielsweise noch für die Couchgarnitur von Edgar Jäger geben.
Möbel gehen gut, Bücher gar nicht
Möbel gehen gut im Sozialkaufhaus natürlich, sie sind teuer als Neuware, aber eigentlich geht so ziemlich alles, bis auf Bücher. Das mit dem „Volk des Buches“ scheint nicht mehr Teil der deutschen Tugenden zu sein. „Wir haben schon ein paar Bibliotheken entsorgt“, meint Tobias Lehr.
Im Frühjahr 2022 ist man mit dem Gebrauchtwaren-Kaufhaus umgezogen, aus dem Kreis in die Stadt, auf das Gelände einer Lagerraum-Vermietung. Und damit quasi direkt in die Nähe des sozialen Brennpunkts Bayreuther Straße, „war uns zu Anfang gar nicht so bewusst“, sagt Tobias Lehr. Etwa 100 bis 150 Kunden schieben sich pro Tag durch die etwa 800 Quadratmeter des Sozialkaufhauses, niedrigschwelliges Angebot auch im Wortsinn: Alles ebenerdig, Leih-Rollatoren vor dem Eingang als Service für die ältere Kundschaft. Einkaufen kann hier jeder, Sozialschein nicht vonnöten.
Dass das Geschäft mit Gebrauchtwaren in Ludwigshafen wie in manchen anderen Kommunen inzwischen ein Privates ist, hat auch damit zu tun, dass es immer weniger gemeinnützige Sozialkaufhäuser gibt: Einige Einrichtungen, von Kommunen oder caritativen Einrichtungen getragen, sind inzwischen dicht, das des gemeinnützigen Trägers „Fairtex“ in der Ludwigshafener Innenstadt beispielsweise seit fast drei Jahren. Und jene Lücke füllen in Ludwigshafen Schubach und die Lehrs – und sehen sich dabei auch mit den Auswirkungen einer inzwischen ganz alltäglichen Armut konfrontiert. „So schnell, wie’s abverkauft wird, kann man’s kaum einräumen“, sagt Christian Lehr.
Dauerbrenner: Töpfe
Dauerbrenner sind laut ihm schon die ganz alltäglichen Gebrauchsgegenstände, Töpfe vorneweg. Beispielexemplar mit Glasdeckel in den Regalen gegenüber dem Eingang: ein Euro. Wie gesagt: Quersubventionierung. Ihr Geld verdienen die Lehrs durch die Wohnungsauflösungen, im Kaufhaus arbeitet man „kostendeckend“, sagt Christian Lehr.
Warme Winterkleidung geht zurzeit natürlich ebenfalls schnell weg, „50 Prozent der Kleidung, die wir verkaufen, wird gespendet“, sagt Christian Lehr. Zwei Brautkleider wären momentan im Angebot, falls jemand was Entsprechendes sucht. Es gibt Wartelisten für Waschmaschinen und Wäschetrockner, die Klassiker, die bei armen Menschen massiv ins Kontor schlagen, wenn sie denn kaputt gehen. 150 Namen stehen auf der Warteliste für die Wäschetrockner.
Der Staat hat sich zurückgezogen
Wie sehr sie inzwischen das Leben in ganzen Milieus prägt, die Armut, dass lässt sich um die 100 Meter weiter die Straße runter schon alleine an der Kundenzahl der dort ansässigen „Tafel“ ablesen. Gestartet ist man 2005 mit der Versorgung von 27 Bedürftigen – inzwischen hat man über 2000 Kunden pro Monat. Das Gebäude, in dem die Tafel sitzt, ist im Übrigen ein ehemaliges Sozialkaufhaus, seit 2006 sitzt die Tafel drin. Könnte sich ein armer Mensch dort also Lebensmittel besorgen, danach die Straße hochgehen und im „Gruschel-Paradies“ der Lehrs Dinge des täglichen Bedarfs shoppen, Zwei-Stopp-Strategie.
Ob es nun gut ist, dass der Staat sich aus der Arbeit für Bedürftige oft zurückgezogen hat und das Feld ehrenamtlichen oder privaten Anbietern überlässt, das darf man diskutieren. Der Bundesverband der ehrenamtlichen Tafeln wehrt sich jedenfalls schon lange dagegen, so etwas wie der verlängerte Arm des Sozialamts zu sein. Und Jürgen Hundemer, Erster Vorsitzender der Ludwigshafener Ehrenamtsbörse „Vehra“ und damit mittelbar Chef der Tafel, drängt schon länger auf finanzielle Hilfe von der Stadt, bislang finanzieren sich die Tafeln ausschließlich aus Spenden. Es sei „ein großes Ziel, dass sich der Staat und die Kommunen endlich mal um die Tafeln kümmern“, sagt Hundemer.
Allerdings, und das gilt für Tafel wie für private Sozialkaufhäuser: Besser, wenn die Dinge für Bedürftige vorgehalten als einfach weggeschmissen werden. „Es werden so viele Ressourcen verschwendet“, sagt Christian Lehr. Sieht Kollege Marco Schubach ähnlich, der sein Sozialkaufhaus auch deswegen betreibt, „weil inzwischen fast alles Wegwerfgesellschaft ist“.
Ein pietätvoller Umgang
Es ist wohl auch ein pietätvollerer Umgang mit den Dingen, die ein Sozialkaufhaus letztlich leistet – sind es doch die Hinterlassenschaften ganzer Leben und Biografien, die dort landen. Und die Dinge sind Indikatoren dafür, wie sich die Zeitläufte ändern. VHS-Kassetten und CDs gehen immer noch gut, im Laden der Lehrs, vor allem bei einer älteren Klientel, Hansi Hinterseer beispielsweise. Es gibt eine Gruppe von Dingen, die die Nachkommen inzwischen oft gar nicht mehr haben wollen, und die Christian Lehr sehr betont nie entsorgen würde: Religiöse Objekte, Bibeln, Kruzifixe. „Das kommt alles hierher“, sagt er.
Das Ausräumen fremder Leben ist eben auch eine Momentaufnahme gesellschaftlicher und kultureller Veränderungen. „Es gibt so eine gewisse Richtung, dass viele Menschen bis zum Ende relativ einsam leben“, sagt Tobias Lehr. Er kennt natürlich auch die Wohnungen, deren „Besitzer die Kontrolle verloren hat“, irgendwann einmal, sind aber nicht ganz häufig, meint er – und weigert sich, jede Form der Normabweichung mit der Phrase „Messie-Wohnung“ zu belegen. „Jede Wahrnehmung ist immer so individuell, wie der Mensch, der in der Wohnung gelebt hat“, sagt er.
Mythos Bargeldschatz
Edgar Jäger ist ein ordentlicher Mensch, und er hat sein Leben selbstständig organisiert, bis es eben nicht mehr ging. „Ist jetzt schon ein bisschen emotional“, sagt Martin Jäger, „meine Frau und ich haben uns überlegt: Was kann man noch brauchen?“ Falls sich noch etwas Wichtiges finden sollte, wird Tobias Lehr das aufbewahren und nachreichen, kommt gelegentlich mal vor, Geburtsurkunden, beispielsweise. Der Mythos vom Bargeldschatz unter der Matratze ist im Übrigen, je nun, ein Mythos: Lehr hat jedenfalls noch keinen gefunden, ein alter 50-Mark-Schein war das Höchste, der Auftraggeber hat gelacht und ihn Lehr geschenkt.
Gut strukturierte Wohnung in Mundenheim also, so wie 60 Prozent der Wohnungen, die er zu sehen bekommt, meint Lehr, und seine Mitarbeiter Tim, Gianluca, Bryan und Marcel I + II werden sie an einem Arbeitstag räumen können. Martin Jäger geht jetzt arbeiten, übrigens das zweite Mal, dass er Lehr beauftragt, und damit kennt er die Erleichterung dessen, dem man eine Knochenarbeit aus dem Kreuz genommen hat. „Man geht morgens weg, kommt nach Hause und denkt sich: Boah…“ Die potenzielle Nachmieterin der Wohnung hat er vor Kurzem kennengelernt, eine junge Frau. Etwas endet, etwas beginnt. „Es geht weiter“, sagt Jäger, „tröstlich, irgendwie“.
Kontakte und Adressen
Lebenszeit, Gebrauchtwaren-Kaufhaus: Bliesstraße 9, Ludwigshafen. Telefon, auch für Haushaltsauflösungen und Entrümpelungen: 0800/33 500 50 oder 0176/826 23 100. Im Netz: lebenszeit-ludwigshafen.de.
Help 2007, Sozialkaufhaus: Brüsseler Ring 65, Ludwigshafen. Telefon, auch für Haushaltsauflösungen und Renovierungen: 0621/3925 8670 oder 0621/67 192 500. Im Netz: help2007.com