Interview
Der Dalai Lama: Symbol, Projektionsfläche, Machtfigur?
Herr Schulz, bei Tibet denken hierzulande viele an buddhistische Mönche in orangefarbenen Roben und natürlich an den Dalai Lama. Wie hat sich das Bild des Westens vom Dalai Lama über die Jahrzehnte entwickelt?
Im Westen ist der Dalai Lama von einem Menschen, der für politische wie religiöse Angelegenheiten zuständig war, zu einem geworden, der allein für Religion zuständig war – und teilweise auch zu einem Entertainer. Eine bekannte deutsche Journalistin hat mal geschrieben, dass die Menschen sein Lächeln sehen wollen – aber seine politische Botschaft sie nicht mehr interessiert. Das ist schon locker 20 Jahre her.
Wie sehen Sie die Rolle des Dalai Lama im Dialog zwischen Ost und West, besonders im Hinblick auf den interkulturellen Austausch?
Der Dalai Lama ist nicht der erste, der östliche Kultur in den Westen gebracht hat; das gibt es ja alles schon seit Jahrhunderten, man denke an die Theosophische Gesellschaft, eng verbunden mit den Anthroposophen, man denke an C. G. Jung. Auch an die ganze Asienbegeisterung der deutschen Romantiker. Ich finde sein Verdienst um die tibetische Kultur leider nicht so groß. Wir haben so nicht sehr viel mehr über das eigentliche Tibet gelernt als das, was schon vorher darüber vom Westen behauptet wurde, etwa in dem Klassiker Shangri-La des britischen Schriftstellers James Hilton oder gar in Lobsang Rampas Erzählungen über seine vermeintlichen Erlebnisse dort.
Der Dalai Lama ist fast 90 Jahre alt, also älter als der mit 88 Jahren gestorbene Papst Franziskus. Dessen Gesundheitszustand war schon lange vor seinem Tod immer wieder Thema. Was ist über den Zustand des Dalai Lama bekannt und wie wird sein Nachfolger bestimmt?
Die Exiltibeter werden die Nachfolge bestimmen wollen. Vermutlich werden sie nicht so dumm sein, ihn wie damals bei Panchen Lama erneut in der Tibetischen Autonomen Region
zu suchen, wo sie hereingelassen wurden, dann aber extreme Schwierigkeiten bekamen: Der von ihnen auserkorene Junge wurde nicht akzeptiert, die Chinesen stellten mithilfe der Tradition der sogenannten Goldenen Urne einen Gegenkandidaten auf. Wer heute nach dem verschollenen Kandidaten der Exiltibeter fragt, bekommt die Antwort, Öffentlichkeit tue ihm nicht gut, sein Befinden sei aber gut. Der chinesische Kandidat etablierte sich unterdessen als ein Klerusvertreter, der chinesische Staatsdoktrin mit Buddhismus verbinden wolle.
Wie lief es damals genau ab, als der Dalai Lama gefunden wurde?
Der derzeitige Dalai Lama wurde auf der Basis einer Vision und von Orakelsprüchen gefunden, er wurde identifiziert, weil er gewisse Gegenstände „erkannte“, als eine Delegation ihn aufsuchte. Wie beschrieben, die Chinesen setzten beim Panchen Lama auf die „Goldene Urne“. Auch über die Methoden zur Auffindung wird also gestritten. Gut möglich auch, dass der Nachfolger aus Sicht der Exilführung in Dharamsala nicht in China, nicht mal in Asien gefunden werden soll, er könnte ja auch in den USA ermittelt werden. Es ist absehbar, dass es darüber zu Konflikten kommen wird. Es läuft jetzt schon im Hintergrund ein Wettrennen. Und der Gesundheitszustand des Dalai Lama ist deshalb schon heute eine politische Angelegenheit.
Was fasziniert Sie persönlich an Tibet?
Mich fasziniert eine gewisse Rauheit des Landes und der Menschen, die dort leben. Von den Bauern bis hin zu den Nomaden. Besonders Letztere leben unter Bedingungen, die herausfordernd sind: Kälte, Hitze, Wassermangel etwa. Das macht etwas mit den Menschen. Was ich auch mag, ist der weit verbreitete „Aberglaube“, so würde wir es ja sagen. Der Glaube an die Geister im Wasser, an Omen; daran, an bestimmten Tagen nicht reisen zu dürfen… Vielleicht auch, weil uns solche Denkweisen vertraut sind.
Auch im tibetischen Kulturkreis nimmt solches Denken natürlich ab. Und ich mag den Buddhismus. Vielleicht mehr als Weltanschauung denn als Religion. Was ich nicht mag, sind die Klischees, mit denen Tibet vielfach verbunden wird: die Vorstellung von einem in irgendeiner Weise von Spiritualität durchdrungenen Volk, die Vorstellung einer total gerechten Gesellschaft, in der zum Beispiel Ökologie, Pazifismus oder Frauenrechte schon traditionell eine Rolle spielten. Denn das ist weitgehend Unsinn und westliche Projektion.
Welche Rolle spielt die tibetische Gemeinschaft im Exil heute?
Die tibetische Gemeinschaft ist nicht besonders stark im politischen Sinne. Im Westen wird oft überschätzt, welche Bedeutung sie hat. Das Interesse an Tibet im Westen ist eben auch arg abgeschwollen. Aber natürlich beeinflusst sie das Erbe des Dalai Lama. Sie modernisiert sich nur langsam, Klerus und Adel haben weiter einen wichtigen Einfluss.
Wer zählt denn sonst alles zu den Tibetern?
Als Tibeter fühlen sich alle im tibetischen Kulturkreis. Als Exiltibeter jene, die aus Tibet geflohen sind; vor allem bekanntlich nach Indien, nach Nepal, auch in die USA und die Schweiz und andere Länder. Und natürlich deren Nachkommen.
Das Land hat eine bewegte Geschichte und geriet immer wieder in den Mittelpunkt regionaler Machtkämpfe. Welche historischen Ereignisse ragen heraus?
In jüngster Zeit natürlich die Annexion durch die Chinesen 1951. Die darauf folgende Flucht des Dalai Lama nach Indien, wo er zum Glück aufgenommen wurde. Damit verbunden war eine Art Spaltung der Tibeter: in viele Exiltibeter, andererseits die in China verbliebenen Tibeter. Was die Tibeter auch in früherer Vergangenheit geprägt hat, waren lange Phasen der Abgeschottenheit. Es waren ja vielfach die Chinesen, die als „Schutzmacht“ verboten, dass Ausländer reinkamen. Aber Tibet ist nicht gleich Tibet: Das gilt nur für die zentralen Regionen, besonders Dbus und Tsang, andere Bereiche waren ja deutlich offener, da gab es Handel und Kontakte nach außen. Oft wird vergessen, dass Tibet einmal ein Großreich war, das weite Teile Zentralasiens dominiert hat – bis ins 9. Jahrhundert. Die Tibeter haben das nie vergessen…
Wie haben Sie Tibet seit Ihrem ersten Besuch in den 1980er-Jahren erlebt? Welche Veränderungen sehen Sie?
Im tibetischen Kulturkreis hat sich einiges verändert. Es ist aber sehr unterschiedlich, je nachdem, wohin man hinschaut. Am besten kenne ich den Nordwesten, Ladakh und die umliegenden tibetischen Regionen in Indien. Dort hat eine gewisse Modernisierung Einzug gehalten, gleichzeitig sind die Menschen dort sehr geprägt von traditionellen Vorstellungen, ihre Identität ist die von Tibetern, das hat mit dem Einfluss des Dalai Lama und der CTA (der tibetischen Exilregierung in Dharamsala, die Redaktion) zu tun. Aber was diese Tradition nun ist, ist die Frage: Es gibt Wissenschaftler, durchaus auch Tibetologen, die sagen, dass die tibetische Tradition eine ost-westliche Fiktion ist, die sehr viel mit den Klischees zu tun hat, die der Westen von Tibet pflegt. Und die übrigens auch die Exiltibeter gepflegt haben, um den Westen im Zuge einer PR-Kampagne nach der Flucht des Dalai Lama und erfolglosen Versuchen bei den Vereinten Nationen – inklusive eines erfolglosen Guerilla-Kriegs, unterstützt von den USA – für sich zu gewinnen. Tatsächlich ist mein Eindruck, dass am meisten Veränderung dort stattgefunden hat, wo die Exilregierung eher weit weg war. Etwa in Khumbu am Everest, wo viele Menschen versuchten eine moderne Religiosität und Identität als – in dem Fall im vielleicht etwas weiteren Sinne – Tibeter zu entwickeln. Ähnlich in Lhasa selbst, wo junge Leute auch mal gegen die genannten Klischees lebten. Und natürlich bei den Exiltibetern in der Metropole Neu-Delhi.
Wie viel Macht hat der Dalai Lama heute, insbesondere im Hinblick auf die Beziehungen zwischen Tibet und China?
Der Dalai Lama ist weitgehend machtlos. Im weltlichen Sinne. Seine politische Macht in der CTA hat er ja ohnehin bereits vor eineinhalb Jahrzehnten aufgegeben. Er ist nun nicht viel mehr als ein religiöser, spiritueller Führer. Damit hat er eine wichtige Funktion für die Kultur, für die tibetische Identität. Das wird dann erst im zweiten Schritt zu einem politischen
Aspekt. Aber er war ja mal ein weltlicher Führer. Als solcher hat er sich dem Westen präsentiert, als solcher hat er zunächst um mehr Freiheit von Tibet gekämpft. Aber er ist mit seiner
Kampagne gescheitert. Denn der Westen hat sich zwar immer als Fürsprecher für Tibet gesehen, moralisch stand ihm das gut zu Gesicht, er hat sich damit geschmückt. Aber wirklich für die Freiheit Tibets zu kämpfen, das hat er nicht getan.
Wie würden Sie das Erbe des Dalai Lama für die tibetische Kultur und Spiritualität zusammenfassen?
Die tibetische Kultur ist in mancher Hinsicht geschliffen wie physisch die Klöster, die die Chinesen nach der Annexion zerstört haben. Und damit auch die klerikale und feudale Lebensweise in ihrer damaligen Form in Zentraltibet. Aber es ist auch viel erhalten geblieben, es ist viel wieder aufgebaut worden. Viele geistige Schätze, wie Bücher, sind erhalten und können gar nicht mehr zerstört werden. Jenseits der Grenzen Chinas, etwa in Indien, ist die tibetische Kultur in ihrer weitgehend ursprünglichen Form erhalten geblieben – mehr als in den chinesischen Gebieten. In China wird versucht, den tibetischen Buddhismus auf Staatslinie zu bringen, etwa die Klöster zu kontrollieren. Sie wollen den tibetischen Buddhismus in „ihre“ Organisationen (etwa die Buddhist Association of China) integrieren. Das verändert natürlich die Religion.
Wie oft haben Sie selbst Tibet besucht?
Ich war seit den späten Achtzigern bis in die jüngste Gegenwart sicher mehr als ein Dutzend Mal im tibetischen Kulturkreis. Der ist ja weit größer als die TAR, die Tibetische Autonome Region in China. Und es zählen dazu ja auch die Gebiete, in denen sich viele Exiltibeter angesiedelt haben, besonders in Indien. Die TAR zu bereisen, was ja als Journalist noch einmal schwieriger ist als ohnehin, ist mir leider nur einmal gelungen: Ich glaube nicht, dass es nach Veröffentlichung meines Buches leichter wird ...
Warum glauben Sie das?
In dem Buch kritisiere ich die chinesische Regierung und ihr Vorgehen in Tibet. Insbesondere die Annexion Tibets. Dort gibt es bis heute anhaltende Verstöße gegen die Menschenrechte, außerdem keine freie Religionsausübung und keine Freiheit der öffentlichen Rede. Vieles gilt gleichermaßen für die Volksrepublik China insgesamt.
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.