Musik
Das Trautonium: Warum das „Hitchcock-Instrument“ ausstirbt
Peter Pichler sitzt vor einem großen Kasten aus Nussholz, der mit Dutzenden orangefarbenen Knöpfen gespickt ist. Mit den Händen erzeugt er krächzende Töne und spielt die Melodie aus dem Zwei-Personen-Psychothriller „Als lebten wir in einem barmherzigen Land“, für den er seit Januar in den Münchner Kammerspielen engagiert ist. Es ist eines seiner drei Trautonien, auf dem der studierte Gitarrist spielt. Die beiden anderen stehen in seinem Studio in München, unweit des Olympiaturms, wo der gebürtige Bad Tölzer aufgewachsen ist.
Im Erdgeschoss eines Hauses, in dem es keinen stört, wenn er bis zu zehn Stunden am Tag auf seinem Instrument übt, hat er sich dort sein persönliches Refugium geschaffen. Umgeben von Dutzenden Gitarren und Fotos an den Wänden, die Franz Schubert oder Marlene Dietrich zeigen. Und mittendrin über dem kleineren der beiden Trautonien, dem Volkstrautonium, ein Farbfoto mit Oskar Sala – einer der Väter des Trautoniums. Neben ihm steht ein junger schlanker Mann mit schwarzen Haaren und ganz in Schwarz gekleidet – Peter Pichler. 1996 hat er den Musiker und Naturwissenschaftler Sala in Berlin besucht und sich von ihm das Trautoniumspielen zeigen lassen.
Obertöne und Untertöne
Das Trautonium ist ein elektronisches Musikinstrument, sozusagen der Ur-Synthesizer. Der Ingenieur Friedrich Trautwein erfand es Ende der 1920er-Jahre an der Rundfunkversuchsstelle in Berlin. In der Folge wurde das Instrument von ihm, zum Teil gemeinsam mit dem Musiker und Naturwissenschaftler Oskar Sala, weiterentwickelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Sala mit dem Mixturtrautonium die klanglichen und spieltechnischen Möglichkeiten noch einmal erheblich erweitert. Wie das Konzerttrautonium besaß es zwei Pedale und Manuale. In diese brachte er Flüssigkeitswiderstände ein. Dafür erhielt er ein Patent. Das neue Instrument baute er ausschließlich auf subharmonischen Frequenzvariationen auf, die Töne wurden durch Frequenzteilung aus einem Grundton abgeleitet. Die sogenannte „Subharmonische Reihe“ oder Untertonreihe verstand Sala als Umkehrung der Obertonreihe: Entsteht die Obertonreihe durch Vervielfachung, so die Untertonreihe durch Teilung der Frequenzen. Ende der 1960er-Jahre kam der Synthesizer, ein zu den Elektrophonen gezähltes Musikinstrument, auf den Markt. Es erzeugt auf elektronischem Wege Töne per Klangsynthese und ist eines der zentralen Werkzeuge in der Produktion elektronischer Musik.
Pichler wollte mit Oskar Sala in Berlin seine eigene Komposition umsetzen, mit dem Mann, der mit dem Trautonium rund 300 Filme vertont hat. Darunter Alfred Hitchcocks „Die Vögel“ von 1963. Pichler setzt sich an das größere der beiden Trautonien, das sogenannte Mixturtrautonium, ein Nachbau des Berliners Jürgen Hiller. Links von sich auf dem Laptop lässt er Hitchcocks legendären Film laufen, in dem Menschen von Vögeln angegriffen werden. Er dreht an einem der knapp 80 orangefarbenen Knöpfe. Es klingt zunächst wie Meeresrauschen. „Mit dem Rauschgenerator kann man den Flügelschlag der Vögel viel schrecklicher nachmachen, als ihn echte Vögel haben“, sagt Pichler. Er erklärt, wie Sala zunächst das Probeflattern aufgenommen, und während er weitere Noten spielte, den aufgenommenen Abschnitt dazu einspielte. „Also elektronische Vögel fallen über die Menschheit her.“
Hausinstrument Nummer eins
Es war eine Glanzstunde für das Instrument, das gut 40 Jahre zuvor von Friedrich Trautwein erfunden und nach ihm benannt worden war. Sala, Schüler von Paul Hindemith, der für das Instrument komponierte, hatte es später zum Mixturtrautonium weiterentwickelt. Pichler schwärmt, wie zukunftsorientiert die Menschen damals waren: „Sie wollten ein Instrument erfinden, das man direkt in den Äther schicken kann, ein elektronisches Instrument, den Sound für das elektronische Licht, die Wärme der Zentralheizung für die Musik.“ Es sollte die Flöte als Hausinstrument Nummer eins ablösen. Dafür hatte seit 1931 die Firma Telefunken gemeinsam mit Trautwein und Sala gearbeitet und 1933 ein neues Modell auf der Berliner Funkausstellung präsentiert. Pichler zeigt, wie er seines – einen rund zehn Kilogramm schweren Nachbau – zusammenklappen kann. Mithilfe von Hindemith, der während seiner Zeit als Hochschullehrer in Berlin die Entwicklung begleitete, erschien dazu das Lehrwerk die „Trautoniumschule“. „Die haben gedacht, Millionen werden es brauchen“, sagt Pichler.
Entgegen der landläufigen Vorstellung hat elektronische Musik nichts mit Tasten zu tun. Pichler legt seinen rechten Zeigefinger auf eine Saite, die er auf eine Metallschiene drückt. Dadurch entsteht ein Stromkreislauf, ein Ton wird hörbar. Er gleitet mit dem Finger stufenlos nach oben oder unten, schaltet einen nächsten Ton dazu, und noch einen und noch einen. „Ich habe jetzt vier Klänge mit einer Note“, sagt er. Das kann er mit allen Tönen machen. Zusätzlich kann er sie mit vier Fußschaltern, den Pedalen, verändern. „Das ist einfach das Tolle und dadurch habe ich ganz spezielle Klänge“, sagt er. Geräusche sind zu hören, als ob ein Motorrad davonrast oder ein Flugzeug startet.
Es gebe wahnsinnig viele Werke für Trautonium mit Klavier, Orchester oder Gesang. „Doch leider hat niemand diese Werke je aufgeführt“, sagt Pichler. Harald Genzmer, ebenfalls Schüler von Hindemith, habe sehr viel dafür komponiert. Dessen Werke für Orchester, für Klavier und einen Teil für Gesang hat Peter Pichler in den vergangenen Jahren eingespielt. „Ich spiele die verloren gegangene Zukunft der Musik“, sagt Pichler. Nach der Machtübernahme der Nazis sei es mit dem Instrument aus gewesen. Hindemith wurde als „atonaler Geräuschemacher“ gebrandmarkt, seine Werke verboten. Er emigrierte zunächst in die Schweiz, dann in die USA. „Das Trautonium verkörpert eine Schattenwelt, eine imaginäre, weit utopische Welt oder Zukunftswelt“, meint Pichler. Im Gegensatz zu den anderen elektronischen Instrumenten ist es nicht wohltemperiert.
Für den Klassiker zu kompliziert
Solche Töne haben Pichler schon immer fasziniert. Als Teenager spielte er in der Punkband „Condom“, die verboten wurde. Nach der Punkerfahrung studierte Pichler klassische Gitarre und Renaissancelaute am Mozarteum Salzburg, dem Leopold Mozart Konservatorium Augsburg und der staatlichen Hochschule für Musik in Karlsruhe. „Mein Vater wollte, dass ich Oberkellner werde“, erzählt er. Die Familie väterlicherseits war in der Gastrobranche.
Pichler hat mit der Gitarre zahlreiche Preise gewonnen, strebte aber nie eine Solokarriere an. „Ich bin im Grunde meines Herzen immer noch Punker“, sagt er stets zu seiner 21-jährigen Tochter. Sie spiele manchmal auf dem Trautonium in seinem Studio, aber Unterricht darauf gibt er niemandem. Nur Gitarrenunterricht: 65 Schülern an drei Tagen die Woche. Ansonsten komponiert er für Film, Fernsehen, Theater und übt auf dem Trautonium, bringt es in die Welt. Im April 2019 sorgte er dafür, dass das Instrument erstmals außerhalb Europas gespielt wurde. Er ging damit auf Konzert- und Workshoptournee durch Australien. 2021 nahm er am San Remo Musikfestival teil. Außerdem engagierte ihn im selben Jahr die Oper Stuttgart für die Neuinszenierung „Die Verurteilung des Lukullus“, um Dessaus und Brechts Oper seit Jahrzehnten erstmals wieder mit der Original-Instrumentierung aufzuführen. Dass das Instrument aber einmal doch noch eine Blütezeit erleben wird, daran glaubt Pichler nicht. „Für einen Technofreak ist es zu langweilig. Für den Klassiker zu kompliziert“, sagt er und übt weiter.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.