Wirtschaft
Ein Lehrstück: Das Ende der Erdgasförderung in den Niederlanden
Die Zeitung „Nieuwsblad van het Noorden“ klang begeistert. „Von Montag an kochen Tausende Hausfrauen in der Region Groningen mit Gas aus dem eigenen Boden“, titelte das Blatt. Das war am 7. Dezember 1963. Knapp 60 Jahre später ist mit Gas aus dem eigenen Boden Schluss. Die Niederlande haben das Gasfeld in Groningen zum 1. Oktober stillgelegt. Nicht wegen des Klimas. Die Erde in der Gegend bebt, die Bevölkerung macht gegen das heimische Gas mobil. 2022 sollte schon Schluss sein, doch wegen Russlands Überfall auf die Ukraine wurde der Ausstieg auf 1. Oktober 2023 vertagt. Auch, weil Deutschland auf das Gas vom Nachbarn angewiesen war. Die Niederlande förderten 2022 etwa 15 Milliarden Kubikmeter Erdgas, Deutschland etwa 4,8 Milliarden und damit gerade fünf Prozent des eigenen Jahresbedarfs von über 95 Milliarden Kubikmetern.
Zufallsfund vor über 60 Jahren
Der Aufbruch in die neue Ära erfolgte vor 60 Jahren eher zufällig. Ursprünglich suchte die niederländische Erdölgesellschaft NAM, ein Gemeinschaftsunternehmen von Shell und Exxon, in der Gegend an der Grenze zu Deutschland nach Öl. Stattdessen fand sich 1959 unter dem Feld von Landwirt Kornelis Boon Erdgas. Erst langsam wich die Enttäuschung der Gewissheit, dass sich auch mit Gas Geld machen lässt. Nur einen plagten frühe Bedenken. Bauer Boon. Er fürchtete, die Gasförderung unter seinen Feldern könnte die neue Scheune zum Einsturz bringen. Er sollte recht behalten. Das fehlende Gas im Untergrund macht das Gestein brüchig. Die Erde bebte. Allein 2015 wurden in der Gegend um Groningen rund 20.000 Schäden an Häusern gemeldet. Nun drehte das Land den Gashahn ab.
„Viel zu spät“, klagt Sandra Beckerman. Die Abgeordnete der holländischen Linkspartei SP lebt in Groningen. Sie kam zum Studium in die Stadt und arbeitete später als Archäologin an der Universität. „Mein Traumberuf“, sagt Beckerman. Doch der Traum muss warten. 2012 bebte im nahen Huizinge erstmals die Erde. 3,6 zeigte die Richter-Skala. Risse durchzogen viele Häuser. So organisierte Beckerman erst den Protest gegen die Gasgewinnung mit, kam in Berührung mit der Parteipolitik und landete schließlich 2017 im holländischen Parlament in Den Haag. Dort sorgte sie in diesem Sommer für Aufsehen, als sie Premier Mark Rutte in der Debatte über Groningen zum Rückzug aufforderte. „Warum treten Sie nicht zurück?!“, schleuderte sie dem Premier im Plenum entgegen.
Immer mehr Risse in den Häusern
Rutte kündigte kurz darauf tatsächlich seinen Abgang an. Aber nicht wegen der Versäumnisse in Groningen. Sondern, weil seine Koalition am Streit über die Asylpolitik zerbrach. „Für die Menschen hier bleibt das Gefühl, dass niemand für die Fehler, die gemacht wurden, Verantwortung übernimmt“, klagt Beckerman im Rückblick. Denn 2018 kam es in Zeerijp zu einem zweiten Beben der Stärke 3,4. Die Fördermenge wurde auf zwölf Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr gedrosselt. Und allmählich reagierte die Regierung auf den Unmut in der Region. Der Ausstieg vom Gas bis spätestens 2030 wurde angekündigt. Aber die Risse in den Häusern wurden häufiger und die Proteste lauter. So wurde der Ausstieg vorgezogen.
Doch ist die politische Debatte damit nicht beendet. Eine Kommission des holländischen Parlaments analysierte die Missstände rund um das Groninger Gasfeld. Im Sommer kam der Abschlussbericht. Die Bilanz: „Die Interessen der Menschen in Groningen wurden strukturell negiert“, heißt es in dem Papier. Auch Rutte wurde im Ausschuss angehört. Der Premier entschuldigte sich. „Aber das bedeutet nicht wirklich was“, sagt Beckerman. Sie spricht von Groningen als der „Sorry-Provinz“. Eine Entschuldigung ohne Wert. Auch im übertragenen Sinn. Tausende Menschen bleiben auf Häusern sitzen, in deren Mauern die Risse immer größer werden. Die Entschädigung ist ein großer bürokratischer Aufwand.
Gesellschaftlich nicht mehr durchsetzbar
Es ist nicht die einzige Altlast des holländischen Gasbooms. Noch rund 500 Milliarden Kubikmeter Gas schlummern im Boden unter Groningen. Aber es kann nicht mehr hochgeholt werden. Gesellschaftlich nicht durchsetzbar. Von einem „verlies van de licence to operate“ spricht Lucia van Geuns: dem moralischen Verlust der Betriebserlaubnis. Van Geuns hat Geologie studiert und lange für Shell gearbeitet. Dann wechselte sie in die Politikberatung. Sie hat für renommierte Forschungseinrichtungen gearbeitet wie das angesehene Clingendael-Institut. Seit fünf Jahren befasst sie sich am The Hague Centre for Strategic Studies (HCSS) mit geostrategischen Fragen der Energiesicherheit.
Der späte Ausstieg in Groningen ist für die Forscherin in Zeiten von Klimawandel und Energiewende nur ein Vorbote für das Schicksal ähnlicher fossiler Großprojekte von Europa bis Saudi-Arabien. „Sobald die gesellschaftliche Akzeptanz verloren geht, hat die Kosten-Nutzen-Analyse nur noch begrenzte Auswirkungen“, erläutert van Geuns. Sie spricht von „stranded assets“ – gestrandeten Vermögenswerten. Nicht alles, was Gewinn bringt, mag die Bevölkerung auch ertragen. Nordrhein-Westfalen und die schlummernde Braunkohle im Boden nach dem besiegelten Ausstieg bis 2030 sind ein weiteres Beispiel dafür.
Rohstoffreichtum macht auch träge
So steckt in der Geschichte des Groninger Gasbooms auch ein Lehrstück über den gesellschaftlichen Umgang mit Ressourcen. Ökonomen wissen, dass Rohstoffreichtum träge machen kann. Das schnelle Geld mit Öl und Gas oder Erzen füllt zwar die Staatskassen. Aber es lähmt Wettbewerbsfähigkeit und die Innovationskraft einer Volkswirtschaft. Das lässt sich in Russland beobachten oder in Saudi-Arabien, wo der Staat plötzlich mit Touristen und Show-Kickern an einer Servicegesellschaft für die Zeit nach dem Öl arbeitet. Auch in den Niederlanden kennen sie das Problem. Es hat sogar Eingang in volkswirtschaftliche Lehrbücher gefunden: Von „Dutch Disease“ sprach das britische Wirtschaftsmagazin „Economist“ 1977 – der holländischen Krankheit. „Die Einnahmen aus dem Gasgeschäft dienten in den 70er- und 80er-Jahren dazu, die steigenden Sozialausgaben zu begleichen“, so van Geuns. Bis zu zehn Prozent der Ausgaben sprudelten aus der Erde unter Groningen in den Staatsetat. Die Gasexporte ließen zudem den Kurs des niederländischen Gulden steigen, schlecht für die Exporte. So schlingerte Hollands Wirtschaft in den 80ern in die Krise.
Überhaupt fällt die Bilanz mager aus. Rund 400 Milliarden Euro spülte das Groninger Gas in Hollands Staatskasse. Doch zog der Rechnungshof im Vorjahr ein harsches Fazit: „Der niederländische Staat hätte zigfach mehr verdienen können, wenn er die Einnahmen aus dem Energiegeschäft nach norwegischem Vorbild in einem Staatsfonds angelegt hätte.“ Erst in den 90ern steuerte die Regierung um. Es kam ein Zukunftsfonds, der mit Gaseinnahmen Infrastrukturprojekte vorantrieb.
Lehren für andere Großprojekte
Expertinnen wie Lucia van Geuns schauen auf die Lehren aus der Geschichte. Und auch nach Deutschland. Der Durst nach fossiler Energie hat zu Abhängigkeiten geführt, etwa von Russland. Ähnliche Fehler gilt es beim Übergang auf erneuerbare Energien wie Wind und Solar zu vermeiden. „Kritische Rohstoffe wie Kobalt für die Batterien von Elektroautos oder Neodym für die Generatoren von Windrädern werden größtenteils in China veredelt“, warnt die Forscherin vor neuen Abhängigkeiten.
Was folgt aus den Fehlern von Groningen? Die Abgeordnete Sandra Beckerman muss nicht lange überlegen. Transparenz lautet ihre erste Schlussfolgerung. „Wir haben uns in Groningen mit Shell und Exxon eingelassen, zwei der mächtigsten Konzerne der Welt. Solche Absprachen können nicht hinter geschlossenen Türen gemacht werden.“ Die Abgeordnete spricht dabei nicht nur über die Vergangenheit, sondern auch über die Zukunft. Und die Energiewende. „Die Politik muss die Kontrolle haben. Auch beim Ausbau der Erneuerbaren“, sagt die Abgeordnete. Und sie mahnt: „Wir brauchen unabhängige wissenschaftliche Begleitstudien. Zu lange haben wir immer nur gehört: ,Es gibt keinen anderen Weg.'“
Auch in der Pfalz wird über Energieprojekte diskutiert
Alternativlos war gestern. Das gilt auch für die Suche nach Rohstoffen für die klimaneutrale Zukunft. Beispielsweise für eine Gewinnung von Lithium in der Südpfalz bei Landau, für die Erprobungen laufen. Mancher Bürger schaut darauf mit Unbehagen: Anfängliche Pannen bei laufenden Geothermie-Projekten haben zu Vorbehalten geführt. Auf der anderen Seite steht das Ziel einer klimafreundlichen Energieversorgung. Ein Thema, das aktuell vor allem die Landauer Bürger und Politik beschäftigt.
In den Niederlanden sind im November Wahlen. Mark Rutte hat seinen Abschied aus der Politik angekündigt. Sandra Beckerman kandidiert wieder. Ihr Fazit nach dem bitteren Ende in Groningen: „Wir müssen solch weitreichende Entscheidungen demokratisieren und die Basis bei Großprojekten einbeziehen.“
Windkraft und Stromtrassen als Beispiel
Deutschland kennt das mit den Debatten rund um neue Windräder. Und die Politik hat reagiert. Suedlink, die Energietrasse vom windreichen Norden in den Süden nach Bayern, verläuft großteils in Kabeln unter der Erde. Der billigste Weg zahlt sich langfristig also nicht immer aus. In Groningen wissen sie das. Und sie müssen damit leben. So bleibt zum Ausstieg nach 60 Jahren die Frage: War das Gas in Groningen jetzt Fluch oder Segen für die Niederlande? Forscherin Geuns spricht von „zwei Seiten einer Medaille“ und erläutert: „Zunächst war das Erdgas eher ein Segen, weil die Einnahmen den Wohlstand des Landes mehrten. In den vergangenen zehn Jahren ist das Gas dann eher zum Fluch geworden.“
Nicht nur die gesellschaftlichen Verwerfungen bleiben. Die Geologin van Geuns sagt: „Eines ist sicher. Die Erde in der Region um Groningen wird weiter beben.“ Die Risse im Boden bleiben. Es wird nicht ruhiger nach dem Boom.
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.
