Essay RHEINPFALZ Plus Artikel Die Mitte der Gesellschaft

Der Vergleich hinkt: Deutschlands Wohlstand gründet auf einer weltoffenen Wirtschaft. Daran kommt auch die AfD nicht vorbei.
Der Vergleich hinkt: Deutschlands Wohlstand gründet auf einer weltoffenen Wirtschaft. Daran kommt auch die AfD nicht vorbei.

Es ist nicht die Mitte der Gesellschaft, die auf der Straße die Demokratie gegen rechts und Fremdenhass verteidigt. Es demonstrieren die, die sich sonst auch engagieren.

Der Protest gegen rechts habe die Mitte der Gesellschaft erreicht, tönt es. Nicht nur die etablierten Parteien stoßen in dieses Horn und positionieren sich für die nächste Wahl. Auch Soziologen und Staatsrechtler reden von „Wendepunkt“ und „beispiellosem“ Ereignis.

Beispiellos kann man die Massendemonstrationen für die Demokratie in der Republik durchaus nennen. Aber sie als Wendepunkt zu bezeichnen, ist mutig. Dieses Land hat ein erprobtes und ausgeklügeltes Grundgesetz. Das können die Allmachtsphantasien von Ewiggestrigen und Neugestrigen nicht so leicht ins Wanken bringen, selbst wenn sie in den Bundestag einziehen – solange sie dort nicht die ganz große Mehrheit haben.

Vor diesem Hintergrund sehen noch immer die wenigsten einen Grund, auf der Straße die Demokratie zu verteidigen. Zudem ist die Mitte der Gesellschaft viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Das belegt ein grober Blick auf die Zahlen: Rund zwei Millionen Menschen waren bislang demonstrieren. Manche bestimmt mehr als einmal. Geht man von 84 Millionen in Deutschland lebenden Menschen aus, entspricht das einem Anteil von knapp 2,4 Prozent der Bevölkerung.

Repräsentieren diese wenigen Aufrechten die Mitte der Gesellschaft? Definieren wir die Mitte ökonomisch, dann zählt rund die Hälfte der Deutschen zu den Reicheren im Staat – mit einem Nettoeinkommen von knapp 2000 Euro im Monat. Die andere Hälfte bleibt unter dieser Schwelle. Warum sind dann nur 2,4 Prozent der Bürger auf der Straße, wenn die Protestkultur gegen rechts angeblich die Mitte der Gesellschaft erreicht hat?

Wenig Kraft im Alltag

Wer mit 2000 Euro über die Runden kommen muss, der hat wenig Sinn für gesellschaftliche Debatten. Vor allem dann nicht, wenn man sich ein wenig mehr aufbauen will – auch wegen der Kinder. Das bedeutet: Schulden machen und doppelt verdienen im Haushalt. Da bleibt im Alltag wenig Kraft, sich differenziert mit den großen Fragen auseinanderzusetzen. Das überlässt man denen, die damit ihr Geld verdienen.

Eine Folge: Die Funktionäre schaffen es nicht mehr, ihre eigene Klientel immer groß zu mobilisieren. Als am vergangenen Wochenende ein Bündnis aus Landwirten, Handwerkern, Gastronomen, Spediteuren und Angestellten des Öffentlichen Dienstes in München zur Aktion „Der Mittelstand steht auf“ rief, kamen statt der erwarteten 50.000 Teilnehmer nur 10.000. Offenbar ist das Ende der Ampelkoalition, wie auf den Transparenten gefordert, vielen nicht so wichtig.

Doch auch die oberen zehn Prozent, die sich selbst gern als die Mitte sehen mit Nettoeinkommen jenseits der 3500 Euro, schweigen gern, zumindest öffentlich. Man lässt sich nur ungern stören in seinen Privatgemächern der teueren Hobbys, Interessen, Genuss- und Selbsterfahrungen. Bloß wenn Politik dringt durch die schallgedämpften Türen der Behaglichkeit, dann wird es lauter.

Ein Beispiel: Unlängst hat ein Freund in einen Chat von arrivierten Mitgliedern ein satirisches Anti-AfD-Foto gestellt. Und wurde dafür von der Gruppe abgewatscht. „Muss das hier sein?“, hieß es. Und: „Was soll das?“ Gelacht hat jedenfalls keiner.

Gekaufte Loyalität, gekaufte Überzeugungen

Die Mitte der Gesellschaft lebt im bescheidenen und weniger bescheidenen Wohlstand. Die Kinder werden eher in Watte gepackt statt gefördert und gefordert. Im Job läuft es, oder der Leistungsdruck macht ihn unbequem bis unerträglich, oder man bereitet sich auf den Unruhestand vor, möglichst früh und komfortabel.

Weiter unten wird sich darauf verlassen, dass das Oberhaus schon weiß, wo die Reise hingeht. Schließlich stehen die Gutverdiener überall vorne dran. In der Regel ballen sich hier die Akademiker. Und die Erwartungen an sie sind groß.

Doch Vorbilder sucht man meistens vergebens. Wer finanziell sehr gut dasteht, der kümmert sich vor allem um die eigene Karriere und um seine Brut. Loyalität und Überzeugungen werden in dieser Welt per Vertrag erkauft und gelten nur so lange, wie der Rubel rollt. Das führt zu grundsätzlichem Misstrauen untereinander und anderen gegenüber, die immer nur etwas von einem wollen. Weshalb man privat lieber im Sozialclub unter Gleichgestellten verkehrt, inklusive Spendenbereitschaft – und guten Kontakten als Nebeneffekt.

Ganz wohl fühlt sich keiner in seiner Haut. Doch echte Verantwortung für andere, die nicht nach dem eigenen Nutzen fragt, erwächst daraus nicht. Das strahlt nach unten aus. Die Standards, die oben gelten, wo man doch den besseren Blick hat, und die oft in banales Kompensieren und Schaulaufen münden, werden von denen übernommen, die sowieso schon mehr oder weniger kämpfen mit dem Jetzt. Das gefährdet Zukunft, wie der Bundesrechnungshof gerade unfreiwillig dokumentiert hat.

Die Bequemlichkeit füttert die Rechte

Der technische Fortschritt, der sparsamere Verbrenner hervorbringt, werde ausgehebelt dadurch, dass die Kunden immer größere und schwerere Fahrzeuge kaufen, sodass unterm Strich die Emissionen im Straßenverkehr nicht sinken, kritisierten die Prüfer. Lediglich die E-Autos trügen dazu bei, etwas gegen den Klimawandel zu tun. Und E-Autos sind wieder eine Sache des Geldes.

Hier manifestiert sich das ganze Trägheitsmoment der Wohlstandsgesellschaft: Es geht zuallererst um die eigene Komfortzone. Deshalb wird es politisch nur, wenn etwas den eigenen Interessen zuwiderläuft. Oder den eigenen Interessen dient: Dann tritt man sogar in die richtige Partei ein, wenn es dafür in der Gemeinde schneller geht mit dem schönen Baugrundstück am Naturschutzgebiet.

Bequemlichkeit ist letztlich das Wasser auf den Mühlen der AfD und anderer Rechtsaußen – in diesem Fall die geistige Trägheit. Die Welt wird komplexer, sich zu informieren bedeutet einen immer größeren Aufwand. Das überfordert viele in ihrem fremdgetakteten Leben. Also bietet man alte, einfache Werte an wie Familie und Tradition. Und inszeniert sich selbst als die Mitte der Gesellschaft, wie die AfD das tut, wenn sie von „bestellten Demonstrationen der Bundesregierung“ gegen sie spricht.

Daraus erwächst nichts Gutes. Bei der letzten Landtagswahl in Bayern gab es auch in der Oberpfalz eine Testabstimmung bei den unter 18-Jährigen, die noch nicht an die Urne durften. Die AfD hätte in dieser Altersgruppe über 20 Prozent der Stimmen geholt. Vertreten waren in der ländlich geprägten und ärmeren Gegend besonders die Lehrlinge und die Arbeiter, also eher Real- und Hauptschüler, weniger Abiturienten.

Immer mehr Dirndl und Lederhosen

Gerade im weiß-blauen Freistaat legt nicht von ungefähr der Anteil an Dirndl- und Lederhosenträgern massiv zu – auch wenn die Tracht in manchen Landstrichen gar keine Tradition hat. Aus Geschichtsklitterung, gefühligen Ritualen und alten Rollenbildern wird ein Mittel angerührt, das Balsam ist für die aufgescheuerte Seele, die sich ständig wundreibt an der Unübersichtlichkeit der Gegenwart.

Die Demokratie in der Republik funktioniert vor allem deshalb noch, weil sie Wohlstand bringt und weil es sich so gut wie kein Unternehmen von Rang leisten kann, einen nationalen Alleingang anzustreben. Übrigens ein grundlegender Unterschied zu der Situation vor 1933, die den Nationalsozialismus großgemacht hat, weshalb der Vergleich hier hinkt.

Die Firmen brauchen Weltoffenheit, allein schon, weil sie dringend Fachkräfte benötigen, ihre Absatzmärkte im Ausland haben oder die Lieferketten global eng verwoben sind. So wird die Wirtschaft zur größten Sozialisierungsanstalt des Landes in Sachen Toleranz. Will man Geld verdienen in der Bundesrepublik, hält man sich im Betrieb besser zurück mit feindseligen Ausbrüchen.

Manchmal wird sogar Zukunft von der Wirtschaft gestaltet – nicht von der breiten Masse, die für die Kinder und Enkel von morgen heute freiwillig verzichtet. Man lässt sich gestalten. Beispiel: Weil der einst fossil- und atomgetriebene Energiekonzern RWE jetzt gut Geld mit Wind-und Solarstrom verdient, kommt das Thema Nachhaltigkeit auch in der Mitte der Gesellschaft an, wenn man beruflich mit dem Stromversorger zu tun hat. Umgekehrt redet man sich in den Bremser-Branchen mit den rückwärtsgewandten Berufen den Job schön, auch wenn er vielleicht die Welt weiter mit kaputtmacht.

Existenzangst und Selbstgehirnwäsche

Die Mechanismen sind die gleichen: Existenzangst und Selbstgehirnwäsche. Die Mitte der Gesellschaft ist in den Biotopen der Ökonomie zwar dienstlich neugierig. Doch was sie daheim macht, weiß keiner; vielleicht denen da oben mal einen Denkzettel verpassen in der Wahlkabine – sieht doch keiner.

Dass den etablierten Parteien die Massenproteste gegen rechts Rückenwind geben, ist klar. Sie fühlen sich bestätigt, obwohl die Demos kein Bekenntnis zur jeweils regierenden Koalition sind. Denn gute Politik wird an ihrer Problemlösungskompetenz festgemacht. Und da hapert es.

Nicht, weil nur Unfähige in der Politik landen und dort zu stimmungsgetriebenen Eintagsfliegen mutieren. Weil es schwierig ist, überhaupt etwas zu bewegen gegen die grimmige Beharrlichkeit der gesellschaftlichen Mitte, die zugleich nach einfachen Lösungen schreit. Und sich rächt, wenn es nicht funktioniert, obwohl es doch irgendwie versprochen war.

Das züchtet permanent neue, enttäuschte Protestwähler heran. Deren Stimmen die Parteienlandschaft weiter zersplittern, sodass – statt die Zukunft anzugehen – immer mehr faule Kompromisse geschmiedet werden, die keinen weiterbringen.

Da stehen wir nun. Ein Teil von uns sogar auf der Straße: nicht die Mitte der Gesellschaft, sondern die, die sich sonst auch engagieren. Immerhin, diejenigen, die jetzt Flagge zeigen in der Republik, sind zahlenmäßig sehr viel mehr als diejenigen, die sonst mit dumpfer Deutschtümelei durch die Städte johlen. Und das ist gut so.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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