Beweger
Der Architekt, der schön, aber wackelig baute
Stellen Sie sich vor, Sie besäßen ein Grundstück im Grünen, mitten im Wald, durch das ein felsiger Bach fließt. Wo auf diesem Grundstück würden Sie Ihr Haus errichten? Die meisten würden wahrscheinlich antworten: mit Blick auf den Bach und die Bäume, wo denn sonst? So denkt auch Edgar Kaufmann Sr., Warenhausbesitzer aus Pittsburgh, als er 1934 ein Wochenendhaus in Auftrag gibt.
Sein Architekt Frank Lloyd Wright hat jedoch andere Vorstellungen: Er baut das Haus nicht neben den Bach, sondern obendrauf. Eine Kaskade Beton-Balkone schwebt über dem Wasser, gehalten wird die gewagte Konstruktion von einem steinernen Turm. Ein moderner Betonbau im Wald? Klingt widersprüchlich, ist es irgendwie auch, doch es funktioniert. Das Haus fügt sich nahtlos ein ins Bild, scheint die Natur zu ergänzen, fast schon dort gewachsen zu sein.
Im Jahr 2000 kürt das American Institute of Architects „Fallingwater“, das Haus auf dem Wasserfall, zum Gebäude des Jahrhunderts, seit 2019 gehört es mit sieben anderen Entwürfen Wrights zum Unesco-Weltkulturerbe. Zu Recht, würde der vermutlich sagen. Bescheidenheit ist seine Stärke nicht. Als er einmal vor Gericht als Zeuge aussagen muss, stellt er sich als „der beste Architekt der Welt“ vor. Der Richter fragt, was ihn zu dieser Aussage verleite; Wright antwortet, er habe keine Wahl, er stehe schließlich unter Eid.
Von über 1000 Gebäuden wird die Hälfte gebaut
1114 Gebäude entwirft Frank Lloyd Wright in seiner 70-jährigen Karriere, 532 davon werden realisiert. Als er mit knapp 92 Jahren stirbt, hat er nicht nur eine beachtliche Karriere hinter sich, sondern ein filmreifes Leben: Zu den Skandalen und Schicksalsschlägen in Wrights Leben, schreibt Ada Louise Huxtable in ihrer Biografie des Star-Architekten, zählen Scheidung, Strafverfolgung, Bankrott, Brandstiftung und Mord.
Aber der Reihe nach. Geboren wird Frank Lloyd Wright 1867 in Richland Center, Wisconsin. Der Vater ist Musiker und Pastor, mehrfach zieht die Familie um, ehe sie sich in Madison niederlässt. Mutter Anna fördert das künstlerische Interesse ihres Sohnes, sorgt aber auch dafür, dass er lernt anzupacken: auf den nahe gelegenen Farmen ihrer Familie, des aus Wales stammenden Lloyd-Jones-Clans.
1885 lassen sich die Eltern scheiden. Um die Familie zu unterstützen, jobbt Frank neben dem Studium als Assistent am Lehrstuhl für Ingenieurwesen. Doch einen Abschluss macht er nie. 1888 schmeißt er das Studium, geht nach Chicago. Er habe darauf gebrannt, die echte Welt kennenzulernen, wird er später sagen. Wer wolle da schon auf ein wertloses Stück Papier wie ein College-Diplom warten? Rebellisch, unangepasst, ein bisschen exzentrisch – so gibt sich Wright gern.
Der Wolkenkratzer kommt
Chicago als Ausgangspunkt für seine Karriere ist klug gewählt. Die Stadt boomt, an allen Ecken und Enden wird gebaut, Architekten und Ingenieure experimentieren mit neuen Materialien und Methoden und schaffen die Basis für die Entstehung des Wolkenkratzers, der im 20. Jahrhundert das Gesicht der Großstadt radikal verändern wird.
Schon bald kann Wright einen Job beim renommierten Architekturbüro Adler und Sullivan ergattern. Einer der Gründer, Louis H. Sullivan, wird zu seinem Mentor. Die beiden, schreibt Biografin Huxtable, eint der Wunsch, eine neue Form der Architektur zu schaffen, angepasst an die sich wandelnden Lebensbedingungen des Landes. Die für den Job so wichtigen sozialen Kontakte knüpft Wright über die Kirchengemeinde seines Onkels, die auch einflussreiche Intellektuelle anzieht; Sozialreformerin Jane Addams etwa ist regelmäßig zu Gast im Hause Lloyd Jones.
Auf einer Kostümparty der Gemeinde lernt Wright die junge Catherine kennen, knapp 18 Jahre alt ist sie, als die beiden heiraten. Der Nachwuchs – insgesamt sechs Kinder – kommt Schlag auf Schlag. Die Familie braucht Platz, und so baut Wright ein Haus im Vorort Oak Park. Da ihm die Kosten jedoch bald über den Kopf steigen, nimmt er Bauaufträge in seiner Freizeit an, obwohl sein Vertrag bei Adler und Sullivan das ausdrücklich verbietet. Als das auffliegt, wird Wright gefeuert.
Die Weite der Prärie im Wohnzimmer
Er macht sich daraufhin selbstständig. Wright will einen eigenen Stil kreieren, einen genuin amerikanischen, keine Kopien europäischer Bauten, wie es damals oft der Fall ist. Inspirieren lässt er sich in seinen Entwürfen von Amerikas Landschaft: von der Prärie mit ihrer Weite, mit ihrem scheinbar endlosen Horizont.
Das Ergebnis sind niedrige, langgezogene Häuser, mit flachen, leicht überhängenden Dächern und vielen Flügelfenstern. Wright nimmt den Menschen als Maßstab, verzichtet auf die für viktorianische Häuser typischen hohen Decken und Türen. Statt eines klassischen Salons schafft er einen offenen Raum, in dem Wohn-, Ess- und Arbeitszimmer ineinander übergehen. Mit einem großen Kamin im Zentrum, um den sich die Familie versammelt wie beim Campen ums Lagerfeuer. „Prärie-Stil“ wird dieser Typ Haus später genannt.
Zahlreiche Terrassen verbinden zudem das Innere des Hauses mit seiner Umgebung. Natur und Architektur, das ist Wrights Philosophie, sollen eine harmonische Einheit bilden, ein stimmiges Ganzes. Organische Architektur nennt Wright das. Oft entwirft er nicht nur das Gebäude an sich, sondern auch sein Innenleben: Keramik, Fliesen, Teppiche, Möbel, Lampen, ja zum Teil sogar Kleidung für die Bewohner. Kein Detail überlässt Wright dem Zufall.
Flucht nach Europa
So klar und geradlinig seine Entwürfe sind, so turbulent ist sein Privatleben. Wright lebt für die Arbeit, seine Häuser sind seine Kinder, gibt er einmal zu. Mit Ehefrau Catherine teilt er nur wenige Interessen. Schließlich ergreift er mit Anfang 40 die Flucht: Er geht nach Europa, begleitet von seiner Geliebten Mamah. Was aus seiner Familie, seinen Projekten, seinen Schulden wird, kümmert ihn wenig. Man könnte auch sagen: Wright steckt tief in einer Midlife-Crisis.
Die Zeit in Europa, sein „freiwilliges Exil“, nutzt er, um zwei Bücher über sein bisheriges Schaffen zu veröffentlichen, die ihn auch außerhalb Chicagos bekannt machen. Als ihm das Geld ausgeht, kehrt er zu Catherine zurück, allerdings nur für eine Weile. Er zieht die Trennung durch, auch wenn die Scheidung erst Jahre später rechtskräftig wird. Sah er sich bisher nur als Außenseiter, ist er es nun für eine Weile tatsächlich. Die Klatschpresse berichtet ausführlich über ihn, die Chicagoer Gesellschaft ist empört.
Für seine neue Liebe braucht der Architekt, klar, ein neues Heim. Es zu bauen, ermöglicht Wright seine Mutter Anna. Auf einem ihrer Grundstücke im Helena Valley errichtet er Taliesin, eine Kombination aus Wohnhaus und Atelier. Der Name stammt aus dem Walisischen und bedeutet „schimmernde Stirn“. 1911 starten die Bauarbeiten, und dank seiner Bücher erhält Wright – Skandal hin oder her – bald auch größere Aufträge.
Ein Mord in der Familie
Das Glück des Architekten währt jedoch nicht lange. 1914 wird Taliesin Schauplatz grausiger Morde. Der Hausmeister des Anwesens tötet sieben Menschen – darunter auch Mamah – mit einer Axt und brennt den Wohnbereich des Hauses nieder. Der Schock ist groß, doch Wright schwört, Taliesin wieder aufzubauen, im Gedenken an Mamah. „Nur die Arbeit ist erträglich“, schreibt er.
Die Tragödie bringt den Architekten erneut in die Schlagzeilen. Wright erhält Post, viele äußern ihr Mitgefühl. Darunter auch Maud Miriam Noel, die Wrights zweite Ehefrau wird. Für Stabilität in seinem Leben sorgt Miriam jedoch nicht, sie ist rasend eifersüchtig auf die verstorbene Mamah – wohl nicht ganz zu Unrecht.
Die Eifersucht seiner neuen Flamme bringt Wright sogar juristische Probleme, denn Miriam begleitet ihn stets auf seinen beruflichen Reisen. Eigentlich kein Problem – wäre da nicht der Mann Act aus dem Jahr 1910. Das Gesetz verbietet es, Frauen zu „unmoralischen Zwecken“ von einem Bundesstaat mit in den anderen zu nehmen. Eigentlich als Maßnahme gegen Menschenhandel mit Prostituierten geschaffen, nutzt man den Mann Act bald auch als Schikane gegen Ehebrecher. Als Miriam Frank von Illinois nach Wisconsin begleitet, wird der Architekt angezeigt, da er zu diesem Zeitpunkt noch nicht von Catherine geschieden ist. Die Anklage lässt man später fallen.
Vier Jahre Japan
Die Jahre 1918 bis 1922 verbringt Wright zum größten Teil in Japan, um das Imperial Hotel in Tokio zu bauen. Kurz nach Rückkehr scheitert die Beziehung zu Miriam. Lange allein ist Wright nicht, er lernt die 30 Jahre jüngere Olga kennen, mit er ein Kind bekommt, noch ehe er sie heiraten kann. Schon wieder ein Skandal. Und dann wird er außerdem noch obdachlos: Als er die Hypothek für Taliesin nicht mehr zahlen kann, setzt die Bank ihn vor die Tür.
Die Rettung kommt in Form zweier Freunde, die ihn nach Arizona einladen. In der Wüste errichtet Wright ein neues Atelier: Taliesin West, sein Winterquartier. Aufträge sind eh rar, 1929 erschüttert die Weltwirtschaftskrise das Land.
Um Geld in seine notorisch klamme Kasse zu spülen, gründet Wright das „Taliesin Fellowship“: Gegen eine Gebühr von 1100 Dollar pro Nase und Jahr haben bis zu 30 junge Menschen die Gelegenheit, vom Meister zu lernen. Das Programm ist keine klassische Architekturschule, Mitarbeit auf der angeschlossenen Farm und im Haushalt ist Pflicht, es gibt Konzerte, Lesungen, Schauspielvorstellungen, Kurse in Kunsthandwerk. Die einen finden in Wrights Programm Inspiration, andere sehen es als Abzocke und Ausbeutung und verschwinden schnell wieder.
Die autarke Stadt und die Spirale
Anfang der 30er Jahre veröffentlicht Wright zudem seine Vision für Amerikas Stadt der Zukunft: „Broadacre City“, die weite Stadt. Statt dicht besiedelter Ballungsräume stellt sich Wright eine dezentrale Stadt vor, in der die Bewohner möglichst autark auf einem eigenen Stück Land leben sollen. Wichtige Infrastruktur – Schulen, Geschäfte, Verwaltung – soll bequem mit dem Auto erreichbar sein.
Realisiert wird von „Broadacre City“ lediglich das Einfamilienhaus, das Wright für seine Stadt plant. Das meist L-förmig angelegte „Usonia-Haus“ ist angepasst an die neue Mittelschicht der USA: Der Kamin steht weiterhin im Zentrum des Hauses, ein Esszimmer für offizielle Anlässe gibt es aber ebenso wenig wie Räume für Angestellte. Die Küche grenzt direkt an den Essbereich im Wohnzimmer. Erschwinglich und einfach im Bau, schlicht, aber einladend gestaltet, entstehen ab 1936 etwa 50 dieser Häuser.
Das wohl wichtigste Projekt in Wrights letzten Lebensjahren wird das Guggenheim-Museum in New York, das vor allem abstrakte Kunst zeigt. Grundform des Museums ist eine Rotunde, die verschiedenen Etagen ziehen sich spiralförmig durch das Gebäude. Doch weder Wright noch der Namensgeber erleben die Fertigstellung des markanten Baus: Solomon R. Guggenheim stirbt bereits 1949, Wright 1959, sechs Monate vor der Vollendung.
Frank Lloyd Wright war ein Mensch mit Fehlern und Schwächen, und solche Gebäude schuf er auch. Manche seiner Konstruktionen standen – wortwörtlich – auf wackeligen Beinen, technische Machbarkeit stand für ihn an zweiter Stelle. Wright, schreibt die Stiftung, die sich um sein Andenken kümmert, ging es vor allem um Schönheit. „Er war überzeugt, dass jeder Mann, jede Frau und jedes Kind das Recht auf ein schönes Leben in einer schönen Umgebung hat.“ So gesehen, kann man Wrights Schaffen auch als architektonische Interpretation der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung lesen.