Gletschervermessung
Expedition in die Antarktis: Erinnerung an das ewige Eis
Auf dem Foto ist nicht viel zu erkennen – für einen Laien jedenfalls. Vorsichtig hält Egon Dorrer ein Satellitenfoto in den kräftigen Händen und deutet auf eine sehr helle Stelle. „Das ist das Ross-Schelfeis“, sagt er. Mit einer Fläche von rund 525.000 Quadratkilometern ist die Eisplatte fast so groß wie Frankreich und damit das größte Schelfeisgebiet der Antarktis. Vor mehr als 60 Jahren war der gebürtige Münchner das erste Mal dort.
Mit 28 Jahren war er der Jüngste von sechs Expeditionsmitgliedern des „United States Antarctic Research Program“. Ihr Auftrag: Sie sollten herausfinden, wie schnell sich die Eisoberfläche bewegt. Die Messpunkte, die das Team damals auf der 900 Kilometer langen Strecke genutzt hat, gibt es heute nicht mehr. Wegen des Klimawandels. „Es scheint, dass dort jetzt mehr Eis abschmilzt als vor 50 Jahren“, sagt er.
Auch heute noch recherchiert der emeritierte Professor für Fotogrammetrie und Kartografie der Universität der Bundeswehr in München im Internet und schaut sich Satellitenfotos seines damaligen Wirkungsgebiets an. Er sitzt in seinem Esszimmer in Grafing vor einer großen schwarzen Mappe, in der sich Fotografien seiner Expeditionen „RISS I“ und „RISS II“, ein Akronym für „Ross Ice Shelf Survey“, befinden. Einen Teil davon möchte er in einem Buch veröffentlichen.
Während Expedition sechs Kilo verloren
Vor fünf Jahren hat er damit angefangen, seine Tagebücher auszuwerten. Vor ihm liegen zwei schwarz gebundene Notizbücher, deren Seiten er teils mit Kugelschreiber, doch meist mit Bleistift beschrieben hatte, abends im Zelt. Den ersten Eintrag hatte er noch zu Hause gemacht, am 26. August 1962: „Neben diesen beiden Notizbüchern habe ich noch weitere vier angeschafft. Ich glaube, es ist zweckmäßig, Tagebuch laufend zu führen, als auch jede einzelne Fotoaufnahme genau zu beschreiben. Wenn man dies nicht tut – man wird dazu gern verleitet – hat man oft Mühe, die Aufnahmen zu identifizieren.“ Heute sagt der 90-Jährige: „Ich wollte möglichst alles noch in gutem Gedächtnis niederlegen.“ Gut 60 Filme für rund 2000 Aufnahmen hatte er mitgenommen. Ein Foto davon zeigt ihn zum Auftakt der Expedition. Glattrasiert und mit roter Mütze. Ein weiteres von Ende Februar 1963. Dorrer lacht über den Vollbart, der ihm innerhalb des halben Jahres gewachsen war. Ganze sechs Kilo hatte er während der Expedition verloren.
„In der Verwandtschaft haben alle gesagt: ,Mach das ja nicht, da weiß man nicht, ob du wieder zurückkommst!’“, erinnert sich Dorrer an die Reaktionen in der Familie, als er ihr vom Angebot seines Professors Richard Finsterwalder erzählte. Bei Finsterwalder, der 1934 an der Deutschen Nanga-Parbat-Expedition teilgenommen hatte und Herausgeber zahlreicher Gebirgskarten war, hatte Dorrer als wissenschaftlicher Assistent an der Technischen Hochschule – der heutigen Technischen Universität München – gearbeitet. Trotz der Zweifel seiner Familie wollte sich der junge Forscher die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Die Neugier hatte ihn gepackt.
Täglich vier Strecken von acht bis zehn Kilometer
„Damals war die Antarktis unbekannt. Man kannte nur den Namen und die Geschichte ihrer Durchquerung von Scott und Amundsen“, erzählt er. Er habe die Möglichkeit gehabt, auf historischen Spuren unterwegs zu sein. Der Brite Robert Falcon Scott und der norwegische Polarforscher Roald Amundsen lieferten sich Anfang des 20. Jahrhunderts einen Wettstreit, wer den Südpol als Erster erreichen würde. Scott kam am 18. Januar 1912 an, mit der Erkenntnis, dass Amundsen und dessen vierköpfige Mannschaft ihm rund einen Monat zuvorgekommen waren. Auf dem Rückweg zum Basislager starben Scott und seine vier Begleiter.
Auf dem sogenannten Observation-Hill, einem etwa 230 Meter hohen, kegelförmigen Hügel, wurde ein Kreuz zum Andenken an den Pionier Scott und seine Begleiter aufgestellt. „Das Kreuz war unser Messpunkt Null“, sagt Dorrer. Von hier an musste sein Team täglich vier Strecken von acht bis zehn Kilometern bewältigen. Keine leichte Aufgabe. Mit voll bepackten Motorschlitten starteten sie in McMurdo.
Sturm: Sechs Tage in Zelten ausharren
Die Forschungs- und Logistikstation in der Antarktis wird von der US-Regierung seit Mitte der 1950er-Jahre betrieben. „Die ist heute riesengroß. Das kann man mit damals überhaupt nicht vergleichen“, sagt Dorrer. Aber es gab zu jener Zeit bereits eine von den Amerikanern mit Fähnchen abgesteckte Strecke, die sie benutzten, um nicht Gefahr zu laufen, in gefährliche Gletscherspalten zu fallen. „Wir konnten die Trasse sehen und mit dem Fernglas schauen, wo es weitergeht“, sagt er und fügt hinzu: „Heute würde man das mit GPS machen.“ Verfahren haben sie sich nicht, bei Nebel konnten sie nicht weiter, und auch bei Stürmen mussten sie Halt machen. Bereits am zweiten Tag zog einer auf, sodass sie ganze sechs Tage in ihren Zelten ausharren mussten. Doch auch bei schönem Wetter sei das Vermessen eine Herausforderung gewesen. „Die weiße Oberfläche hat eine unheimliche Rückstrahlung. Es ist für die Augen wahnsinnig hell“, sagt Dorrer. Und weil sich die Luft in Schichten aufheizt, komme es zu Luftspieglungen, die das Vermessen unmöglich machen, da die definierten Punkte nicht mehr sichtbar sind.
Im September 1965 kehrte er wieder in die Antarktis zurück und vermaß die Strecke neu. Dieses Mal leitete er allerdings die sechsköpfige Expedition, die im Februar 1966 endete. Schon ein Jahr später trat Egon Dorrer eine Professur im kanadischen New Brunswick an, ehe er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach München zurückkehrte.
Durch die beiden Expeditionen war es möglich, aus der Differenz der Messpunkte die Geschwindigkeit zu errechnen, mit der sich das Eis bewegt. Er zeigt eine Grafik, auf der die Bewegungsvektoren eingezeichnet sind. Auch diese wird sich im Buch finden. Durch den menschengemachten Klimawandel sind seine Aufzeichnungen, Karten und Fotografien heute nicht mehr von glaziologischer Bedeutung. Vielmehr wird sein Buch historischen Wert haben. Es sind Erfahrungen eines Mannes, der das ewige Eis vermessen hat, das es vielleicht bald nicht mehr geben wird.
Zur Person
Egon Dorrer wurde 1934 in München geboren, studierte nach dem Fachabitur an der Technischen Hochschule München Vermessungswesen, speziell Kartografie und Gletschervermessung. Das ewige Eis um den Südpol untersuchte er als wissenschaftlicher Assistent. Später wurde Dorrer Professor und lehrte in Kanada und München. In der Antarktis ist sogar ein Gletscher nach ihm benannt: der Dorrer-Gletscher.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.