Trend zum Selbermachen
Basteln für die geistige Fitness
Die einen kaufen (fast) alles fertig ein und lassen sich auch noch das Essen liefern. Die anderen sägen ein neues Bücherregal, basteln Deko, kochen Prächtiges, häkeln Topflappen oder bauen Minisatelliten per Youtube-Video. Do it yourself, kurz DIY, boomt. Und ist offenbar weit mehr als ein kurzlebiger Trend, der durch Corona befeuert wurde. Auch das sogenannte Upcycling, bei dem man Dingen, die eigentlich im Müll landen würden, durch Wiederverwertung und/oder Umnutzung ein zweites Leben schenkt, erfreut sich stabiler Beliebtheit.
Sucht man bei Google nach DIY-Projekten, bekommt man rund 20,4 Millionen Treffer. Wer „Upcycling Ideen“ in die Suchleiste eingibt, findet knapp neun Millionen Internetseiten, und für „selber reparieren“ bekommt man schlappe 77,7 Millionen Einträge angezeigt. Gut so, findet Professor Martin Korte, Neurobiologe an der Technischen Universität in Braunschweig und Autor verschiedener Bücher rund um das Thema Gehirn. Sein neuestes Werk: „Frisch im Kopf – wie wir uns aus der digitalen Reizüberflutung befreien“.
Korte sagt, dass man sein Gehirn gravierend mehr trainiere, wenn man sich aufraffe, etwas selbst zu schaffen, zu basteln oder zu reparieren – viel mehr, als wenn man ein Geschenk fertig kaufe, Waren im Internet bestelle oder eine Dienstleistung organisiere. „Im Gehirn ist es so, dass – immer, wenn man etwas Anstrengendes tut – sich die Informationsweiterleitungsgeschwindigkeit erhöht, sich die Nervenzellen besser vernetzen und das Gehirn länger fit bleibt.“
Konzentrationsvermögen und Merkfähigkeit höher
Das gilt auch für jene vermeintlich untalentierten Leute, die behaupten, zwei linke Hände und null Talent für Modellier-, Schnitz- oder Malarbeiten zu besitzen. Jeder Versuch macht quasi klug, und insbesondere die Kombination aus Ideen, der Planung eines Projektes, dem Lesen und Befolgen von Anleitungen sowie der motorischen Aktivität fördert unser Konzentrationsvermögen, und das wiederum erhöht unsere Merkfähigkeit. „Das ist eine unbezahlbare Investition ins Gehirn, und man altert de facto langsamer“, erläutert Korte. „Und wenn man noch jung ist, wird der Grad des vernetzten Denkens verbessert.“
Basteln, Friemeln, Reparieren ist für die grauen Zellen ein bisschen so wie der Besuch im Fitnessstudio für den Bizeps oder der Waldlauf für die Kondition. Wobei man sagen muss, dass auch Sport – ebenso wie Meditation – gut ist für die Areale im Inneren unseres Kopfes: Sportliche Betätigung verbessert nämlich unter anderem die Durchblutung im Gehirn, und der Stirnlappen wird besser mit Sauerstoff und Glykose versorgt.
Sudoku, Rätseln, Lesen, Instrumente spielen: All das macht zudem geistig fitter und darüber hinaus auch noch glücklicher. „Die Tätigkeit an sich wird im Gehirn als Belohnung bewertet und führt zu einem Gefühl der Zufriedenheit“, so Korte. „Dazu bekommt man noch ein gewisses Gefühl der Autonomie, weil man ja etwas selbst gestaltet hat.“
Soziale Wertschätzung
Weihnachten ist zwar noch nicht in Sicht, aber genau wie der nächste Geburts-, Kennenlern-, Valentins-, Hochzeits- oder Muttertag kommt es gewiss, und deshalb ist es auch hilfreich zu wissen, dass man mit DIY-Geschenken nicht nur seinem eigenen Gehirn Gutes tut, sondern auch dem eines Beschenkten.
Egal, ob selbst gebrautes Gewürzöl, eine eigens kreierte Backmischung, ein gemaltes Bild, gestrickte Socken, gebastelte Karten oder auch einfach nur kreativ eingewickelte Päckchen: Die Geste des Selbermachens zählt, erklärt Korte: „Denn soziale Wertschätzung ist im Grunde die höchste Währung, die es in unserem Gehirn gibt. Die Anerkennung für die Mühe wird honoriert durch eine Aktivierung des Belohnungssystems, wo mit Opium und Morphium verwandte Substanzen ausgeschüttet werden.“ Es entsteht ein wohlig schönes Gefühl, das man spürt beim Auspacken eines Geschenks.
„Und der Prozess bis dahin ist wirklich eine Win-win-Situation“, ergänzt Alexandra Achenbach, promovierte Biologin, Nachhaltigkeitsexpertin, Autorin von ökologischen Ratgebern wie „Nachhaltig, aber günstig“ und Bloggerin bei www.livelifegreen.de. „Denn die Auszeit, die man sich nimmt, um sich einer kreativen Sache zu widmen, ist auch Zeit für sich selbst.“
„Große Genugtuung“
Achenbachs Ziel beim Selbermachen, Heimwerken und Upcycling war ursprünglich der Wunsch, nachhaltiger zu leben. Raus aus der Wegwerfgesellschaft und aus Altem Neues schaffen. Bei „Zero Waste“, also dem Vorsatz, keinen Müll zu produzieren, ist sie – wie sie selbst bedauert – bisher noch nicht angekommen, aber ihr ökologischer Fußabdruck hat sich bereits deutlich verkleinert. Kostenreduzierter lebt man durchs Selbermachen in den meisten Fällen allerdings nicht. „Das liegt daran, dass fertige Produkte mittlerweile unglaublich billig sind.“ Zweimal pro Woche verschleudern die Discounter Artikel aus ihrer Werbung, für die man einst lange sparen musste, und Plattformen wie Temu oder Shein sind so günstig, dass die Zutatenliste eines Do-it-yourself-Produktes definitiv teurer ist. „Aber es bereitet große Genugtuung, wenn Dinge hinterher auch nur ansatzweise so werden, wie man sie zuvor im Kopf hatte oder in einer Anleitung gesehen hat.“
Der Mensch ist gemacht zum Selbermachen mit seinen unfassbar geschickten Händen“, findet Achenbach, und lernen würde man das bereits im Kindergarten. Aber leider kommt einigen schon frühzeitig ihre Kreativität abhanden durch Sätze wie „Was soll das denn sein?“ oder „Das hat deine Schwester aber besser hinbekommen“. So was wirke nach bis ins hohe Alter, bedauert die Biologin.
Deshalb seien die Erwachsenen gefragt, Anerkennung zu zeigen – und eventuell ein Auge zuzudrücken, wenn das Endprodukt nicht perfekt gelungen ist. Am besten wäre natürlich, man bastelt oder baut gleich gemeinsam, egal was. „Man kann auch aus Tetrapaks oder Eierkartons Tolles machen: Der Begriff ,Müll’ ist relativ.“
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.