Rheinland-Pfalz Wenn Frauen töten
«Ludwigshafen.» In Ludwigshafen soll eine 48-Jährige am Sonntagmorgen ihren Lebensgefährten erstochen haben. Dass Frauen andere Menschen töten, kommt vergleichsweise selten vor. Doch in der Pfalz sind zuletzt mehrfach weibliche Angeklagte als Mörderinnen verurteilt worden.
Weil er aus einer Nachbarwohnung Hilfeschreie einer weiblichen Stimme gehört hatte, wählte ein Ludwigshafener am Sonntag gegen 6.30 Uhr den Notruf. Die Beamten rückten an, fanden in dem Appartement auch tatsächlich eine blutverschmierte Frau. Doch diese 48-Jährige war nicht das Opfer: Am Boden lag stattdessen ihr Lebensgefährte. Offenbar war der 43-Jährige verblutet, weil seine Partnerin im Streit mit einem Küchenmesser zugestochen und so die Hauptschlagader seines Oberschenkels durchtrennt hatte. Dabei passiert es vergleichsweise selten, dass Frauen andere Menschen umbringen. Das zeigen nicht nur entsprechende Statistiken aus aller Welt, sondern auch die von der Polizei in Rheinland-Pfalz erfassten Daten. Für „Tötungsdelikte“ – unter diesem Begriff sammeln die Behörden alle Fälle von Mord, Totschlag und „Tötung auf Verlangen“ – wurden 2018 landesweit 90 Menschen verantwortlich gemacht. Unter ihnen waren gerade einmal zwölf Frauen, was 13,3 Prozent entspricht. Und ähnlich niedrig war der Anteil weiblicher Tatverdächtiger auch in den Vorjahren. Wenn sie diese Zahlen erläutern sollen, verweisen Kriminologen darauf, dass Männer allgemein häufiger kriminell werden als Frauen. Und darauf, dass tödliche Gewalt eher einsetzt, wer dabei mehr Kraft aufbieten kann. Der generelle Unterschied in den körperlichen Voraussetzungen könnte auch eine statistische Merkwürdigkeit erklären: Der Anteil weiblicher Verdächtiger steigt, wenn man sich auf jene Fälle konzentriert, die als Mord eingestuft werden. In Rheinland-Pfalz betrug er 2018 genau 15 Prozent, in den Vorjahren lag er bei jeweils gut 18 Prozent. Denn die Grenze vom Totschlag zum noch härter zu ahndenden Mord überschreitet zum Beispiel, wer „heimtückisch“ vorgeht. Das tut etwa, wer jemandem heimlich Gift ins Essen mischt. Oder wer mit einer tödlichen Attacke wartet, bis das Opfer eingeschlafen ist. Und solche Vorgehensweisen bieten sich eben für Frauen an, die einen ihnen körperlich überlegenen Mann umbringen wollen. Doch als in den vergangenen Jahren in der Pfalz mehrere weibliche Angeklagte als Mörderinnen verurteilt wurden, hatten die Ermittler andere Konstellationen aufgedeckt. Lebenslängliche Haft verhängten Frankenthaler Richter im vergangenen September gegen eine Frau, die selbst gar nicht dabei war, als zwei wohlhabende Männer aus der Region erdrosselt wurden. Doch hatte sie als Lockvogel dafür gesorgt, dass ihre Komplizen die Geschäftsleute überwältigen konnten. Denen sollte anschließend Geld abgepresst werden. Doch die Richter urteilten: Es war von Anfang an klar, dass sie am Ende umgebracht würden. Und wer bei so etwas mitmacht, wird auch dann zum Mörder, wenn er die Opfer selbst gar nicht anrührt. Noch weniger hatten zwei Frauen getan, die das Landgericht Kaiserslautern Anfang 2017 für den Tod einer Fünfjährigen mitverantwortlich machte. Die Mutter des Mädchens hatte sie einem Paar zur Betreuung überlassen. Doch vor allem der Mann misshandelte das Kind – bis es umfiel und an einer Hirnblutung starb. Allerdings hätte es nach dem Zusammenbruch vielleicht noch gerettet werden können. Aber auch die Freundin des Misshandlers und die Mutter der Fünfjährigen holten keinen Arzt, obwohl sie in den entscheidenden Minuten dabei waren. Wenn andere Menschen sich so verhalten hätten, wäre sie wegen unterlassener Hilfeleistung bestraft worden. Doch weil die Frauen für das Mädchen eine besondere Verantwortung trugen, hatten sie sich des „Mordes durch Unterlassen“ schuldig gemacht. Eine aktive Rolle bei Morden in einem Lambrechter Altenheim schrieben Frankenthaler Richter hingegen der 27-jährigen Altenpflegerin zu, die sie im Juni 2018 zusammen mit zwei Kollegen verurteilten: Sie habe gar die Initiative zur ersten Tat ergriffen. Doch auch das muss Kriminologen nicht überraschen. Ein Experte schrieb vor einigen Jahren in einem Fachmagazin über Pflegekräfte, die Patienten umbringen: Die Täter sind in fast der Hälfte der Fälle weiblich. Andere Forscher wiederum haben zuletzt eine Studie veröffentlicht, für die sie alle schwedischen Mord- und Totschlagsfälle aus 20 Jahren analysiert hatten. Ergebnis: Frauen töten selten, aber wenn sie es doch tun, bringen sie besonders oft ihren Partner um – mit einem Messer, und während sie unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stehen. Bei der in Polen geborenen 48-Jährigen in Ludwigshafen maßen die Beamten am Sonntag mit einem Atemtest einen Wert von 1,55 Promille.