Brandenburg
Die Rückkehr der Elche nach Deutschland
Es ist nur ein Video, das gerade in sozialen Netzwerken kursiert. Es zeigt einen Elch, der an einem gut zwei Meter hohen Zaun im brandenburgischen Forst entlangläuft. Dann macht er einen kräftigen Sprung und hat den Zaun überwunden. Die knappe Minute Filmmaterial führt aber zu heftigen, höchst unterschiedlichen Reaktionen.
Viele Menschen freuen sich über die Rückkehr der Tiere. Einige kritisieren, dass der Elch mit der Kamera derart bedrängt wurde. Andere wiederum sehen mit gewisser Sorge, dass die Wildschutz-Umzäunungen von Schonungen oder an Straßen und Autobahnen, deren Höhe von der Sprungkraft des Damwilds bestimmt ist, für die größte Hirschart kein Hindernis darstellen. Dabei handelt es sich bei dem gefilmten Tier nur um einen Stangenelch, einen noch nicht ausgewachsenen Elchbullen.
Forscher verfolgen ihre Streifzüge
Offiziell gelten Elche in Deutschland seit Langem als „ausgestorben“. Der Hauptgrund für das Verschwinden war die intensive Elchjagd. Hinzu kam, dass immer mehr Feuchtgebiete – ein wichtiger Lebensraum für das große Schalenwild – trockengelegt wurden, um Nutzflächen für die Landwirtschaft zu gewinnen. Doch tatsächlich werden die imposanten Tiere seit Jahren im Osten Deutschlands immer häufiger gesichtet. Viele der bis zu zwei Meter hohen und bis zu 500 Kilogramm schweren Tiere werden inzwischen dem Landeskompetenzzentrum Forst im brandenburgischen Eberswalde gemeldet. Die von Kornelia Dobias geleitete Forschungsstelle für Wildökologie und Jagdwirtschaft hat ein „Elchbeobachtungsformular“ ins Netz gestellt, um die Streifzüge der imposanten Tiere besser verfolgen zu können.
Bislang hätten Autofahrer einfach nur Glück gehabt, meint Dobias, die seit 2013 für das Elchmonitoring zuständig ist. In den letzten Jahren habe es nur leichte Verkehrsunfälle mit Elchen gegeben – vor allem auf dem südlichen und östlichen Berliner Autobahnring, wo offenbar uralte Routen der Elche verlaufen. Bei frontalen Zusammenstößen mit den Giganten der nordischen Wälder, sagt die Biologin, sei zumeist mehr als ein banaler Blechschaden zu beklagen. Denn Elche sind wegen ihrer langen Beine und ihres Gewichts ein besonders gefährlicher Unfallgegner. Bei einer Kollision mit einem Wagen kippen sie nicht auf die Motorhaube, sondern in den Bereich der Frontscheibe.
Schwedische Autos galten seit jeher als besonders sicher, weil der Elchtest für sie obligatorisch war. In dem dünn besiedelten skandinavischen Land leben über 300.000 Tiere; auf Landstraßen gilt Höchsttempo 70. In Deutschland tauchen die graubraunen Riesen vor allem in Brandenburg, aber auch in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen jetzt häufiger auf. Die meisten Tiere, die Oder und Neiße auf der Suche nach neuem Lebensraum überquert haben, stammen aus Polen. Langsam, aber sicher kehrt der ungekrönte König der Wälder nach Deutschland zurück.
Aus Polen eingewandert
Die Biologin spricht von einer „kontinuierlichen Einwanderung“ in den letzten Jahren. Der weltweit größte Hirsch darf im östlichen Nachbarland seit etwa 20 Jahren nicht mehr gejagt werden; entsprechend wächst die Population, die inzwischen auf über 30.000 Tiere geschätzt wird. „Je mehr die Elchpopulation in Polen ansteigt, desto mehr erhöht sich der Druck auf die einzelnen Elchbullen abzuwandern, um sich neue Reviere und auch Geschlechtspartnerinnen zu suchen.“ Das führe vermutlich dazu, dass in den letzten Jahren verstärkt Elche nach Brandenburg einwandern.
Noch zu Urgroßmutters Zeiten seien Elche nicht nur in märkischen Wäldern vorgekommen. „Ihre jahrhundertealten Wanderrouten haben sie gut abgespeichert. Dabei ist es ihnen egal, ob dort heute eine Straße verläuft.“ Von „Rückkehrern“ will die Wildtier-Expertin jedoch noch nicht sprechen. Für den „Zuwanderer“-Status müssten die immer mal wieder gesichteten Kälber nachweislich westlich von Oder und Neiße geboren sein. Bislang wandern die meisten Elche nur durch den Osten Deutschlands durch und kehren irgendwann in ihr Ursprungsgebiet zurück.
Bert mit dem Sender
Bert ist da eher eine Ausnahme. Der seit rund vier Jahren mit einem Sender ausgestattete Elch wird als einziges Tier seiner Art von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde überwacht. Anfangs zog er zwischen der brandenburgischen Grenze zu Polen und Sachsen-Anhalt herum; ein typisches Wanderverhalten für junge Bullen auf der Suche nach Elchkühen. Mittlerweile hat er sich im Naturpark Nuthe-Nieplitz regelrecht niedergelassen. Die geschützte Landschaft südlich von Berlin bietet eine elchgerechte Mischung aus Wäldern und Feuchtgebieten, Wasserläufen und Seen.
Bert gilt als vorsichtig, er meidet große Straßen und auch bei kleineren steht er erst einmal am Rand und scheint abzuwarten, so wird berichtet, bis es ruhig ist. Immer wieder springt er über Weidezäune, hält sich bei Kühen auf, hat auch schon versucht, sich mit ihnen zu paaren, was zu Verletzungen bei Rindern führte – und zu Beschwerden von Bauern. In Eberswalde wurde ein Management-Plan ausgearbeitet, der Förster, Jäger, Waldbauern, Landwirte, Naturschützer und Verkehrsexperten auf die Einwanderer vorbereiten soll. Dieser, so heißt es auf der Internetseite des brandenburgischen Umweltministeriums, diene „ausdrücklich nicht dazu, eine Ansiedlung von Elchen aktiv zu befördern“. Schon die DDR fürchtete die dauerhafte Rückkehr der Elche. Seit 1982 wurden die Besucher aus Polen gezielt abgeschossen – mit der Begründung, ihre Ausbreitung gefährde die Land- und Forstwirtschaft.
Elche mögen keine heißen Sommer
Konflikte sind nicht nur auf den Straßen vorprogrammiert. Denn die Tiere können leicht eine Schonung oder ein Feld kahl fressen. Ausgewachsene Elche benötigen 30 bis 50 Kilogramm Grünzeug täglich. Dazu kommt, berichtet Biologin Dobias, dass Elche „Konzentratsselektierer“ seien. Sie grasen nicht einfach nur, sondern suchen sich von Pflanzen, Sträuchern und Bäumen nur die schmackhaften, jungen Triebe und energiereichsten Knospen aus, erläutert sie.
Eine größere Population könnte auch eines der wichtigsten ökologischen Umbauprojekte des Landes der kommenden Jahrzehnte gefährden: Aus den Kiefern-Monokulturen, die weite Teile der Mark prägen, sollen resistentere Mischwälder werden, die mit dem Klimawandel besser zurechtkommen. Der Elch wiederum ist ein Tier der nordischen Wälder und verträgt entsprechend gut richtig kalte Winter, aber nicht unbedingt die extrem heißen Sommer der vergangenen Jahre. Aufgrund der Dürre und der hohen Temperaturen musste die Feuerwehr im vorigen Jahr über 500-mal zu Waldbränden ausrücken. Die friedliebenden Tiere lassen sich beim Äsen allenfalls von Wölfen aus der Ruhe bringen; 47 Rudel mit 155 Welpen leben derzeit in Brandenburg. „Der Wolf“, sagt Dobias, „ernährt sich am liebsten von Elchkälbern. Das ist seine Leib- und Magenspeise.“