Hilfsprojekt der Superlative
Ein Krankenhaus für Peru: Wenn der Glaube Berge versetzt
Ohne Fernsehen, dafür mit jeder Menge Abenteuergeschichten“, wie der heute 62-Jährige sagt, ist Klaus-Dieter John in einer Wiesbadener Bäckerfamilie aufgewachsen. Von einem Leben voller Gefahren und Exotik träumte er schon lange, als er mit 17 Jahren in der Schule seine spätere Ehefrau kennenlernte. Die wusste ebenfalls früh, wohin ihr Weg sie führen sollte: „Medizin studieren und dann in einem Land der Dritten Welt arbeiten.“ Irgendwie wollten sie beide „die Welt verändern“, erinnert sich John. In welch aufsehenerregender Weise dies gelingen würde, das war für das junge Paar nicht vorhersehbar.
Im Jahr 1991 reisten die beiden jungen Assistenzärzte drei Monate durch Südamerika. In der Anden-Region Curahuasi, 45 Kilometer Luftlinie vom Weltkulturerbe Machu Picchu entfernt, machten sie Bekanntschaft mit dem indogenen Volk der Quechua. Die Nachfahren der Inka leben dort überwiegend in Armut und medizinischer Not. Auf 10.000 Menschen kommen in der Region vier Ärzte. Ihren Entschluss, wiederzukommen und ein Krankenhaus zu bauen, würde wohl fast jeder, der die Geschichte hört, als hehres, doch recht weit hergeholtes Vorhaben abtun. Die Johns aber glaubten fest daran.
Schon 500.000 Menschen wurden behandelt
2022 feiert das Krankenhaus Diospi Suyana in Curahuasi, auf mehr als 2600 Metern Höhe in den Anden, sein 15-jähriges Bestehen. Bis Ende des Jahres werden dort knapp 500.000 Menschen behandelt worden sein, schätzt John. „Die Menschen stehen Schlange den Berg runter“, schildert er den Alltag aus dem Andenhochland. Sie reisen mittlerweile aus allen Teilen Perus an. Für den Zugang zu medizinischer Versorgung müssen die Patienten nur einen geringen Obolus entrichten. Ab umgerechnet 80 Cent ist ein Arztbesuch möglich. Ein Segen für viele Menschen in dem maroden Gesundheitssystem des Landes, in dem fast jeder Siebte überhaupt nicht krankenversichert ist.
Die Sache mit den Keksen
Nur knapp 30 Prozent beträgt laut John der Anteil, den Patienten zu den Einnahmen des Krankenhauses beisteuern. Diospi Suyana ist vor allem spendenfinanziert. Etwa 40 Millionen Euro haben rund 240 Unternehmen und 150.000 Privatpersonen im Laufe der Jahre zusammengetragen. Eine davon: die Kirchheimbolanderin Christine Fleck, die ihr eigenes Müsli mit dem Namen „Diospi Granola“ herstellt und mit dem Verkauf bereits mehr als 110.000 Euro für das Krankenhaus eingenommen hat. Dabei spendet sie den kompletten Erlös, die Produktionskosten übernehmen sie und ihr Ehemann Horst. Mit ihm, bis 2019 Chef der Unfallchirurgie und Orthopädie am Westpfalz-Klinikum in Kirchheimbolanden, war sie in der Startphase von Diospi Suyana für zwei Monate in Curahuasi, um tatkräftig mit anzupacken.
Heute hat Diospi Suyana gut 270 Mitarbeiter – überwiegend Peruaner – im Krankenhaus. Aber auch schon mehr als 200 Langzeitmissionare waren da. Neben Operationssälen und zwei Intensivstationen sind inzwischen ein Labor und eine Röntgeneinrichtung mit Computertomographie entstanden. Außerdem eine Zahn- und eine Augenklinik sowie eine Orthopädiewerkstatt. 2014 ist eine Schule hinzugekommen, die 700 Kindern Platz bietet, 2016 ein Medienzentrum, das christliche Radio- und TV-Inhalte ausstrahlt.
„Wir vertrauen auf Gott“
Ihr Glaube ist eine, wenn nicht die stärkste, Antriebsfeder für die Johns, die sich schon als junge Menschen in der christlichen Jugendarbeit, später in der Friedensbewegung engagierten. Diospi Suyana bedeutet so viel wie „Wir vertrauen auf Gott“, und Klaus-Dieter John ist überzeugt, dass er dies auch tun kann. Das zeige schon alleine die Vielzahl der Zufälle, die neben Johns Hartnäckigkeit und Ideenreichtum bei der Spendenakquise ihren Anteil daran hatten, dass „aus einem Bauschild mitten im Nirgendwo“ (John) ein Krankenhaus entstanden ist. Eines, zu dessen 15. Geburtstag sich Tausende Gäste, die peruanischen Medien, der bekannteste Moderator des Landes und jede Menge Honoratioren ein Stelldichein gaben. Dessen Macher das Bundesverdienstkreuz am Bande, die peruanische Verdienstmedaille sowie die Ehrenstaatsbürgerschaft erhalten haben, von inzwischen vier Staatspräsidenten des südamerikanischen Landes empfangen wurden.
220 peruanische Mitarbeite
Einer der größten Zufälle im Vorfeld der Eröffnung spielte sich in einem Technikladen in Lima ab, in dem sich Klaus-Dieter John einen Beamer für seine Vorträge zulegen wollte. Nachdem bis dato alle Versuche gescheitert waren, die notwendige Kommunikationsinfrastruktur für Diospi Suyana zu schaffen, lief John, der seine Visionen stets auf der Zunge trägt, dem Chef eines Telekommunikationsunternehmens in die Arme. Dann ging alles zügig – immer wieder gelang es John, auch wohlhabende und einflussreiche Peruaner für seine Idee zu begeistern. Dabei teilten beileibe nicht alle Unterstützer unbedingt seine Weltanschauung, sagt der überzeugte Christ. Aber am Ende sei alles sinnstiftend, was rund um Diospi Suyana geschehe.
Geld zahlt das Krankenhaus nur seinen 220 peruanischen Mitarbeitern. Die Langzeitmissionare aus dem Rest der Welt bauen sich im Vorfeld einen Unterstützerpool auf, der sie während des im Regelfall dreijährigen Aufenthalts unterstützt. Dabei habe die Aufgabe als Missionar längst nichts mehr mit der früheren Bedeutung dieses Ausdrucks zu tun, sagt Evelyn Driedger, die sich vor anderthalb Jahren vom Weierhof im Donnersbergkreis aus aufgemacht hat und seither als Sozialarbeiterin an der Schule in Diospi Suyana tätig ist: „Wir wollen niemanden bekehren, sondern einfach nur unseren sozialen Dienst tun und den Menschen mit Liebe begegnen.“