Kaiserslautern
Nachtschicht mit der Bundespolizei: Elend, Diskussionen, Dankbarkeit
Es ist eine Szene, die diese kalte Sommernacht am Hauptbahnhof in Kaiserslautern eindrücklich zusammenfasst: Weit hinten auf Bahnsteig 3, dort, wo sich normalerweise kein Mensch hin verirrt, liegt eine Geige. Sie gehört einem älteren Musiker, der nachts um 4 Uhr auf dem leeren Bahnsteig gefallen ist, von Gott spricht, der ihn straft, und vom Teufel. Der Fahrdienstleiter der Bahn hat den Gestürzten gesehen und die Bundespolizei informiert. Und so stehen Polizeikommissarin Rößner (25) und Polizeihauptmeister Steller (37) neben dem Gefallenen, um ihm beizustehen und mit ihm auf den Rettungswagen zu warten. Die junge Kommissarin beruhigt den auf dem Bahnsteig Liegenden: „Gott ist vielleicht doch nicht ganz so böse.“ Schließlich habe dieser ihn davor bewahrt, auf die Gleise zu fallen.
Rößner und Steller – die ihre Vornamen nicht veröffentlicht sehen wollen – sind Bundespolizisten. Sie sind zuständig für die Sicherheit auf dem Bahnhof und dem dazugehörigen Gelände. Doch sie sind weit mehr als Vertreter des Staates in Uniform: Sie sind in dieser Nacht auch Sozialarbeiter und Streetworker und mitunter die einzigen, die mit jenen Menschen reden, deren Lebensmittelpunkt der Bahnhof ist: empathisch in der Aussage, klar in der Ansage.
So viele aus der Bahn geworfene Menschen
Wenn man die beiden Bundespolizisten bei ihrer Nachtschicht begleitet, bleiben am Ende vor allem zwei Einsichten: Wie viel Elend und Perspektivlosigkeit es doch gibt, wie viel gestürzte und aus der Bahn geworfene Menschen sich auf dem Bahnhof einer mittelgroßen Stadt im Westen der Pfalz wiederfinden. Und wie gut es ist, dass dieser Bahnhof in der Nacht offen ist und ein klein bisschen Schutz, ein klein bisschen Wärme bietet. Auch für jene Mitarbeiter des Amazon-Logistikzentrums, deren Schicht um 23.45 Uhr endet – und die die halbe Nacht auf dem Bahnhof verbringen müssen, bis um 3.55 Uhr der erste Zug fährt, der sie nach Neustadt, Ludwigshafen oder Landau bringt.
Die beiden Bundespolizisten kennen viele derjenigen, die nachts auf dem Bahnhof sind, vom Sehen. Einige kennen sie auch mit Namen, weil sie sie schon öfter kontrolliert haben. Denn eigentlich ist der Bahnhof ja ein Ort für „Menschen mit Reiseabsichten“ – und wenn jemand seit Stunden auf dem Bahnhof umhergehe oder am Bahnsteig sitze ohne erkennbar ein Ziel zu haben, frage man nach den Personalien, sagt Steller.
Videoüberwachung hilft bei der Aufklärung
Ende Juni war der Bahnhof in Kaiserslautern national in den Medien: Eine 20-jährige Frau hatte einen 64-jährigen Mann erstochen, nachdem er sie auf der Rolltreppe sexuell belästigt hatte. Dass der Sachverhalt so schnell aufgeklärt werden konnte, hängt auch damit zusammen, dass die Bahn kurz zuvor neue Videokameras im Lauterer Bahnhof installiert hatte – diese Aufzeichnungen kann die Bundespolizei nutzen, sie werden mehrere Wochen lang gespeichert.
Alexandra Blätz (49) hat diese Bildschirme in dieser Nacht im Revier in der Kaiserslauterer Bahnhofstraße im Blick: Man sieht viele Ecken des Bahnhofs, kann das Geschehen auf den einzelnen Gleisen betrachten. Es sieht alles in allem sehr ruhig aus. Doch ruhig und eintönig sei der Job keineswegs, betont Gruppenleiterin Blätz, die Chefin der Nacht im Revier: „Man wird sehr gefordert und man weiß nie, wie der Dienst verläuft.“ Ihr gefällt das, sie mag auch die Nachtschichten – denn dann kann sie in Ruhe die Streifen koordinieren oder die Akten für die Staatsanwaltschaften fertig machen. „Ich vertrag’s gut, ich mache es gern“, sagt sie über die Schichtarbeit – es gibt allerdings auch Kollegen, die die Zwölf-Stunden-Schichten mit zunehmenden Alter nicht mehr so gut wegstecken.
Wenn Rößner und Steller von ihren Runden auf dem Bahnhof zurückkommen, sprechen sie kurz mit Gruppenleiterin Blätz, bevor sie sich an den Computer setzen, um die Fälle zu dokumentieren (es ist bei der Bundespolizei nicht anders wie in anderen Berufen: Dokumentation ist wichtig). Und so landet beispielsweise auch jener Fall im Computer, zu dem die Beamten am frühen Abend von einem Zugbegleiter des RE 1 gerufen worden sind: Ein Schwarzfahrer wollte bei einer Kontrolle seine Papiere nicht zeigen, Steller und Rößner erwarten ihn am Bahnsteig. Seine Frau findet es nicht in Ordnung, dass wegen des bisschen Schwarzfahrens gleich die Polizei anrückt und diskutiert mit den Beamten. Die reagieren besonnen. „Diskussionen sind Standard“, sagt Steller später. Die Polizei kommt übrigens nicht wegen des „Erschleichen von Leistungen“, wie Schwarzfahren im Strafrecht heißt, sondern wird nur dann informiert, wenn die Schwarzfahrer sich nicht ausweisen können oder wollen.
Sagt der 19-Jährige zur Polizei: „Ey, danke Ihnen“
Der 19-Jährige, mit dem die beiden Polizisten als nächstes zu tun haben, hat kein Problem damit, seinen Personalausweis zu zeigen. Er will nach Berlin fahren, um dort bei Freunden oder auf der Straße zu leben. Geld? Fehlanzeige. „Ich fahre einfach schwarz“, sagt er zu den Polizisten. Rößner stutzt: „Es ist jetzt blöd, wenn Sie das der Polizei so sagen.“ Doch der ausgesucht höfliche junge Mann gibt die Berlin-Träumerei zumindest für diese Nacht auf, nachdem die Polizistin ihm den Tipp gegeben hat, bei der nahe gelegenen Caritas Hilfe zu suchen: „Ey, danke Ihnen. Schöne Schicht noch.“
Einen anderen 19-Jährigen hat das Schicksal härter gepackt. Er liegt bekleidet mit einer Jogginghose und einer dünnen Jacke buchstäblich im Dreck, am Bahnbetriebsgelände unter einer Rampe. Rößner und Steller gehen zum Revier zurück, bringen ihm zwei Einmal-Decken. Eine zum Draufliegen, eine zum Zudecken. Denn die Nacht ist kalt. Das merken auch die Männer, die ihr Nachtlager vor dem Bahnhof aufgeschlagen haben und die von den Polizisten gebeten wurden, in dieser Nacht „keinen Terz zu machen“. Als Polizeikommissarin Rößner und Polizeihauptmeister Steller weggehen, sagt der eine Obdachlose zum anderen: Es gebe ja solche und solche Menschen, aber: „Die sind ganz lieb, die zwei.“
