USA
Amerika zuerst? Trump hat’s nicht erfunden
Als Donald Trump am 20. Januar 2017 das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten übernahm, gab er dieses Versprechen ab: „Von diesem Tag an wird eine neue Vision unser Land regieren; von diesem Moment an, heißt es ,Amerika zuerst’.“ Tatsächlich war nichts davon neu. Die Maxime, sich aus den Kriegen anderer Erdteile herauszuhalten, um sich auf die Bedürfnisse der eigenen Nation zu konzentrieren, ist quasi so alt wie das Amt, das Trump nun zum zweiten Mal antritt. 1796 mahnte der Held des Unabhängigkeitskriegs und erste US-Präsident George Washington in seiner Abschiedsrede: „Es ist unsere wahre Politik, dauerhafte Bündnisse mit irgendeinem Teil der ausländischen Welt zu vermeiden.“
Ja, Trumps „America first“-Politik war 2017 ein Bruch mit dem außenpolitischen Konsens in Washington. Aber der war historisch gesehen noch gar nicht so alt. Er war ein Produkt der jüngeren Geschichte, genauer: des Kalten Kriegs.
Dass Washington die Weltpolitik anführen müsse, das galt erst mit Dwight Eisenhower in den 1950er-Jahren. Der erste Nato-Oberbefehlshaber setzte sich in der Republikanerpartei 1952 gegen Senator Robert Taft durch, der tatsächlich nichts anderes als eine „America first“-Außenpolitik forderte.
Auch die US-Präsidenten Woodrow Wilson und Franklin Roosevelt, unter denen die USA in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts intervenierten, hatten in ihren Wahlkämpfen versprochen, keine jungen Amerikaner an fernen Fronten zu opfern. Denn die Mehrheit der US-Amerikaner unterstützte den Isolationismus.
Allein: Die Kriege der Welt holten Amerika trotzdem ein. Das Land, dessen Interessen längst global waren, wurde durch deutsche Angriffe im Atlantik 1917 und japanische im Pazifik 1941 in das Stahlgewitter der Kriege Europas und Asiens gezogen.
Was für die junge, aufstrebende Nation unter George Washington Sinn ergab, passte schon Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr zum rasant expandierenden Gewicht der USA in der Welt. 1890 verfügte sie bereits über die produktivste Wirtschaft auf dem Erdball. Und trotzdem hielt sich der Ansatz „Amerika zuerst“ hartnäckig, und zwar nicht nur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als der Flugzeugpionier Charles Lindberg 1940 eine isolationistische Bewegung gründete, die den Namen „Amerika-Zuerst-Komitee“ trug. Auch in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren, als die USA den Kalten Krieg gewonnen hatten und als einzige verbliebene Supermacht der Erde galten, flackerte die Amerika-zuerst-Flamme weiter: Ein Republikanerpolitiker namens Pat Robertson machte Furore, indem er mit Inbrunst für einen Rückzug der USA aus den Konflikten der Welt plädierte.
Nicht mehr Reagans Partei
Wie also kam es, dass aus der Republikanerpartei Ronald Reagans, die Amerika als „Neues Jerusalem“, als Macht des Guten für Demokratie und internationale Integration sah, die Partei Donald Trumps wurde? Ein weiterer Satz aus Trumps Rede zum Amtsantritt 2017 gibt Aufschluss: „Wir haben ausländische Industrien zum Nachteil amerikanischer reicher werden lassen.“ Ob durch die Deindustrialisierung des Mittleren Westens oder die Immobilien- und Bankenkrise 2007/2008 – die Wahrnehmung vieler Amerikaner ist, dass die Eliten des Landes die Mittelschicht in die wirtschaftliche Hölle geschickt haben, während sie selber sich immer mehr bereicherten. Zudem waren da die astronomischen Kosten der Kriege in Irak und Afghanistan. Allein der zwei Jahrzehnte dauernde Waffengang am Hindukusch kostete die USA 2,3 Billionen Dollar.
Dennoch: Unterm Strich hat Amerika auch wirtschaftlich von der Architektur der Weltpolitik nach 1945 immens profitiert. Das Pro-Kopf-Einkommen der Amerikaner stieg von Eisenhowers Zeit bis heute inflationsbereinigt um das Fünffache. Ihre Basen in aller Welt geben den USA eine Macht, wie sie noch kein Land vorher hatte: Die Third Air Force mit ihrem Hauptquartier in Ramstein bedient eine Region in Europa und Afrika, die 13-mal so groß ist wie die USA.
Trumps Versprechen, die Deutschen und die Südkoreaner für die US-Basen bluten zu lassen, ist populär. Aber wenn Trump „Amerika zuerst“ ernst nimmt, ist die Projektion von Macht, die er eben auch nicht aufgeben möchte, gefährdet. Wie in seiner ersten Amtszeit wird er wählen müssen: Wie viel Macht wäre er bereit zu opfern, um Ressourcen fürs Militär in aller Welt abzuziehen und in Schulen und zivile Forschung daheim zu stecken? Tatsächlich haben viele US-Abgeordnete Rüstungsbetriebe in ihren Wahlkreisen, die Nutznießer der Allianzen sind, die im Kalten Krieg geschmiedet wurden. Amerikas Verbündete kauften vergangenes Jahr für 185 Milliarden Dollar Militärgerät „made in America“.
Innerer Widerspruch
Und es gibt in der Trump’schen Regierungspartei einflussreiche Politiker, allen voran den Ex-Senatsfraktionschef Mitch McConnell, die eindringlich davor warnen, dass Isolationismus Amerikas Karten im globalen Machtpoker schwächen würde. Die Warnungen sind düster: So wie einst die Nazis das Vakuum durch den Rückzug Amerikas nach dem Ersten Weltkrieg gefüllt hätten, könnten China und Russland gemeinsam mit den Regimen Irans und Nordkoreas dafür sorgen, dass das 21. Jahrhundert am Ende wie das kriegsgeschüttelte 18. Jahrhundert zu George Washingtons Zeit aussähe. Die mit Milliardären gespickte Trump-Regierung dürfte die wirtschaftlichen Folgen geopolitischen Rückzugs gut verstehen. Auf die EU-Staaten entfällt fast ein Fünftel des US-Handels. Es gibt also einen kaum aufzulösenden Widerspruch zwischen „Amerika zuerst“ und Trumps eigenem Großmachtdenken.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.