BASF in Ludwigshafen
Die Stimmung am Werktor: „Es sind nun mal schwere Zeiten“
Wo, wenn nicht auf der Straße, ließe sich offener über all das sprechen, was hier gerade passiert: Brudermüller, Stellenabbau, China, überhaupt Brudermüller. Also raus auf die Straße, in diesem Fall: die Carl-Bosch-Straße in Ludwigshafen.
An diesem Dienstagnachmittag könnte man auf die Idee kommen, jemand habe auf dem Werksgelände eine riesige Turbine aufgestellt, die kalte Luft nach Oppau bläst. Aber es ist nur der Wind. Es sind ungemütliche Zeiten. Gerade für die Anilin. Der Chemiekonzern möchte Stellen streichen, Geld sparen auch in Ludwigshafen, viel Geld. Und nicht nur das.
„Von einem toten Gaul soll man absteigen“
Zwei Männer kommen aus Tor 2 und laufen über die Straße. Der eine hat eine Baseballkappe auf dem Kopf und eine Zigarette im Mund, der andere trägt einen genau gezogenen Scheitel und eine BASF-Jacke in Orange und Dunkelblau. Wie ist gerade die Stimmung bei den Kollegen, nachdem Konzernchef Martin Brudermüller vergangene Woche den Stellenabbau angekündigt hat? Der Mann mit dem genau gezogenen Scheitel sagt, er und sein Kollege wollten ihre Namen zwar nicht in der Zeitung lesen, doch hier sei eigentlich alles in Ordnung. Klar, es würden Anlagen abgeschaltet, aber das sei ja auch verständlich, wenn die nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben seien. Und außerdem würden hier wieder neue Anlagen gebaut, hier in Ludwigshafen. „Von einem toten Gaul sollte man absteigen und nicht einfach weiterreiten.“ Und beim Stellenabbau, da gehe es auch nicht um betriebsbedingte Kündigungen, das habe der Vorstand doch gesagt. Er habe früher mal bei einer anderen großen deutschen Firma gearbeitet, da seien in einer Werkshalle 2000 Arbeiter gewesen. Heute seien es noch 200. Will meinen: Es kann auch schlechter laufen als bei der BASF.
„China ist der größte Chemiemarkt der Welt“
Der Kollege mit der Kappe und der Zigarette nickt. Und das China-Geschäft? Nicht zu viel Risiko? Kann ja alles ziemlich schnell ungemütlich werden. Er nimmt zuerst einen Zug an seiner Kippe, dann das: „China ist nun mal der größte Chemiemarkt der Welt. Soll die BASF als Global Player da fernbleiben? Es sind nun mal schwere Zeiten.“ Klingt nach: Man muss eben schauen, wo man bleibt.
An der Carl-Bosch-Straße wehen bunte Fahnen mit dem BASF-Logo neben dem Besucherzentrum, davor rollt der Berufsverkehr. Ein Mann mit Brille und Kinnbart, als Aniliner deutlich zu erkennen an seiner Kleidung, läuft in Richtung Parkplatz gegenüber dem Tor 2. Seit 39 Jahren sei er nun bei der BASF, erzählt er, sein Vater und sein Großvater hätten schon hier gearbeitet. Eine Firma als Familiensaga. Aber Familie, das sei hier schon lange nicht mehr angesagt. „Früher haben die Leute gesagt, wir sind Aniliner. Heute heißt es nur, wir gehen arbeiten zur BASF.“
„Wieder dieselben Fehler“
Der Stellenabbau in Ludwigshafen sei zwar schon länger angekündigt gewesen von der Konzernspitze, erzählt der Mann, dass nun aber gerade die teure TDI-Anlage abgeschaltet werde, das sei doch ein Millionengrab. Und im Falle China würden doch wieder dieselben Fehler gemacht wie in Russland, wo die BASF wegen ihres Tochterunternehmens Wintershall Dea im vergangenen Jahr einen Milliardenverlust eingefahren hat, weil kein Gas mehr floss wegen der Kriegsfolgen.
Das Risiko mit China sei einfach viel zu groß, sagt der Aniliner weiter. „Bisher war es eh so, dass nicht die BASF profitiert hat von diesen Geschäften, sondern die Chinesen, weil die alles kopiert haben.“
„Ein total unterschiedliches Meinungsbild“
Ein Anruf bei Sinischa Horvat, seit 2016 Betriebsratsvorsitzender bei der BASF. Welche Rückmeldungen bekommt er von den Kollegen in Ludwigshafen zu den jüngsten Ereignissen? Es gebe ein total unterschiedliches Meinungsbild. Für die meisten Mitarbeiter gehe es weiter wie bisher, es gebe eine Standortvereinbarung. Jeder wisse, dass er seinen Arbeitsplatz nicht verliere. Das bringe Ruhe. Natürlich seien aber manche dennoch verunsichert, die ihre Stelle wechseln müssten. Dazu gebe es viele Anfragen und viele Gespräche mit dem Betriebsrat.
Was China angeht, ist Horvath ziemlich eindeutig: Der größte Markt für Chemie sei dort. Die BASF müsse sich dennoch breit aufstellen, um die Balance nicht zu verlieren. Daher fordert der Betriebsratschef auch Investitionen in das Stammwerk in Ludwigshafen. Es dürfe nicht bei Ankündigungen bleiben.
Der BASF-Mitarbeiter mit der Kappe und der Zigarette sagt, er habe keine Angst um seinen Job. „Wir sind Facharbeiter, die werden gebraucht. Die Hälfte der BASF steht hier in Ludwigshafen. Und es soll ja weiter ins Stammwerk investiert werden. Alles gut.“ Offene Worte auf der Straße.