Rheinland-Pfalz
Wie Rheinland-Pfalz klimaneutral werden kann
Auf den Straßen werden E-Autos surren, statt Öl- oder Gasheizungen wärmen zum Beispiel strombetriebene Wärmepumpen die Häuser. In der Industrie tritt an die Stelle fossiler Energie Strom aus regenerativen Quellen oder Wasserstoff, der aus Ökostrom gewonnen wird. So soll Rheinland-Pfalz spätestens im Jahr 2040 aussehen. Klimaneutral. Mit diesem politischen Ziel ist die Koalition aus SPD, Grünen und FDP im Mai 2021 angetreten. Am Dienstag, rund eineinhalb Jahre später, stellten Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), Umweltministerin Katrin Eder (Grüne) und Wirtschaftsministerin Daniela Schmitt (FDP) in Mainz eine Studie vor, in der erstmals benannt wird, wie viel Strom und wie viel Wasserstoff für die Klimaneutralität benötigt wird. „Wir wollen, dass Rheinland-Pfalz ein erfolgreiches Industrieland bleibt“, sagte Dreyer.
Stromverbrauch wird drastisch steigen
Im Jahr 2040 werden 36,7 Terawattstunden Strom benötigt, fünf Jahre später sogar 46,4 Terawattstunden, das sind jeweils Milliarden Kilowattstunden. So steht es in der „Wasserstoffstudie mit Roadmap“, die unter der Leitung von Martin Robinius von der Umlaut Energy GmbH in Aachen erstellt wurde. Zum Vergleich: Zuletzt hat das Statistische Landesamt den Stromverbrauch in Rheinland-Pfalz mit 28,7 Milliarden Kilowattstunden angegeben. Davon waren 38,3 Prozent regenerativ erzeugt – mit Wind, Sonne, Wasserkraft und Biomasse.
Mehr als die Hälfte des Bedarfs wird jedoch noch immer aus Kohle–, Gas- oder Atomkraftwerken gedeckt. Schon in acht Jahren, im Jahr 2030, soll der in Rheinland-Pfalz verbrauchte Strom komplett aus regenerativen Quellen im eigenen Land hergestellt werden. Bilanziell zumindest, denn wenn es Nacht ist und windstill, dann muss der Strom aus anderen Anlagen fließen. Auch dieses 100-Prozent-Ziel hat sich die Landesregierung gegeben.
Verzehnfachung der Solarenergie nötig
Es sei machbar, erfordere aber höchste Anstrengungen und eine höhere Ausbauplanung, sagte Robinius auf Anfrage. Es muss also deutlich schneller gehen mit der Errichtung neuer Windkraftanlagen und dem Repowering alter Anlagen. Die installierte Leistung der Windenergie müsse bis zum Jahr 2040 um das zweieinhalbfache auf dann zehn Gigawatt erhöht werden, heißt es in der Studie. Das erfordere einen Zubau von etwa 330 Megawatt Leistung pro Jahr. Eine moderne Windkraftanlage an Land schafft etwa sechs Megawatt Leistung. Bei der Photovoltaik müsse die Leistung verzehnfacht werden auf dann 30 Gigawatt. Derzeit scheitert der schnellere Ausbau des Sonnenstroms vor allem an Lieferengpässen und Handwerkerkapazitäten. Für den beschleunigten Ausbau der Windkraft verändert die Landesregierung derzeit die Landesplanung. So soll der Abstand zur Wohnbebauung auf 900 Meter reduziert werden.
Größter Verbraucher von Wasserstoff bleibt die BASF
Die Nachfrage nach Wasserstoff wird nach der Studie im Zieljahr der Treibhausgasneutralität 2040 bei insgesamt 22 Terawattstunden liegen. Größter Verbraucher wird die BASF in Ludwigshafen bleiben. Vor knapp einem Jahr gab das Unternehmen seinen Wasserstoffbedarf gegenüber der RHEINPFALZ mit 250.000 Tonnen jährlich an, das sind umgerechnet etwa 8,3 Terawattstunden. Bisher wird Wasserstoff dort vorwiegend aus Erdgas hergestellt. Vor der Preisexplosion im Zusammenhang mit dem Ukrainekrieg betrug der Preis dieses „grauen“ Wasserstoffs etwa ein Drittel des „grünen“ Wasserstoffs. Dieser wird durch die Aufspaltung von Wasser mittels Elektrolyse gewonnen, wobei Strom aus regenerativen Quellen eingesetzt wird. Wirtschaftlich sinnvoll ist es nach den Autoren der Studie, wenn nur ein Achtel des im Land benötigten Wasserstoffs in Rheinland-Pfalz hergestellt wird. Nötig sei dafür eine Elektrolysekapazität von 1,3 Gigawatt.
Studie kostete 500.000 Euro
Günstiger sei es, wenn der größte Teil des benötigten Wasserstoffs aus Norddeutschland, aus Südeuropa, aus Nahost und Nordafrika importiert werde. Es könne zu einem verstärkten Pipelineneubau kommen, möglich sei auch, dass bestehende Erdgaspipelines umgewidmet würden. Rheinland-Pfalz ist derzeit gut an das Erdgasnetz angebunden. Nach der Studie verschwindet Erdgas bis zum Jahr 2045 noch nicht ganz aus Rheinland-Pfalz, verringert sich aber um mehr als 90 Prozent.
Die Studie kostete laut Umweltministerin Eder 500.0000 Euro. Sie wurde von einem 30-köpfigen Projektbeirat begleitet, dem die BASF angehörte wie Gewerkschaften und Verbände. Mit dabei war auch die Landesvereinigung der Unternehmerverbände. Deren Präsident, Johannes Heger, bemängelte, dass die aktuellen Entwicklungen in der Studie nicht berücksichtigt seien. Auf die Wasserstoffstudie müsse nun eine Strategie zur Energieversorgung aufbauen.