Radsport RHEINPFALZ Plus Artikel Beziehung zwischen Weltcup und Wald: Wie zwei Radsportler in der Pfalz ihr Glück fanden

Der Pfälzer Luca Spiegel gratuliert der Irin Lara Gillespie zu ihrem Sieg im Ausscheidungsrennen bei den Weltmeisterschaften in
Der Pfälzer Luca Spiegel gratuliert der Irin Lara Gillespie zu ihrem Sieg im Ausscheidungsrennen bei den Weltmeisterschaften in Santiago de Chile. Das Foto ging um die Welt.

Gemeinsam gejubelt, bei Olympia gezittert. Viel unterwegs, selten zuhause – und doch angekommen: Die Geschichte eines Sportlerpaars zwischen Fernbeziehung und Heimatgefühl.

Wenn eine Irin, die ihr Land liebt, mit ihrer Familie in einer Parklandschaft lebt und glücklich ist, ihr „Schloss“ verlässt, in die Pfalz zieht und inzwischen vom Pfälzerwald so schwärmt, als hätte sie nie etwas Schöneres gesehen, dann muss etwas passiert sein, das sie völlig aus der Bahn geworfen hat. In dem Fall ist es die Begegnung zweier Bahnradfahrer, mit der das Märchen von Lara Gillespie (25) und Luca Spiegel (22) begann.

Das erste Mal gesehen haben sich die Beiden beim Weltcup in Australien. Er trug das deutsche Nationaltrikot, sie das irische. In Hongkong sahen sie sich wieder und schmiedeten gemeinsame Pläne: Sie wollten zusammen zum Trainingslager nach Mallorca fahren. „Wir durften aussuchen, wo wir zwei Wochen lang trainieren wollten“, erzählt die Irin und strahlt. Sie buchten via Airbnb eine Unterkunft und hatten ein „sehr gutes Trainingslager mit einem sehr guten Fitnessstudio“, schwärmt Gillespie. Natürlich hatten sie auch Freizeit, Zeit, um Schwimmen zu gehen und sich besser kennenzulernen, „aber natürlich auch zu trainieren“, erzählt sie grinsend. Luca Spiegel spricht über das, was auf der Insel passierte, etwas vorsichtiger: „Wir haben gemerkt, dass wir uns wiedersehen wollen.“

Plötzlich ein Schlag

Die Irin kam nach Deutschland, weil von dort aus die Wege zu den Rennen in Belgien nicht so weit seien, die sie für ihr UAE-Team fährt. Drei Wochen war sie in der Pfalz. Luca Spiegel lebte damals noch in einer Wohngemeinschaft. Mit Henric Hackmann und Alessa-Catriona Pröpster, die wie er zum Bahnradteam Rheinland-Pfalz gehören, wohnte er in der umgebauten ehemaligen Hausmeisterwohnung des Kaiserslauterer Heinrich-Heine-Gymnasiums.

Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris war das neue Traumpaar am Start, konnte sich aber nur kurz sehen. „Die deutsche Nationalmannschaft war nicht im olympischen Dorf untergebracht, sondern in einem Hotel“, erzählt der gebürtige Landauer Spiegel und fügt an, dass seine Freundin in einem „Schloss“ hinter Versailles untergebracht gewesen sei. Sie sahen sich nur zwischendrin mal nach längeren Taxifahrten für ein paar Minuten auf einen Kaffee oder für eine Stunde zum Kartenspielen.

Doch am letzten Wettkampftag waren beide heftiger verbunden, als sie dachten. Lara Gillespie startete im Omnium, hatte ihr zweites Rennen beendet, bereitete sich auf ihr drittes vor. Sie wärmte sich in der Mitte auf, während Luca Spiegel auf die Bahn ging. Gillespie versuchte sich auf ihr Rennen zu konzentrieren, plötzlich hörte sie einen Schlag. „Ich dachte nur, oh nein, versuchte mich aber auf mein Rennen zu fokussieren.“ Doch ihr Trainer kam zu ihr und sagte, dass Spiegel gestürzt sei. Gillespies Familie saß im Publikum. Sie fragte ihre Schwester, ob es ihm gutgehe. „Er steht wieder“, beruhigte ihre Schwester sie und sie rang mit sich: „Mein Herz wollte zu ihm laufen, um zu sehen, wie es ihm geht.“ Sie fuhr ihr letztes Rennen taktisch schlecht, wie sie sagt, weil sie in Gedanken bei Luca war. Der hatte Glück im Unglück, musste nicht ins Krankenhaus, war aber platt, nachdem er die Abschlusszeremonie noch hinter sich gebracht hatte. „Ich habe mich schlecht gefühlt, konnte mich nicht bewegen, bin ins Bett gefallen“, erzählt er. Gillespie blieb an seiner Seite. Dass ihre Familie, die aus Irland angereist war, sich in einer Kneipe versammelt und auf sie gewartet hatte, erfährt ihr Freund erst beim Gespräch mit der RHEINPFALZ am SONNTAG und ist völlig perplex: „Warum hast du mir das nicht gesagt? Es tut mir so leid. Ich habe das nicht gewusst“, sagt er, und seine Freundin strahlt ihn verliebt an.

An der Siebträgermaschine und am Herd ist Luca Spiegel der Chef.
An der Siebträgermaschine und am Herd ist Luca Spiegel der Chef.

Inzwischen sind die Beiden noch mehr zusammengewachsen. Luca Spiegel hat ihre Familie kennengelernt, war zum ersten Mal in Irland und hat sich sofort auch in das Land verliebt. „Als ich gelandet bin, aus dem Fenster geschaut habe, war alles grün, das Wetter war toll“, schwärmt er. Und muss dann grinsen, als er sich an die erste Aktion erinnert, als er von der Familie abgeholt wurde: „Der Hund hat ins Auto gekotzt. Es hat ein bisschen gerochen.“

Von der Familie aufgenommen

Aber er war da in Gedanken ohnehin woanders. „Ich war super nervös, schließlich bin ich ja das erste Mal zu ihr nach Hause gekommen, habe ihre Familie, ihre Freunde getroffen.“ Er hatte eine Flasche Pfälzer Wein im Gepäck und machte sich umsonst Sorgen. Alle nahmen ihn mit offenen Armen auf, waren begeistert von ihm.

Als Gillespie vier Stunden Radtraining auf dem Plan hatte, parkte sie den Pfälzer bei ihrer Schwester, die im Nationalpark arbeitet. Mit ihr verstand er sich sofort blendend, sie brachte ihm die Natur näher. Spiegel fühlte sich wohl auf dem Anwesen, bei den Hühnern, dem Esel, der Katze, dem Hund und der netten Familie.

Diese Wohlfühlumgebung hat Lara Gillespie verlassen. „Ich bin es gewohnt, habe das immer fürs Training und die Rennen zurückgelassen. Manchmal sitze ich hier und denke mir, ich vermisse die Natur, mit Freunden im See zu schwimmen. Aber von dort aus ist alles komplizierter, der Transport der Fahrräder mit dem Flugzeug. Es ist einfacher, hier zu leben und ich bin glücklich, dass ich Luca sehe.“

 Inzwischen haben es sich die Beiden eingerichtet in ihrer Wohnung in Dansenberg, auch wenn sie selten zuhause sind. Luca Spiege
Inzwischen haben es sich die Beiden eingerichtet in ihrer Wohnung in Dansenberg, auch wenn sie selten zuhause sind. Luca Spiegel und Lara Gillespie fühlen sich wohl in der Pfalz.

Inzwischen sind die Zwei aus der WG ausgezogen. Das Zimmer war zu klein, sie haben sich ihren eigenen Rückzugsort gesucht. Es hat nicht lange gedauert, bis sie den gefunden haben. Beim zweiten oder dritten Versuch stießen sie auf eine kleine, gemütliche Wohnung in Dansenberg. Es hat zwar lange gedauert, bis sie einigermaßen eingerichtet war, und auch nach Monaten sind noch nicht alle Kisten ausgepackt. Aber das stört das Paar nicht wirklich. Kuscheln auf dem Sofa in Auto-Optik, ein Poster vom Eiffelturm und dem Olympia-Maskottchen erinnert an die Spiele von Paris. Spiegel frönt seiner Kaffeeleidenschaft als Hobby-Barista und zaubert gekonnt Muster in den Milchschaum.

In der Welt daheim, in der Pfalz zuhause

„Es ist schön, heimzukommen, wenn man auf Rennen unterwegs war, viele Menschen getroffen hat. Hier ist es so schön ruhig. Man öffnet das Fenster und hört nichts außer Vögel“, sagt Spiegel. Auch wenn sie selten länger als eine Woche am Stück daheim sind, ist es ein Stück Heimat geworden.

Meist sind sie aber unterwegs: Spiegel ist zum Training in Frankfurt an der Oder, bei Rennen irgendwo auf der Welt. Dazwischen heimkommen, auspacken, waschen, wieder packen. Gillespie ist nicht nur auf der Bahn aktiv, sondern auch auf der Straße. Sie fährt mit dem UAE-Team Rennen in Belgien und startet beim Klassiker Paris-Roubaix, er dreht beim Weltcup in Perth Runden auf der Bahn. Gemeinsame Zeit ist hohe Kunst der Planung. Aktuell sind beide beim Weltcup in Malaysia.

Luca Spiegel hat seine Freundin in ihrer Heimat besucht. Vom ersten Mountainbikeausflug in Irland mit Sonnenuntergang schwärmt d
Luca Spiegel hat seine Freundin in ihrer Heimat besucht. Vom ersten Mountainbikeausflug in Irland mit Sonnenuntergang schwärmt das Pärchen noch heute.

Wenn sie zuhause sind, trainiert Spiegel mit dem Bahnradteam Rheinland-Pfalz und Trainer Frank Ziegler, während Lara Gillespie sich meist allein fit hält – nach dem Plan, den sie von ihrem Team bekommt. Sie war zum Trainingslager auf Mallorca, kam dann zurück mit Hausaufgaben, die sie theoretisch auch in Irland hätte erledigen können, aber es zog sie in die Pfalz. Gewichte stemmt sie im Kraftraum des Heinrich-Heine-Gymnasiums, den sie nutzen darf – und von dort ist es auch nicht weit in den Pfälzerwald.

Auf der Straße hängt sie ihn ab

„Das Wetter ist besser hier, und es ist besser für mich, hier zu trainieren, auch wenn meine Familie und meine Freunde nicht hier sind“, sagt sie. „Ich könnte stundenlang nur durch den Wald fahren.“ Es sei nicht so feucht wie in Irland. Und für sie ist Kaiserslautern inzwischen der Hafen geworden, von dem aus sie in See sticht. Die Radsportfamilie hat sie mit offenen Armen aufgenommen. Bahnrad-Olympiasiegerin Miriam Welte lädt sie schon mal zum Essen ein, damit sie sich nicht einsam fühlt, wenn Luca nicht da ist, Weltes Tochter Ida liebt sie abgöttisch und lernt für sie Englisch.

Und manchmal trainieren Spiegel und Gillespie auch zusammen. „Auch wenn der Inhalt unterschiedlich ist. Aber wir können zusammen ins Fitnessstudio gehen und auch zusammen auf der Straße trainieren“, sagt Spiegel, der aber zugibt, dass seine langstreckenerfahrene Freundin ihn da schon mal an seine Grenzen bringt. Darum einigen sich die Beiden oft aufs Mountainbiken, wenn sie mal eine „leichtere Einheit“ auf dem Trainingsplan stehen hat. Dann geht’s von Dansenberg aus los, mitten in den Wald, ihre grüne Insel, die sie genießen, wenn sie nicht gerade weltweit unterwegs sind. Aber irgendwann wollen sie zusammen ankommen. „Ich könnte mir einen Bauernhof vorstellen mit Tieren“, träumt Luca Spiegel von einer glücklichem Zukunft.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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