Gesundheit RHEINPFALZ Plus Artikel Ärztemangel auf dem Land: Warum Frau B. keinen Rheumatologen findet

Zum Ärztehaus? Lang und gewunden kann auf dem Land der Weg zum Ärztehaus, zum Allgemeinmediziner oder Facharzt sein. Wenn man üb
Zum Ärztehaus? Lang und gewunden kann auf dem Land der Weg zum Ärztehaus, zum Allgemeinmediziner oder Facharzt sein. Wenn man überhaupt noch einen findet.

Die ärztliche Versorgung abseits der Städte kann für Patienten schon jetzt schwierig sein – und der demografische Wandel wird das Problem verschärfen. Ob aktuelle Lösungsansätze funktionieren, ist fraglich. Ein Beispielfall aus der Südwestpfalz.

Es gab einen Punkt in der Krankengeschichte von Petra Bachmann, da war sie auf 40 Kilo abgemagert. Die Rheumaärztin, in deren Praxis sie Patientin war, hatte laut Gatte Hans Bachmann komplett auf Privatpatienten umgestellt. „Wir haben keine Ärztin mehr gehabt – und auch keine gefunden“, sagt er. Petra Bachmann, schwer rheumakrank und mit gravierenden Lungen- und Herzproblemen, war also vier Monate lang fachärztlich unversorgt – und dann hat man sie ins Spital einweisen müssen.

Petra Bachmann hat dann eine neue Rheumaärztin gefunden, in Landau, und Gatte Hans hat sie regelmäßig mit dem Auto hingefahren, auch im Winter auf Sommerreifen, kein Geld da im Hause Bachmann. Die neue Ärztin geht in diesem Sommer allerdings auch, und so wird Petra Bachmann zur Behandlung vom südwestpfälzischen Bundenthal aus nach Karlsruhe oder Homburg reisen müssen. Oder wieder auf 40 Kilo abmagern.

So weit die Krankengeschichte von Petra Bachmann, 70 Jahre, in Kurzform, und Hans Bachmann, 74 Jahre, formuliert die eine der beiden jetzt anstehenden Fragen: „Wie wollen Sie eine immer älter werdende Gesellschaft zu den Ärzten bringen?“, fragt er. Oder eben die Ärzte zu einer immer älter werdenden Gesellschaft, und das gerade auf dem Lande.

Es spielt diese Geschichte zunächst in dem Teil der Südwestpfalz, in dem Frankreich nur noch wenige Kilometer entfernt ist, aber eigentlich spielt sie vielerorts im ländlichen Raum. Wiesenlandschaft entlang des Erlenbaches, links oben der Berwartstein. Biegt man in Niederschlettenbach rechts ab, dann fährt man durchs Dahner Tal, folgt also der Wieslauter Richtung Norden. Kommt man in der Straße an, in der die Bachmanns leben, dann sind die Häuser unten am Hang tendenziell groß und verhältnismäßig neu, und die oben am Hang tendenziell älter und eher klein. In dem der Bachmanns bollert der Ölofen. Petra Bachmann schläft im Obergeschoss, so wie sie es immer ab dem Mittag tut, und Hans Bachmann stützt die Unterarme auf den Esstisch und fragt sich, wie das eigentlich alles weitergeht mit der ärztlichen Versorgung im ländlichen Raum und in strukturschwachen Regionen.

Fachärzte: Nur die Spitze des Eisbergs

Dass man darüber nachdenken muss, und das schon länger, das offenbart bereits ein Blick auf die Zahlen. Laut Statistik der Kassenärztlichen Vereinigung sind in der Westpfalz zurzeit zwei Arztsitze für Rheumatologen unbesetzt, aber Fachärzte sind da nur die Spitze des Eisbergs: Das Problem stellt sich schon viel grundsätzlicher, bei den Allgemeinmedizinern. Alleine im Bereich Dahn werden laut Kassenärztlicher Vereinigung in den nächsten Jahren 57 Prozent der niedergelassenen Allgemeinmediziner altersbedingt ausscheiden, acht Ärzte also. In der Region sieht’s nicht besser aus: 54 Prozent, 34 Ärzte, werden im Raum Pirmasens in näherer Zukunft ersetzt werden müssen. 47 Prozent, 15 Ärzte, sind es im Raum Zweibrücken. Tröstliches vermag die Statistik auch zu berichten: Im Raum Dahn müssen, Stand jetzt, die Hälfte der Patienten weniger als einen Kilometer bis zur nächsten Hausarztpraxis zurücklegen. Womit das erkauft wird, kann man Stefan Mainberger fragen.

Im MVZ in Landau wurde Frau Bachmann behandelt – bis die Rheumatologin dort aufhörte.
Im MVZ in Landau wurde Frau Bachmann behandelt – bis die Rheumatologin dort aufhörte.

Der ist niedergelassener Arzt in Bundenthal, einer von zwei verbliebenen im unteren Tal der Wieslauter. Im nahen Bruchweiler-Bärenbach gibt’s auch noch einen, der ist allerdings schon länger über der Verrentungsgrenze. Mainberger behandelt pro Quartal 1700 Patienten, hat 15- bis 16-Stunden-Tage, auch deshalb, weil er auch im nahen Sauertal Hausbesuche macht, dort, bei Fischbach, gibt’s nämlich keine allgemeinmedizinische Praxis mehr. Und wenn man ihn fragt, warum das alles so ist, wie es ist, und wie es anders sein könnte, wie also mehr junge Mediziner für die Tätigkeit auf dem Lande zu interessieren wären, dann schreibt er, per Mail, weil er keine Zeit zum Telefonieren hat: „Indem man das Land attraktiver macht. Derzeit zielt die Politik auf Urbanisierung. Alles wird für die Stadt gemacht. Auch in anderen Bereichen herrscht eine Landflucht, außer bei den Rentnern, und denen fehlen dann die Ärzte und Zahnärzte etcetera ...“.

Ärzte fehlen ohnehin, folgt man jedenfalls manchen Stimmen. Laut Landesärztekammer sind 55 Prozent der Mediziner im Land älter als 50 Jahre. Es werde zu wenig ausgebildet, meint die Kammer, und das sieht Mainberger genauso. „Durch massive Einsparungen bei der Ausbildungszahl von Ärzt:innen vorbei am Bedarf (Bewerber gibt es ja immer noch genug, anders als in anderen Fachkräftebereichen) glaubte man wohl, die Kosten im Gesundheitswesen zu dämpfen“, schreibt Mainberger, seine erste Mail kommt übrigens um 23.31 Uhr.

„Bessere Work-Life-Balance“

Ganz eindeutig ist allerdings auch die Kammer-Statistik nicht: „Insgesamt ist die Zahl der in Rheinland-Pfalz berufstätigen Ärztinnen und Ärzte 2023 im Vorjahresvergleich um 1,7 Prozent gestiegen“, so die Kammer in einer Pressemitteilung. Der Zuwachs könne allerdings den schon länger bestehenden Ärztemangel kaum ausgleichen. Zudem habe, einhergehend „mit gesellschaftlichen Veränderungen und dem Wunsch nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, das „Arbeitsvolumen in den vergangenen Jahren abgenommen“. Seine jüngeren Kollegen wollten „eine bessere Work-Life-Balance – und sie haben recht“, meint Mainberger. „Das trifft aber für Stadt und Land zu. Das Land ist nur die erste Wiese, die vertrocknet, wenn das Bewässerungssystem nicht mehr genug Wasser hat.“

Laut Landesärztekammer sind 55 Prozent der Mediziner im Land älter als 50 Jahre. Es werde zu wenig ausgebildet, meint die Kammer
Laut Landesärztekammer sind 55 Prozent der Mediziner im Land älter als 50 Jahre. Es werde zu wenig ausgebildet, meint die Kammer.

Um im Bilde zu bleiben: Ein Teil des Wassers läuft wohl auch schlicht woanders hin. Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung arbeiteten im Jahr 2022 76 Prozent der knapp 560.000 Ärzte in Deutschland als Mediziner – der Rest in anderen Branchen beispielsweise der Pharmaindustrie. Wo Arbeitszeiten unter Umständen besser planbar – und die Saläre unter Umständen höher sind.

„Wir müssen nach neuen Arbeitszeitmodellen suchen“, meint Elke Raum, Professorin am Fachbereich Management, Controlling und HealthCare an der Hochschule Ludwigshafen – und selbst Ärztin. Die Niederlassung und der damit verbundene Zeit- und Arbeitsaufwand, der sei für viele Mediziner „nicht mehr so attraktiv“, meint Raum – und im Grunde spiegle sich da ein allgemeiner Trend in der Arbeitswelt.

Der dann eben zur Frage führt, ob das Konzept „Hausarzt“ anders zu organisieren ist. Raum verweist da beispielsweise auf Praxisgemeinschaften im Schwäbischen, mehrere Mediziner wechseln dort durch die jeweiligen Außenstellen. „Die Patienten müssen wegkommen vom Gedanken, dass der Hausarzt da wohnen muss, wo er arbeitet, und dass es immer derselbe Arzt ist, der sie behandelt“, sagt Raum.

Was können Medizinische Versorgungszentren?

Medizinische Versorgungszentren, kurz MVZ, sind auch Mittel, die immer wieder als Medikation für ein kränkelndes Gesundheitssystem propagiert werden: Die „funktionieren zum großen Teil darüber, dass die Mediziner dort im Angestelltenverhältnis arbeiten, was sie zunehmend präferieren“, meint Raum. Die Zentren können in privater oder kommunaler Trägerschaft stehen – und in der Verbandsgemeinde Dahner Felsenland denkt man laut Daniel Frey, Ortsbürgermeister von Bundenthal, schon länger über die Einrichtung eines MVZ oder eines Ärztehauses nach – ob in kommunaler oder privater Trägerschaft ist freilich unklar. Wie wohl einiges beim Projekt: Die Verbandsgemeinde reagiert jedenfalls nicht auf eine entsprechende Anfrage dieser Zeitung.

Wundert Mediziner Mainberger nicht, dass das Konzept wohl nicht recht in die Gänge kommen will: „Es ist ein Irrglaube, wenn man meint, man baut ein Haus, und dann kommen die Ärzte“, schreibt er. Selbst wenn sie gekommen sind, gehen sie manchmal auch wieder: Petra Bachmanns Rheumaärztin ist in einem Landauer MVZ tätig – und hört dort auf. Wer dafür verantwortlich ist, dass die Ärzte das Zentrum fliehen, ist, wie nicht anders zu erwarten, zwischen den Beteiligten umstritten.

Die „Landarztquote“ des Landes ist ein weiterer Hebel, mit dem man versucht, medizinische Versorgung in die Fläche zu bekommen: 27 Studienplätze für angehende Mediziner, die es nach dem Numerus clausus nicht ins Studium geschafft hätten, stellt das Land seit dem Wintersemester 2020/21 pro Jahr zur Verfügung – wenn die sich verpflichten, nach Abschluss des Studiums zehn Jahre lang im ländlichen Raum zu arbeiten. Ein ähnliches Konzept verfolgt der Verein „Ärzte für die Westpfalz“, 16 Stipendien für angehende Mediziner, die dann in Ungarn studieren, und sich hinterher in der Westpfalz oder dem Kreis Bad Kreuznach niederlassen sollen. Allerdings: Das Medizinstudium samt Facharztweiterbildung dauert etwa elf Jahre – und erst dann kann das Konzept wirken.

„Probleme schon lange bekannt“

Die Effekte des Ärztemangels auf dem Lande, die machen sich schon lange bemerkbar – und „die Probleme im ländlichen Raum sind schon lange bekannt“, meint Raum. Als die allgemeinmedizinische Praxis im Sauertal dichtgemacht hat, da haben die Menschen teilweise stundenlang mit Rollatoren auf der Straße gewartet – wenn sich herumgesprochen hat, dass Stefan Mainberger dort einen Hausbesuch macht. Einen Teil eben jener Hausbesuche machen in seiner Praxis auch die nicht ärztlichen Praxis-Assistentinnen – beispielsweise um vorzusondieren, wo die Anwesenheit des Mediziners vonnöten ist.

Die „Landarztquote“ des Landes ist ein Hebel, mit dem man versucht, medizinische Versorgung in die Fläche zu bekommen: 27 Studie
Die »Landarztquote« des Landes ist ein Hebel, mit dem man versucht, medizinische Versorgung in die Fläche zu bekommen: 27 Studienplätze für angehende Mediziner, die es nach dem Numerus clausus nicht ins Studium geschafft hätten, stellt das Land seit dem Wintersemester 2020/21 pro Jahr zur Verfügung.

Und dies alles ist wohl schon lange Mangelverwaltung, und die Erfordernisse einer älter werdenden Gesellschaft werden die Lage wohl kaum entspannen. „Wir haben ein sehr enges (ärztliches, d. Red.) Netzwerk in Deutschland – und das wird sich auf Dauer wohl nicht aufrechterhalten lassen“, meint Elke Raum, die, wie gesagt, für eine Flexibilisierung des Systems eintritt. Voraussetzung auch für die: Irgendjemand muss immer noch auf dem Lande arbeiten wollen, das bei näherer Betrachtung wohl oft nicht so idyllisch ist, wie es wirkt. „Wenn wir eine generelle Landflucht haben, ist das ein generelles Problem der Politik“, sagt Raum.

Mainberger will jedenfalls im Herbst 2027 in Rente gehen, und sein Kollege aus Bruchweiler-Bärenbach, der wäre unter normalen Umständen eigentlich schon lange im Ruhestand. Mainbergers Assistentin, momentan im Erziehungsurlaub, hat Interesse bekundet, die Praxis weiterzuführen, eine weitere Kollegin will sich in seiner Praxis weiterbilden lassen und will dort unter Umständen auch weiterarbeiten. „Um hier mit ausreichender Work-Life-Balance arbeiten zu können, wären aber vier bis sechs Leute besser“, schreibt er.

Reizthema Fahrtkosten

Wenn man den Arzt nicht ins Idyll bekommt, stellt sich im Übrigen die Frage, wie man den Patienten aus dem Idyll zum Arzt bekommt, die Frage also, die Hans Bachmann schon ganz zu Anfang gestellt hat. Antwort: Nur schwerlich – auf die Problemlage des ländlichen Raums scheint das Gesundheitssystem nämlich auch nur unzureichend vorbereitet. Die DAK-Gesundheit, bei der die Bachmanns versichert sind, beantwortet die entsprechenden Fragen freundlicherweise ausführlich – und das Folgende gilt demnach für alle gesetzlichen Kassen: Ein Anspruch der Erstattung der Fahrtkosten bei Fahrten in Arztpraxen besteht demnach „nach dem Willen des Gesetzgebers nur in Ausnahmefällen und grundsätzlich nur nach vorheriger Genehmigung“. Ausnahmefälle sind zum Beispiel Fahrten zu Serienbehandlungen wie Dialyse und Chemotherapie, bei besonderen Mobilitätseinschränkungen mit entsprechenden Vermerken im Schwerbehindertenausweis oder Fahrten von mobilitätseingeschränkten Pflegebedürftigen ab Pflegegrad 4.

Im Einzelfall: Fragen Sie Ihren Arzt. Wenn Sie einen finden.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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